Gipfeltreffen

Jobs für Junge statt EU-Sparkommissar

Thomas Mayer und András Szigetvari, 30. Jänner 2012, 22:55
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    foto: apa/montage: beigel

    Die EU sucht nach Wegen, um die Wirtschaft auf Trab zu bringen. Strengere Haushaltsregeln sind zwar erwünscht, ganz unter Kuratel stellen will man die schwer verschuldeten Griechen aber nicht.

Die Gipfel-Teilnehmer beraten, wie man neben Sparkursen in praktisch allen Mitgliedsländern auch wachstumsfördernde Maßnahmen setzen könnte

Der dauerhafte Eurorettungsschirm soll über das Volumen der geplanten 500 Milliarden Euro hinauswachsen. Die von Deutschland ins Spiel gebrachte Idee eines Schuldenkommissars für Griechenland findet nur in Schweden halbherzige Unterstützung. Das signalisierten die EU-Staats- und Regierungschefs anlässlich eines Sondergipfels in Brüssel am Montag. Der Gipfel war vor allem der Suche nach Wachstumsimpulsen gewidmet. Die EU-Kommission will die Arbeitslosigkeit durch Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt und besondere Maßnahmen für Jugendliche, etwa Praktika, bekämpfen. Dazu könnten Mittel in der Höhe von mindestens 90 Milliarden Euro umgewidmet werden.

***

Nichts geht mehr, zumindest im öffentlichen Verkehr. Das war die Devise, unter der belgische Gewerkschaften die Bevölkerung Montag zum landesweiten Generalstreik aufgerufen hatten - ausgerechnet an jenem Tag, an dem die Staats- und Regierungschefs in der EU-Hauptstadt zum ersten Gipfeltreffen in diesem Jahr zusammenkamen.

U-Bahnen, Busse, Züge blieben fast geschlossen in den Garagen. Das Land und die Wirtschaft würden kaputtgespart, argumentierten die Gewerkschaftsfunktionäre auf allen Medienkanälen. Zahlen müssten dafür die Arbeitnehmer mit reduzierten Löhnen, höheren Steuern und dem Verlust von Arbeitsplätzen. Die angereisten Regierungschefs bekamen diese "gelbe Karte" aus der Bevölkerung nur sehr milde zu spüren: Sie mussten auf einen 30 Kilometer von Brüssel entfernten Militärflughafen umgeleitet und auf Umwegen in die Stadt eskortiert werden.

Ironischerweise war der Gipfel gleich zu Beginn nicht der Krise in Griechenland, nicht der Krise des Euro, sondern dem Hauptthema des Streiks gewidmet, der Frage: Wie könnte man neben den Sparkursen in praktisch allen Mitgliedsländern auch wachstumsfördernde Maßnahmen setzen, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit senken?

Bundeskanzler Werner Faymann brachte im Namen der europäischen Sozialdemokraten einen koordinierten Beitrag ein: EU-weit liege die Jugendarbeitslosigkeit bei als 22,3 Prozent, mit steigender Tendenz. 23 Millionen hätten keinen Job, in zehn von 27 Mitgliedstaaten hätten ein Viertel bis die Hälfte aller Jugendlichen keine Arbeit.

In den Schlusserklärungen des Gipfels geloben die Regierungschefs, "nationale Jobpläne" zu erarbeiten, die im Rahmen der Haushaltskontrolle durch die EU-Kommission jährlich überprüft werden. Konkrete Vorschläge sind aber nur wenige enthalten. So sollen die Staaten Lohnnebenkosten senken. Praktika sollen gefördert, Weiterbildung für Schulabbrecher verstärkt werden. Man will sich bemühen, freie Mittel aus EU-Sozialfonds im Umfang von 22 Milliarden Euro zu mobilisieren. Das Thema Griechenland und die nicht erreichten Spar- und Reformziele wurden offiziell nicht behandelt. Der Vorschlag der deutschen Regierung, den Griechen einen eigenen "Schuldenkommissar" vorzusetzen, der sogar ein Veto bei nationalen Budgetentscheidungen einlegen können sollte, stieß jedoch am Rande des Gipfels auf klare Ablehnung.

Praktisch alle Regierungschefs sprachen sich dagegen aus, Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker nannte den Vorschlag "nicht akzeptabel" . Nur wenn so etwas für alle Länder - also auch Deutschland - gelte, könne man darüber reden - ein verstecktes Foul gegen Berlin. Faymann sagte, die Griechen hätten "harte Bedingungen" zu erfüllen, man müsse sie nicht auch noch beleidigen. Dänemarks Premierministerin und EU-Ratsvorsitzende Helle Thorning-Schmidt mahnte "volle Achtung der griechischen Demokratie und der Bevölkerung" ein.

Kanzlerin Angela Merkel ruderte also zurück, sie wolle "keine kontroversielle Diskussion" . Aus Berlin hieß es, es gehe nur darum, die Troika von EU, Zentralbank und Währungsfonds mit mehr Kompetenzen auszustatten, um Athen bei Nichteinhaltung der Bedingungen zu Änderungen zwingen zu können. Das Thema bleibt also. Wichtiger war Merkel die Verabschiedung des Eurofiskalpakts und das Vorziehen des Rettungsschirms.

Für Irritationen sorgte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mit seinem Vorstoß bezüglich einer Finanztransaktionssteuer.

(Thomas Mayer und András Szigetvari aus Brüssel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.1.2012)

 

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13 Postings
Scotty26
00
31.1.2012, 09:55

Weiss gar nicht warum sich alle so aufregen.
Griechenland ist weder willens noch in der Lage sich selbst wieder ins finanzielle Gleichgewicht zu bringen. Warum dann also nicht eine kompetente Gruppe von Finanzprofis dort einsetzen?
Wer sein Leben nicht (mehr) eigenständig führen kann, bekommt ja auch einen Vormund. Und jeder findet das völlig in Ordnung.

Jahn Petrov
00
30.1.2012, 18:21
Durch sparen Wachstum generieren,

auf so durchgeknallte Ideen können nur verblendete Neoliberale kommen. Oder ist's doch eine Schockstrategie im Sinne von Naomi Klein.

Walter Bimini
00
30.1.2012, 20:04
wachstum durch "geld drucken" ist genauso verrückt

O5
71
30.1.2012, 18:18

Jeder weiß was Wachstum fördert:

- Arbeitsmarktflexibilität
- Bildung
- Einwanderung
- Forschung
- Investitionen

Das Problem ist nur dass Einwanderung schwer ist weil es in Europa so viele Rassisten gibt, dass wir für Bildung, Forschung und Investitionen kein Geld haben weil die Altenlobby uns das letzte Hemd raubt, und dass Arbeitsmarktflexibilität schwer ist weil die Gewerkschaftsbosse alles blockieren und weil die Sprachvielfalt es den Bürgern schwer macht dorthin zu ziehen wo es viele Jobs gibt.

Wenn Europa auch in 50 Jahren noch eine der reichsten Regionen der Welt sein will dann wird es allerdings nicht anders können als seine Schulden abzubauen und dennoch in diese Wachstumsfaktoren zu investieren statt in unproduktive Ausgaben.

krachbummente
01
30.1.2012, 19:09

Dass Wachstum die Lösung ist halte ich für einen Trugschluss. Wir steuern mit dem jetzigen System seit dem Tag 0 auf die Wand zu - und noch dazu wird stark beschleunigt.

Mehr Kinder, mehr Jobs, mehr Konsum führt dazu dass woanders weniger wird (z.B.: Ressourcen) und durch den Mangel teurer wird, also brauchen wir mehr Wachstum damit wir wenigstens auf dem gleichen Niveau bleiben und dann => siehe Satzanfang. Zins- und Zinseszins lasse ich sogar außen vor.
Es ist imho eine Wachstums-Blasenbildung die eine brutale Kettenreaktion schon vorprogrammiert hat.

PEACETIME
02
30.1.2012, 18:50
Teil 2: wir brauchen doch ein auf humanen Werten aufgebautes System:

Mit dieser Ausbeutung von Natur und Menschen kann es einfach nicht weitergehen. Entweder die Menschen lassen es sich nicht mehr gefallen, oder die Natur stirbt irgendwann völlig.

Wohin das Zinssystem führt, nämlich in riesige Schuldenberge auf der einen Seite, und wenigen, dafür umso größeren Guthabensbergen, die dem gegenüberstehen, also der totalen Verarmung der Massen auf der einen und die totale Bereicherung für Wenige auf der anderen Seite.

Es geht im Leben aber nicht darum als Zinssklave für andere sein Leben durch Arbeit für Andere wegzuwerfen. Das Leben ist so reich. Wer sich nur am Materiellen festkrallt ist ohnehin arm dran;)

PEACETIME
00
30.1.2012, 18:45
Man weiß ja gar nicht wo man anfangen soll:

Ausländer haben es innerhalb Europas unter anderem deshalb schwerer, als in den USA, weil es hier, im Gegensatz zu Übersee Sprachbarrieren gibt.
Und: Nicht jeder Mensch möchte seine Heimat verlassen und sich entwurzeln.
Der Zins bedingt alle paar Generationen einen Absturz. Ein System, welches auf Ausbeutung, Untersrückung und Zerstörung baut, wie auf dauerndes Wachstum im endlichen Bereich, ist zum Scheitern verurteilt.
Gerade wird alles totgespart. Nachdem alles privatisiert wurde, müssen auch die Privaten investieren: die halten nur ihre Hand auf.
Bildung rate ich Ihnen auch: die schadet nie;)

sensortimecom
02
30.1.2012, 18:27
Es gibt im "Debitismus" nur ein einziges Rezept:

Produkte müssen stets NEU genug sein (das heißt: sich vom Stand der Technik abheben!) damit ständig Konsumenten gefunden werden, die bereit sind, sich für deren Erwerb den A** aufzureißen - und sich NEU zu verschulden (ohne Neuverschuldung keine Geldschöpfung, daher auch keine neue Bildung von Guthaben!)

Alles Übrige kannst vergessen. Blablaa von gestern.

krachbummente
00
30.1.2012, 18:48

danke!

PEACETIME
04
30.1.2012, 18:15
Immer mehr von dem, was bisher schon nichts brachte, wird auch in Zukunft nichts bringen.

Wenn jemand eine Diät macht, darf man nicht erwarten, dass er an Gewicht zulegt, wenn er nichts mehr essen darf.
Und umgelegt auf die Griechen und auf die EU: wenn die Länder gezwungen sind immer größere Teile ihrer Wirtschaftsleistung und Arbeitsleistung in den Zins zu investieren, Investitionen, Unterstützungen, Soziales auf der Strecke bleiben müssen, weil das ja unter anderem die Voraussetzungen sind, dass man sich weiter Geld ausborgen darf um die Zinsen zu zahlen, dann bleibt kein Geld für Investitionen.

Nachdem alles privatisiert wurde, müssen nun eben private in Griechenland INVESTIEREN, tun sie aber nicht. Sie halten lieber die Hand auf beim verschmäten Vater Staat und schieben ihm mit vollen Taschen die Schuld am Desaster zu.

Walter Bimini
00
30.1.2012, 18:11
so sind sie unsere lieben eurokraten - sie hoffen auf ein wunder

was anderes bleibt ihnen bei ihren fähigkeiten auch gar nicht übrig.

http://tinyurl.com/782gkxn
http://tinyurl.com/7bdhfcy

Anaxagoras
00
30.1.2012, 18:08
Warum maulen wir ständig auf die Merkel?

Das ist die Einzige, die sich hinstellt, ihre Meinung vertritt und sich meistens durchsetzt. Dass gerade Luxemburg sich so aufregt, ist die Folge der Entmachtung von Junker. Bei seinem MIniatur-Land ist er eigentlich Unbeteiligter.

Walter Bimini
00
30.1.2012, 20:03
juncker hat allen grund euro und banken zu retten

schließlich "erwirtschaftet" die luxemburgische finanzindustrie 38% des luxemburgischen gdp. d.h. luxemburg hängt noch stärker von den bankstern ab als england.

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