Ukraine

Die Armut im Schatten der Fußball-EM

Reportage | 30. Jänner 2012, 17:44
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    Valentina Vasiljevna war 40 Jahre lang Schauspielerin.

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    Lubov Vladimirovna lebt mit Katze Marie in einer kleinen Wohnung in Saltovka, einer Arbeitersiedlung in der ukrainischen Stadt Charkiw. Sie muss mit rund 130 Euro im Monat auskommen.

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In Charkiw in der Ukraine, wo derzeit sibirische Kälte herrscht, werden Millionen Euro für die Fußball-EM ausgegeben - Menschen, die von 100 bis 200 Euro im Monat leben, haben davon so gut wie gar nichts

Minus 17 Grad. Heikle Temperaturen für den Naturrasen im Stadion des Fußballklubs Metalist in Charkiw - einer der vier Städte in der Ukraine, wo im Sommer Fußballteams um den EM-Titel kämpfen werden. Das Spielfeld ist mit einer gepolsterten Plane abgedeckt, zeitweise wird diese angehoben, damit das Spezialgrün, das rund drei Millionen Euro gekostet haben soll, nicht eingeht.

Svieta hat ganz andere Sorgen: Behelfsmäßig beheizt sie ihre Wohnung mit einem Elektrogerät, das aussieht wie ein alter Ofen und in der Tür zwischen den zwei Wohnräumen zur Stolperfalle wird. In Küche und Vorraum verwandelt der Winter den Atem in Wölkchen. Dutzende Menschen sind in den vergangenen Tagen in der sibirischen Kälte in Osteuropa erfroren, in der Nacht auf Montag waren es sechs Kältetote allein in der Ukraine.

Keine Jobs

Svieta erhält 1300 Hrywnja (rund 120 Euro) Sozialhilfe im Monat. Drei Kinder hat sie, eines liegt im Spital. Ihr Bruder und ihre Mutter, in deren Haus sie lebt, schießen der Alleinerzieherin Geld zu. Die 28-Jährige hat keinen Job. "Ich passe auf die Kinder auf", erklärt sie. Ein Arbeitsplatz ist in der 1,6-Millionen-Stadt schwer zu bekommen. Selbst gut qualifizierte junge Menschen finden kaum Jobs, sagt Ludmilla Sotnikowa, Leiterin eines Bezirksjugendamtes. Zudem fehlen Kinderbetreuungsangebote, wie es sie in der Sowjetunion noch gab, sagt Andrei Andrieko, Leiter des "Sozialen Hilfsdienstes", einer NGO. Das Bildungsbudget sei viel kleiner.

Für Svietas Tochter (6) und ihren Sohn (11) existiert trotzdem ein Ort, an dem sie einen Nachmittag pro Woche außerhalb des engen Zuhauses verbringen können. Wie übergroße Mauern erheben sich die neunstöckigen Plattenbauten Saltovkas - einem Viertel, in dem einst mehr als eine halbe Million Fabriksarbeiter lebten - um das kleine Haus, in dem der Soziale Hilfsdienst mithilfe der Caritas kostenlose Freizeitbeschäftigungen für 200 Kinder benachteiligter Familien anbietet.

Dort wird gemalt, getanzt, getextet und musiziert. Die Drei- bis 18-Jährigen erhalten eine warme Mahlzeit, in einem Raum, dessen spärliche Wärme die Finger klamm werden lässt. NGO-Leiter Andrieko sagt, die Kinder aus tristen Verhältnissen sollen "eine andere Seite des Lebens entdecken".

Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogen und Gewalt

Rodions braune Augen fixieren einen Bildschirm. Der Elfjährige will Designer oder Comiczeichner werden und hat den Journalismuskurs belegt. Rodion lebt wie 38 andere Buben und Mädchen in Kinderhäusern der Caritas. Von den jungen Bewohnern der drei hellen Gebäude, die hinter einem kleinen Wäldchen abseits der Stadthektik errichtet wurden, sind nur zwei tatsächlich elternlos.

Alle anderen wurden vom Jugendamt aus den Familien geholt, weil sie dort verwahrlosten. Oft ist es eine Endlosspirale aus Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogen und Gewalt, in die ihre Eltern gerieten. Auch in den Kinderhäusern werden Kurse angeboten - Töpfern, Tischlern oder Modellbau. Rodion lernt Kochen. Am liebsten kocht er typisch ukrainische Teigtaschen. Eines Tages will er nach Paris gehen.

Valentina Vasiljevna war dort schon. 40 Jahre verbrachte sie auf den Bühnen der Welt, traf auch einmal Charles de Gaulle. Heute ist sie 97 Jahre alt, ihr Haar ist weiß, ihre Beine sind schwach. Sie hatte ein gutes Leben, sagt sie. Aus ihrem Blick, mit dem sie einst einen ganzen Theatersaal in den Bann zog, blitzt das Leben.

Nähgruppe als Sinn im Leben

Vor acht Jahren war dieses Leuchten erloschen. Innerhalb einer Woche verlor Vasiljevna Mann und Sohn. Eine Freundin überredete sie in dieser schweren Zeit, ins Seniorenzentrum mitzukommen. Dort entdeckte sie einen neuen Sinn im Leben, gründete eine Nähgruppe. "Bevor ich gehe, will ich noch etwas weitergeben", sagt Vasiljevna. "Zweite Jugend" heißt die ebenfalls von der Caritas unterstützte Einrichtung, deren Chor immer wieder für Auftritte gebucht wird. In einem Lied singt die Gruppe: "Das Leben fliegt vorbei wie die Vögel am Himmel, und wir haben keine Zeit, zurückzublicken."

Lubov Vladimirovna tut es dennoch. Früher war vieles besser, meint die 80-Jährige. Früher, im Kommunismus. Es ist eine Meinung, die man in Charkiw öfter hört. Kiew liegt hier weiter weg als die russische Grenze. Rund 230 Euro haben die Menschen pro Monat im Schnitt zum Leben, Vladimirovna, die in einer kleinen Wohnung in Saltovka lebt, etwa 100 Euro weniger. 40 Jahre lang war sie Fabriksarbeiterin. Sie hat Krebs, chronische Bronchitis, Magen- und Nierenleiden. Dass sie jemand pflegt und ihre Medikamente bezahlt, verdankt sie Andriekos NGO.

Zur Fußball-EM hat die Pensionistin nicht viel zu sagen. Nur, dass der Staat die Kosten tragen soll. Zu einem Großteil tut er das auch. 30 Prozent der kolportierten neun Milliarden Euro Kosten sollte der Steuerzahler übernehmen, 70 Prozent die Investoren. "Inzwischen ist es umgekehrt", sagt ein Charkiwer Journalist. Was mit dem Geld passierte, werden Svieta oder Rodion nur bemerken, wenn sie mit dem Bus über eine renovierte Straße rollen. Das meiste Geld aber floss in den Stadionumbau, die Errichtung teurer Hotels und den VIP-Terminal am Flughafen. (Gudrun Springer aus Charkiw, DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2012)

Zum Thema:
Armut in Osteuropa: Caritas Österreich startete Spenden-Kampagne

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 29
1 2
darkwing
01
Ist doch immer so...

....etwa Anfang Dezember kam auf Ö1 ein Bericht über "Südafrika ein Jahr nach der WM"
Die FIFA und ihre Anwälte-Schar haben sich wie ein Schwarm Raubheuschrecken über das Land ausgebreitet, Menschen wurden vertrieben, sinnlos Stadien ins Niemandsland gebaut.....die Stadien verfallen jetzt, weil die FIFA Geld für deren Benutzung haben will, aber die Leute die diese Stadien nutzen könnten, sind natürlich zu arm....also spielen die Kids weiter im Baustellengatsch Fussball, während die Millionenteuren Stadien zerfallen. Usw. usf.
Warum sollte das in UKR/PL anders sein?

Überall wo Geld verdient werden kann, wird gegen die Interessen der Menschen vorgegangen.

Sternchen100
00
grassi-meischi im Großformat

Warum konnte der Kommunistische Staat alle Menschen erhalten, aber der "freie" Staat nicht? Weil sich einige wenige bis zum geht nicht mehr am ehem. Staatsbesitz bereichern (z.B. mit den Bodenschätzen). Und weil keiner da war, keiner genug eigenes Geld hatte, um die Betriebe privat zu übernehmen und weiterzuführen - daher sperrte man einfach die kommunistischen Betriebe zu. Denn eine zeitlang staatlich weiterzuführen bis zu einer ev. Privatisierung geht ja nicht in einem kapitalistischen System, lieber lässt man alles verrotten... So, jetzt hat man gar nichts mehr, weder Jobs noch Geld noch Ideale - das schimpft sich Kapitalismus.

Erinnert an die Deutsche Treuhand: wo noch Geld aus der DDR da war, floß es in die eigenen korrupten Taschen!

holzdieb
00
31.1.2012, 16:48

von der em hab ich auch nichts gehabt.

Einundzwanzig
00
31.1.2012, 13:15

Außer der UEFA hat niemand was von diesen Großveranstaltungen...Kosten ohne Ende und dafür ein paar Touristen und ein bisschen Berichterstattung über das Land. Und das wars an positiven Einflüssen die die EM mit sich bringt.

Sternchen100
01

Jeder normale Mensch pfeift auf die Übertragung, trotzdem wird man im TV zwangsbeglückt mit Fussball. Die Leute dort haben nichts zu essen und bringen auf die Strasse gesetzte Haustiere nicht nur um, nein sie bringen sie grauenhaft um, beeerdigen sie lebendig usw. Verwaiste Straßenkinder hausen irgendwo. Aber Millionen für den Schei.s Fussball!

Genauso irrwitzig oder noch verrückter: ein euroäischer Songcontest in Zentralasien (Baku!). Also wo Fuchs und Henne gute Nacht sagen. Kann mir bitte einer erklären, was die beim europäischen Songcontest zu suchen hatten ??????????????????????

Fritz Meyer
00
31.1.2012, 10:52
Das gleiche Elend kann man auch in London sehen.

Trotz Olympia.

Afroki
140
31.1.2012, 08:48
Mei Oam

Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt"
Mahatma Gandhi

Nur zur Erinnerung: http://www.youtube.com/watch?v=x... re=related

Nix zum fressn aber 200.000 Tiere vabrennen und dann wundern dass die ganze Welt entsetzt is.

pipi pipifax
00
31.1.2012, 21:39

sie haben zu viel zu fr*ssen, dafuer zu wenig an kritischer h*rnmasse.

wolfgang wendlinger
05
31.1.2012, 11:03
Tiere

In Kiew sind Straßenhunde ganz normal. Das würden die Behörden in Österreich nie tolerieren. Übrigens laufen heute noch genau die gleichen Köter in meiner Gegend rum wie vor einem Jahr. Wenn hier wirklich Massentötungen stattfinden, dann müssten die Tierfeinde wirklich sehr clever und gut organsiert sein, und das sind sie nicht. Die Leute haben hier ganz andere Sorgen. Also bitte glauben Sie nicht alles, was Ihnen die Medien auftischen!

Thank God I'm A Country Boy
00
31.1.2012, 08:17

ich dachte, da gibts nur arme Straßenhunde......

Adolf Ogi
26
31.1.2012, 02:12
ob EM oder nicht

das Leben der heutigen Pensionisten in der Ukraine wird sich auf absehbare Zeit nicht großartig ändern. Ein fulminanter Wirtschaftsaufschwung ist nicht in Sicht und anders kann der Staat keine höheren Pensionen bezahlen. Sie sind die wahren Verlierer der Wende.

Die EM hingegen kann den Westeuropäern zeigen, dass Europa nicht hinter Bratislava aufhört. Die Ukraine ist von Wien aus näher als Vorarlberg. Ein paar Stunden Autofahrt und man ist dort. Der Songcontest damals (bei uns ja vielfach belächelt), hat schon einmal für visumfreie Reisemöglichkeiten gesorgt. Ich hoffe viele nutzen nun die EM und fahren endlich einmal dort hin.

Wolperdinger
00
30.1.2012, 22:11
Also wer hat was von Fussball Europameisetrschaften ?

Klagenfurt und zwar ein Stadium.

Gummibam aus Surinam
00
31.1.2012, 17:22

In welchem Stadium befindet sich Klagenfurt denn?

pipi pipifax
01
31.1.2012, 21:41

im stadium fortgeschrittener korruption.

E Pie
 
00
30.1.2012, 22:48
frag die schweizer !

wer hat´s erfunden ? ja, richtig der schweizer sepp....

der schwitzbär der schwitzt sehr
02
30.1.2012, 20:38
so war's bei uns eh auch 2008

der Haider hat sein Wörtherseestadion als millionenteure Eintagsfliege bekommen und die Polizei hat sich auf Weisung Platters in menschenrechtswidriger Freiheitsberaubung ("Schulung") verhaltensauffälliger Jugendlicher geübt

Solche Veranstaltungen sind für die Würscht.

O5
182
30.1.2012, 19:22

Man KÖNNTE das allerdings durchaus finanziell nutzen. Selbst am Campingplatz in Charkiv zahlt man inzwischen mehr als 100 Euro pro Nacht. Man müsste also nur ein B&B aufmachen, Internetseite zur Bewerbung, und schon könnte man während der EM leicht das Monatseinkommen verdoppeln oder verdreifachen. Ist natürlich nur ein schwacher Trost, aber besser als gar nichts. Mittelfristig muss die Ukraine natürlich massiv in Bildung und Industrie investieren.

holzdieb
00
31.1.2012, 16:50

klar die pensionisten wohnen alle in leerstehende mehrzimmer häuser und programmieren hobbymässig
webseiten.

nebenerwerbsposter
00
31.1.2012, 12:14

du rettest die welt!

hans hansson
00
31.1.2012, 09:43
..oder ihr wc vermieten

Thank God I'm A Country Boy
06
31.1.2012, 08:23

die Leute auf den Bildern sehen ja alle so aus, als würden sie Internetseiten in 10 Minuten erstellen können und hätten genug Platz und Komfort für Übernachtungsgäste.

Wir waren mal - im deutlich reicherem Land Rumänien- in einer Privatunterkunft am Land. Und die Familie, bei der wir gewohnt haben, hat zu den reichsten Familien in dem Ort gehört- weil die zwei Zimmer und ein passables Bad hatten, das sie vermieten konnten. Der Großteil des Dorfes bestand aus kleinen Holzhäusern, in denen es der Größe nach kaum genug Zimmer für die Familien gab. Die zwei anderen Häuser, die wir auch von Innen gesehen haben, hatten meist überhaupt nur einen Raum, schlecht geheizt.

Ich kann selbstgerechte, verwöhnte Menschen nicht leiden.

Bilderrahmen
03
31.1.2012, 08:11

Sie könnten aber auch am Balkon bisschen Gemüse und so anpflanzen und da total BIO bei uns am Wochenmarkt verkaufen!

nebenerwerbsposter
20
31.1.2012, 12:18

nach 3 monaten wartezeit auf ein visum sieht das alles wahrscheinlich urgut aus...

pipi pipifax
11
30.1.2012, 21:35

sind sie tatsaechlich so naiv?

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