Minderheiten hoffen auf Restitutionswelle

30. Jänner 2012, 18:39
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    foto: standard/bernath

    "Volksmarkt" statt Friedhof: In den 1980er-Jahren planierte die Stadtverwaltung Yesilköys armenische Gräber, nun ordnete ein Gericht die Rückgabe an. Einer der größten Märkte Istanbuls ist seit längerem am Rand von Yesilköy, nahe dem Atatürk-Flughafen.

Am Stadtrand von Istanbul haben Armenier einen Streit um einen Friedhof gewonnen, der enteignet und zum Fischmarkt gemacht worden war

Ein Beispiel für die Rückgabe von Grund, die nun von der Regierung erleichtert wird.

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Der "Volksmarkt" hat schon bessere Tage gesehen, und genau genommen hätte er nie da sein dürfen. Mehr als die Hälfte der Läden des "Halk Pazari" in Yesilköy, am Westrand von Istanbul, ist geschlossen, durch die trüben Dachfenster lässt sich der Winterhimmel nur erahnen. Jetzt ist sowieso Schluss: Ein Gericht hat den Grund, auf dem der Markt steht, der armenischen Gemeinschaft zugesprochen. "Rechtsexperten unterstützen die Position der armenischen Stiftung Yesilköy" , gibt Ates Erzen, der Bürgermeister, zu. Denn der "Volksmarkt" mit seinen Fischläden war eigentlich ein Friedhof.

1955 beschlagnahmte der türkische Staat das Areal, 30 Jahre später lässt die Stadtverwaltung Beton über die Gräber gießen. Die Leichen sind vorher umgebettet worden. "Wir wissen nicht, wohin" , sagt Garo Paylan, Mitglied der armenischen Stiftung in Yesilköy, dem "grünen Dorf" , wie der Name übersetzt heißt.

Überraschendes Dekret

Es war eine zynische Botschaft der Türkei an ihre nichtmuslimischen Minderheiten - Armenier, Griechen, Juden, assyrische Christen oder Chaldäer: Nicht einmal für die Toten ist Platz in der Republik, die nur türkische Staatsbürger kennt. Doch auch damit soll Schluss sein. "Die Tage sind vorbei, als unsere Bürger wegen ihrer Religion, ihrer ethnischen Herkunft oder ihres verschiedenen Lebensstils unterdrückt wurden" , erklärte der konservativ-muslimische Premierminister Tayyip Erdogan, als seine Regierung im Sommer 2011, für viele unerwartet, ein Dekret erließ, das erstmals die Rückgabe von Grundbesitz oder Entschädigungszahlungen an die Minderheiten im Land erlaubt.

Umso mehr fühlt sich die türkische Regierung nun ungerecht behandelt. Wütend protestierte sie gegen das Gesetz des französischen Parlaments, das die Leugnung des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich zur Straftat erklärt. Alle hätten gelitten, relativierte Ahmet Davutoglu, der Außenminister, der gern in nostalgischer Erinnerung an frühere Macht und Größe der Osmanen schwelgt.

Zwei Jahre prozessiert

Zwei Jahre lang prozessierten die Armenier wegen ihres Friedhofs in Yesilköy, das einmal San Stefano hieß. Möglich, dass sie sich den Rechtsstreit mit der Stadt Istanbul erspart hätten, wenn sie nur auf das Regierungsdekret vom August 2011 gewartet hätten. Erdogans Regierung feiert es als historische Wiedergutmachung.

Tatsächlich ist die Lage aber sehr viel komplizierter, wie sich seither zeigte. Rund 1000 Rechtsansprüche auf Grundeigentum fechten in der Türkei allein die armenischen Stiftungen vor Gericht aus - es geht um Schulen, Krankenhäuser, Friedhöfe, Brunnen, Wälder. Ihre Erwartungen an das Dekret sind gering. "Wir bekommen vielleicht zehn bis 20 Objekte zurück" , sagt Paylan. Wieder einmal gibt es Einschränkungen und Auflagen. Nur eine Handvoll der rund 160 nichtmuslimischen Stiftungen hat bisher die Restitution von Eigentum beantragt.

"Dieses Dekret bringt nicht die Lösung für ein historisches Problem" , meint der armenische Anwalt Sebu Aslangil. Seit der Kandidatur für den EU-Beitritt basteln türkische Regierungen an Gesetzen, um die Enteignungen der vergangenen Jahrzehnte rückgängig zu machen. Doch immer bleiben Lücken. "Wenn der Staat wirklich die Absicht hätte, Frieden mit seinen Minderheiten zu machen, dann wäre das ganz einfach" , sagt der Anwalt Aslangil. "Doch das war nie die Sichtweise des Staates. Sie machen kleine Schritte, warten, was passiert, und machen dann wieder kleine Schritte." Denn die Regierung stehe immer unter dem Druck der türkischen Öffentlichkeit, erklärt Aslangil. "Die Türken glauben stets, die Regierung erweise den Minderheiten eine besondere Gunst. In Wahrheit aber sollen sie nur zurückbekommen, was ihnen schon einmal gehörte."

1935 mussten sich die nicht-muslimischen Glaubensgemeinschaften in "Stiftungen" organisieren, die bis heute einer staatlichen Behörde unterstellt sind. Das Dekret vom August 2011 löst - anders als von der Regierung behauptet - nicht alle Fragen des verlorenen Grundbesitzes, erklärt Aslangil. Die Stiftungen können nur die Rückgabe von Eigentum beantragen, das der Staat beschlagnahmt hat oder das an den Staat fiel, nachdem "Nichttürken" 1974 das Recht auf Eigentum aberkannt worden war. Grundbesitz, der an den Spender zurückgegeben werden musste oder an dessen Erben fiel, ist verloren. Ebenso jener von Stiftungen, die im Lauf der Jahre vom Staat zusammengelegt wurden.

Laki Vingas, ein griechischer Unternehmer, der erstmals als Repräsentant der Nichtmuslime deren Interessen in der türkischen Regierung vertritt, sieht wohl diese Mängel, ruft aber Christen und Juden zum Umdenken auf. "Wir sollten aufhören, uns dauernd zu beklagen. Dieses Dekret ist ein großer Schritt vorwärts" , sagt er. "Wir müssen aktiver und offener werden". (Markus Bernath aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 41
1 2
jesus mohammed
00
12.2.2012, 13:08
Historischer Kontext: 1955 war das Jahr der antigriechischen Pogrome

In deren Folge bis 1964 fast alle der letzten 300.000 Griechen die Stadt verlassen mußten, also direkt vor der Zypernkrise.

meineid
10

Die Regierung unter Erdogan steckt hier viel Kritik ein ohne Rücksicht darauf dass hier komplizierte Nutzungs- Eigentumsverhältnisse geklärt werden müssen.

fibiundchillie
01
31.1.2012, 13:05
Fischmarkt

ja, das kommt öfters vor.
diesfalls Fischmarkt AUF einem christl. Friedhof,
es gibt auch Fischmärkte direkt an die Kirchenmauer hingebaut (funktionierende Kirche), auch das macht der stadtverwaltung spass.

und uns zeigt man keck die Kirchen auf der Istiklal als Beweis für "Freiheit" und "Gleichberechtigung".

wer mit offenen Augen durch istanbul geht, sieht die Realität. und, lastbutnotleast, eine tolle Stadt!

serenad00
110
31.1.2012, 08:01
Die Türken glauben stets, die Regierung erweise den Minderheiten eine besondere Gunst

Der Satz bringt es auf den Punkt.
Die (türkische) muslimische Mehrheitsgesellschaft muss endlich lernen, dass es auch einen Platz geben muss für Christen, Juden, Aleviten ..

anders and
 
92
31.1.2012, 08:21

Es geht doch gar nicht um Religion - die Enteignung wurde von einer laizistischen Regierung erlassen und von einer islamischen zum Teil aufgehoben.

"Muslimische Mehrheitsgesellschaft" ist irreführend wenn die größten Minderheiten selber Muslime sind.

serenad00
15
31.1.2012, 09:06
Eben nicht

Die muslimische Mehrheitsgesellschaft sieht die größte religiöse Minderheit eben nicht als Muslime an.

Quelle : Präsidium für Religionsangelegenheiten .. können sie u.a nachlesen.

mfg

temporär autonom
 
11
31.1.2012, 15:52
bin der eminung, dass man das thema nicht alleine auf religion minimieren sollte

aber genau so ist es. die mehrheitsgesellschaft wird bevorzugt. präsidium für religionsangelegenheiten (genannt "diyanet isleri baskanligi") bevorzugt die sunnitische mehrheit, während andere minderheiten wie z.b. aleviten, oder yeziden, armenier und aramäer durch den leeren finger blicken. also geht es um keine wirklichen laizismus, sondern um eine bevorzugte sunnitische staatsislam. und diese instituion wird wiederum von der staat kontrolliert.

ist nicht ganz unwichtig, zumal mehrheit der türkisch-österreichischen moscheen ihre prediger durch diesen institution zur verfügung gestellt bekommen. das heisst aber auch, dass diese instituion selbst bestimmt, was hier in tr-öst. moscheen gepredigt wird.

serenad00
14
31.1.2012, 07:59
Dürfen die Aleviten auch hoffen,

dass sie endlich anerkannt werden. In den letzten 10 Jahren wurde für die größte religiöse Minderheit in der Türkei nichts gemacht. Werden die Gebetshäuser anerkannt ? Wird man den verpflichtenden Religiosnunterricht aufheben, weil von den AKP-Eliten wird ja immer wieder behauptet, es "gäbe keinen Zwang" im Islam.
Das widerspricht so oder so dem Laizismus.

sc1
 
12
gehen sie in die Türkei und machen sie sich ein egenes bild von den aleviten.

fragen sie die aleviten selbst, bevor sie hier ihre bauchgefühle hinschreiben!

Erwin Wolfram
40
31.1.2012, 07:18
...

Zeit fuer Scheingefechte, die wohl negieren sollen, dass das bei uns auch so wahr und noch immer ist, da das sich wehren und die Errichtung von "Zivilgesellschaften" nichts als die elegante Verschleierung mittels beliebig komplizierter Regeln oder der Entscheidung nach dem Auftreten des Opfers gebracht hat. Erst wenn Anwaelte verpflichtet sind fuer Rechtssuchende zu arbeiten bzw zu klagen kann sich da etwas aendern. Bis dahin verdienen die aus den Autounfaellen und zeitigen das gegenteilige Berufsverhalten aus Ihrer Rolle, ungefaehr so wie unsere CTRLC&V Journalisten. Ich finde das strafbar die eigene Korruption im Ausland zu erkennen, weil es keine unabhaengige Berichterstattung ist.

Lemure
 
06
30.1.2012, 22:37
Darf jetzt auch Mor Gabriel hoffen,

dass es seine Felder wieder zurückbekommt? Das älteste und auch einzige aramäische Kloster aus dem 3./4. Jh. N. Chr. ist ja erst vor kurzem enteignet worden.

fibiundchillie
11
31.1.2012, 12:57

hoffen darf man immer.
offizielle Anträge zu stellen bedeutet lebensgefahr.

NONE
64
30.1.2012, 22:31

"Die Tage sind vorbei, als unsere Bürger wegen ihrer Religion, ihrer ethnischen Herkunft oder ihres verschiedenen Lebensstils unterdrückt wurden"

Aha - aber 35 Kurden ermorden ohne wenn und aber.

Vielleicht sollte die Türkei einmal erklären ob die Kurden Türken sind oder nicht. Falls ja, wieso kann der Staat diese dann ohne Gerichtsverfahren exekutieren (abgesehen davon das die Todesstrafe der Türkei abgeschafft gehört) - und falls nein, wieso die dann nicht ein Recht auf einen eigenen Staat hätten.

SeZ54
11
Da quaselt wieder jemand ...

der überhaupt keine Ahnung hat :)

In der Türkei gibt es die Todesstrafe schon seit längerem nicht mehr.

Bei den getöteten 35 Kurden handelt es sich nicht um einen Mord, einfach mal so.
Da ging es um Schmuggler die über die Route welche die Terroristen der PKK ebenfalls verwenden, illegale Waren in die Türkei schmuggeln wollten.

Natürlich rechtfertigt das nicht, das diese Menschen getötet wurden dennoch handelt es sich NICHT um Mord.

jesus mohammed
10
12.2.2012, 13:58
Genau, Kundus und Hiroshima waren auch kein Mord

anders and
 
67
31.1.2012, 08:25

Die Kurden wurden als vermeintliche Guerilla getötet, nicht wegen ihrer Herkunft.

Und selbstverständlich gelten die in der Türkei lebenden ethnischen Kurden als türkische Staatsbürger, darüber bestand doch nie ein Zweifel!

RTA
 
62
30.1.2012, 22:26
Stell dir vor es kommt

mal ne positive Schlagzeile über die Türkei und kaum einen interessierts! #verlogen

anders and
 
35
31.1.2012, 10:14
alles andere als erfreulich!

Bei der "Europäischen Wertestudie" waren die Türken weit abgeschlagen an letzter Stelle (vor den Armeniern).

Jetzt zeigt sich, dass die türkische Regierung es aus Angst vor dem Volkszorn nicht wagt die eigenen Verordnungen in größerem Umfang durchsetzen.

Was soll daran erfreulich sein?

Neza
83
30.1.2012, 20:32
ein guter Beginn

jetzt fehlen noch die anderen Liegenschaften der Millionen Armenier, der Millionen Griechen

was dann übrig bleibt, kann Türkei bleiben.

Jürgen Rembremerding
38
30.1.2012, 21:48
Das privatrechtliche Eigentum an Grund und Boden

hat nichts mit staatlicher Souveränität zu tun.

So gehört z.B. das Häuserl vom Franzl Beckenbauer in Kitzbühel nebst Grundstück politisch nicht zu Bayern, sondern zu Tirol, auch wenn es dem Franzl eigentumsrechtlich gehört

Noch nicht einmal die staatlichen (!) Bayerischen (!!) Salinenwälder im Land Salzburg gehören zu Bayern, weil das Land hier als Privateigentümer auftritt:

http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeF... r=10006242

Daher steht da auch:

"Der Freistaat Bayern stimmt zu, daß hinsichtlich des in Österreich gelegenen Grundvermögens die österreichischen Rechtsvorschriften anzuwenden sind."

Halbmond
2411
30.1.2012, 19:16

Die lage der minderheiten in der Türkei ist erheblich gestiegen ob Armenier,Griechen, Kurden oder andere minderheiten.

was mich halt stört ist dies,das in einem EU land wie Griechenland sprich(Thrakien), dürfen türken nicht einmal satellitenschüssel anbringen, um türkische sender empfangen zu können!

p.p.
11

Aus dem balkanforum.info entnehme ich folgende Sätze:
"Die harten Zeiten sind vorbei", sagte Mehmet, dem ein Café ..- gehört, mit einem Grinsen, als er auf eine Satellitenschüssel zeigt..... Mehmet erklärt, dass die Einwohner ihre Schüsseln auf Turksat und nicht auf griechische Satelliten ausgerichtet hätten.
Ich habe mir als erster einen Satellitenanschluss besogrt. Danach hatten wir Angst, die Polizei würde uns verhaften, weil wir türkisches Fernsehen schauen, aber sie konnte nichts tun"..

H.C Käse
 
10
zuerst gebt mal euren minderheiten alle rechte dann könnt ihr auch das gleiche von anderen erwarten !!

Sahin's Zahnlücke
21

Wo ist dann der Unterschied zwischen EU-Mitglied Griechenland und Türkei?

H.C Käse
 
21
der Unterschied? nicht ein mal Afganistan hat so viele mutmaßliche "terrorristen" festgenommen wie die türkei..

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