Symphonische Qualitäten bei der Mozartwoche
Salzburg - Abgeklärt? Eher etwas uninspiriert war das Konzert der
Philharmoniker unter Pierre Boulez. Nicht einmal Mitsuko Uchida wollte es in
Mozarts Klavierkonzert KV 459 gelingen, zum Dialog zu verführen. Außer im
Finale. Jubel gab dennoch, auch für Schönbergs Begleitmusik zu einer
Lichtspielscene op. 34, die von einem Verlag in Auftrag gegeben wurde, der
auf Stimmungsmusiken für Stummfilme spezialisiert war.
Aufhorchen ließen besonders die effektvoll herausgearbeiteten Bläserpassagen
und die insgesamt verhalten und transparent entwickelte Grundspannung. Mehr
Emphase und Drive hätte man sich dagegen bei Schönbergs Klavierkonzert op. 42
gewünscht: immerhin ein "autobiografisches" Werk, das erst von Jahren des
Erfolges und der Lebensfreude, dann vom Aufstieg der Nazis und von Flucht und
Exil erzählt. Die Wiedergabe wirkte, bei aller Brillanz, die Uchida ins Treffen
führte, akademisch steif.
Igor Strawinskys Pulcinella-Suite ließ Boulez geradezu naiv
neoklassisch beginnen, um dann die Possen des Flegels umso drastischer ausmalen
zu lassen: kein in sich geschlossenes, aber ein reizvolles, unverwechselbares
Genrebild.
Zum Debütanten der Mozartwoche: Der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado hat
sich am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks als umsichtiger
Kapellmeister präsentiert, der mit präzisen Vorgaben brillante Effekte erzielt.
Man hört Mendelssohn-Bartholdys dritte Symphonie nicht gerade selten, aber
selten so differenziert. Heras-Casado verzichtete auf das Auswalzen der
elegischen Passagen im ersten Satz oder auf Effekt durch Lautstärke im
martialischen Schluss. Die Gewitterbilder waren mit kräftiger, aber sparsam
aufgetragener Farbe gemalt. Ein federleichtes Vergnügen das Allegro.
Die große Überraschung im Großen Festspielhaus war Heras-Casados Zugang zu
Mozart: Das Klavierkonzert Es-Dur KV 482 mit dem grandiosen Emanuel Ax war
bewegend. Brillant das Allegro; als feine, beinahe romantische Klangmalerei kam
der zweite Satz daher, als sanft klagendes Lied. Ein Vergnügen: die präzisen
Wechselspiele zwischen klassischer formaler Strenge und romantischer
Traumverlorenheit. Wenn man von Mozart'scher "Heiterkeit und Klarheit" spricht,
meint man eine Interpretation wie diese. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD - Printausgabe, 31. Jänner 2012)