Seit den 1960er-Jahren war unklar, wohin die Elektronen des Van-Allen-Gürtels entschwinden - sie werden ins All geblasen
Los Angeles - Als am vergangenen Dienstag ein gewaltiger Sonnensturm - nach
offiziellen Angaben der stärkste seit 2003 - die Erde erreichte, blieben Schäden
nach heutigem Wissensstand aus. Dafür erstrahlten die grünen Polarlichter im
Norden besonders hell.
Bereits seit 40 Jahren rätseln Forscher über eine andere Folge des
Sonnenwinds und von Sonnenstürmen. Der sogenannte Van-Allen-Gürtel - zwei große,
reifenförmige Strahlungsgürtel rund um die Erde, die Elektronen enthalten -
schwillt und schrumpft unter ihrem Einfluss. Ausgerechnet zu Zeiten von
Sonnenstürmen, wenn also sehr viele elektrisch geladene Sonnenteilchen auf die
irdische Umgebung treffen, verliert der äußere Strahlungsgürtel häufig nahezu
alle seine Elektronen. "Das ist ein verblüffender Effekt", sagt der Physiker
Yuri Shprits. Denn Ozeane auf der Erde würden auch nicht plötzlich das meiste
Wasser verlieren, wenn es regnet. Doch die mit Elektronen gefüllten
Strahlungsgürtel können rapide entvölkert werden.
Erstmals wurde das Phänomen bereits in den 1960er-Jahren beobachtet. Seitdem
war unklar, wohin die Elektronen entschwinden. Lange nahm man an, die Teilchen
würden nach unten aus den Gürteln herabregnen. Doch die neuen Beobachtungen, für
die Daten mehrere Satelliten kombiniert wurden, zeigten klar, dass die
Elektronen nach außen in den interplanetaren Raum gerissen würden, schreiben
Physiker um Drew Turner (Universität von Kalifornien in Los Angeles) im
Fachjournal Nature Physics.
"Das ist ein wichtiger Meilenstein für das Verständnis des Weltraumumfelds
der Erde", sagt Turner zu den neuen Erkenntnissen. Sie würden auch die
Vorhersage des sogenannten Weltraumwetters und den Schutz ihm ausgesetzter
Satelliten verbessern. Auf welche Weise die Elektronen genau ins All entkommen,
soll nun ein spezialisiertes Satellitenduo namens Radiation Belt Storm Probes
klären, das in diesem Jahr gestartet wird. (APA, tasch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. Jänner 2012)