Gesundheitssystem

"Das Ganze passiert um zehn bis 20 Jahre zu spät"

Interview | 30. Jänner 2012, 18:40
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    Czypionka: "Wegen der Alterung der Bevölkerung wird es in zehn Jahren so oder so mehr Spitalspersonal geben - Ärzte müssen sich um ihre Jobs überhaupt keine Sorgen machen."

Überflüssige Angebote, lähmende Bürokratie und Patienten, die im Spital nichts verloren haben: Gesundheitsökonom Thomas Czypionka erzählt, wie die Regierung ihre Sparziele erreichen könnte

STANDARD: Die Regierung will 1,8 Milliarden in fünf Jahren einsparen, indem der Anstieg der Spitalskosten mit dem Wirtschaftswachstum begrenzt wird. Realistisch?

Czypionka: Machbar ist das, allerdings nicht gleichmäßig auf alle Jahre verteilt. Ich weiß, die Finanzministerin braucht kurzfristige Einsparungen - doch ehe ein Spital kostengünstiger arbeiten kann, muss man erst Geld in den Umbau investieren. Ziel muss sein, mehr Effizienz zu schaffen, damit die gleichen Aufgaben mit geringerem Input erfüllt werden: mit weniger Medikamenten, weniger Geräten, weniger Personal.

STANDARD: Also Personalabbau?

Czypionka: Nein. Wegen der Alterung der Bevölkerung wird es in zehn Jahren so oder so mehr Spitalspersonal geben - Ärzte müssen sich um ihre Jobs überhaupt keine Sorgen machen. Es geht allerdings darum, diesen Anstieg und die damit verbundenen Kosten zu dämpfen.

STANDARD: Wie könnte das gehen?

Czypionka: Erstens können die Spitäler selbst ihre Abläufe vereinfachen und optimieren. Man kann die ganze Bürokratie ja live miterleben: Bei Visiten wird ein ganzer Tross von Ärzten und Schwestern aufgehalten, nur weil irgendein Röntgenformular auszufüllen ist. Es gibt hunderte solcher Beispiele, wo Sand im Getriebe ist.

STANDARD: Wo ist noch Potenzial?

Czypionka: Viel Geld sparen lässt sich auch bei den Investitionen. Nicht jedes Krankenhaus muss die gleiche Leistung anbieten. Das eine verfügt dann eben - Hausnummer - über einen Nierensteinzertrümmerer, das andere über irgendein anderes Gerät. Und schließlich muss das Gesamtsystem so geändert werden, dass die Leute gar nicht im Spital landen. Das wird momentan übersehen.

STANDARD: Zum Beispiel?

Czypionka: Ein typischer Fall sind Diabetiker. Diese Krankheit ließe sich gut in mit entsprechendem Pflegepersonal ausgestatteten Arztpraxen behandeln, um gravierende Spätfolgen zu vermeiden. Hohe Behandlungskosten könnten so gespart werden. Doch stattdessen wird zugeschaut und zugewartet, bis die Patienten im Spital landen.

STANDARD: Warum ist das so?

Czypionka: Einerseits ist es ein Kulturproblem, zumal die traditionelle Praxis mit einem einzelnen Arzt immer noch das landläufig angestrebte Modell ist. Andererseits scheitert es auch daran, dass es keine Finanzierung aus einer Hand gibt. Die Sozialversicherung argumentiert zum Beispiel, sie könne den niedergelassenen Bereich - das Angebot der Haus- und Fachärzte - nicht ausbauen, weil sie selbst sparen müsse ...

STANDARD: ... weshalb die Leute dann ins Spital ausweichen.

Czypionka: Genau. Die Kunst wird deshalb sein, so zu sparen, dass die Kosten nicht einfach nur verschoben werden. Eigentlich sollte das Geld dorthin fließen, wo es dem Patienten am meisten nützt. Doch das gewährleistet unser System nicht. Die Sozialversicherung kümmert sich um den niedergelassenen Bereich, die Länder um die Spitäler - wo die Patienten sind, ist für beide Seiten sekundär. Wird dieses Problem nicht gelöst, werden noch viele Bemühungen scheitern.

STANDARD: Spräche irgendetwas außer der heimischen Realverfassung dagegen, dass eine zentrale Stelle Geld aus einem zentralen Topf in jene Einrichtungen verteilt, wo es am klügsten angelegt ist?

Czypionka: Dass es so sein sollte, bezweifelt kaum jemand, da rennen Sie bei allen offene Türen ein. Die Geister scheiden sich an der Frage, wer diese zentrale Stelle sein soll. Nicht nur die Realverfassung, auch die echte Verfassung schreibt eben eine Verteilung der Kompetenzen vor. Davon will niemand runtersteigen. Über den Strukturplan für Gesundheit versucht man nun, mehr Abstimmung zu erreichen - schauen wir einmal, wie viel davon übrigbleibt. Im Ernstfall können die Länder immer noch sagen: "Ihr sperrt uns dieses Spital nicht zu!"

STANDARD: Sehr optimistisch klingen Sie nicht gerade.

Czypionka: Die Experten sagen ja auch schon seit zehn Jahren das Gleiche. Jetzt, wo der Hut brennt, spüren die Länder den Druck allerdings immer stärker, zumal das Familiensilber allmählich dahinschmilzt. Es gibt ambitionierte Reformpläne in Oberösterreich, Wien und der Steiermark. Das Ganze passiert nur eben um zehn bis 20 Jahre zu spät. (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2012)

Thomas Czypionka, geboren 1976 in Wien, ist Experte für Gesundheitsökonomie am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 41
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Phoenixx
 
00
Bremse im System

Wie kann es sein das eine Krankenkasse dem Arzt vorschreibt welche Therapie bzw. welche Medikamente er anwendet?

So mancher Arzt kennt wahrscheinlich eine effizientere Therapie als die vorgeschriebene, kann Sie aber nicht anwenden weil von der SV nicht bezahlt.
Es werden - weil das schnell geht, es einfach so ist und die Pharamindustrie davon SEHR Gut lebt, lieber Abermillionen von Pillen und tausende Operationen verschrieben.

Wenn man den Ärzten den "Erfolg mit geringstem Aufwand" vergütet und nicht die Anzahl von Rezepte die er ausstellt, erledigen sich die Kosten von selbst UND die Qualität der Behandlungen steigt.

Dann gebe man den Menschen noch einen finanziellen Anreiz gesund zu bleiben...

burgenländischer Bergbauer
01
Wir benötigen DRINGENDST eine Rettungsgasse für das Sozialversicherungswesen: Korrupte verblödete Politiker nach LINKS und dazugehörige Beamte inkl. reformunwillige Primar- und Oberärzte, Verwaltungs- und Pflegedirektoren nach RECHTS!!!

Alleine im Verwaltungsbereich würde ich das als zumindest 16 GLEISIGKEIT bezeichnen.
AUVA
BGKK
BVA
KGKK
KFA
NÖGKK
OÖKK
PVA
SGKK
STGKK
SVA
SVB
TGKK
VAEB
VGKK
WGKK

und da kann man nicht einsparen?
ICH REDE NICHT VON Krankenhäusern mit 30km Straßenkilometer !!! Entfernung !!

tablespace65
21
Ja, ja. Unsere "Gesundheitsökonomen"...

Die sind noch eine Spur unnötiger als die Investment-Banker, die Zukunftsforscher und die Analysten!

Das Perfide an den "Gesundheitsökonomen" und ihren subtilen Analysen und Lösungsvorschlägen ist, dass sie ja völlig altruistisch handeln und überhaupt kein Interesse daran haben, am Milliardenkuchen im Gesundheitsbereich ein bisserl mitzunaschen...

Transalpin2
00
endlich mal ein differenziert argumentierendes Posting!

Ich würde mehr als meinen Hut verwetten, dass auf Ihrem Tisch für 65 weitere solche Postings Platz ist.

Bitte keine Fakten, habe schon meine Meinung
00
31.1.2012, 22:18
Oberösterreich, Steiermark und Wien

haben es aber auch am nötigsten!

Rosa Stahl
02
31.1.2012, 11:54

Was für mich überhaupt nicht nachvollziehbar ist, ist die Tatsache, dass der normale medizinische Betrieb irgendwann am Nachmittag meistens aufhört. Das betrifft teure Einrichtungen in den Spitälern, genauso wie niedergelassene Ärzte. Kaum, dass man wo um 18 Uhr noch eine Behandlung kriegt (es gibt zum Glück Ausnahmen). Geschweige denn am Wochenende. Aber einkaufen 12 STunden pro Tag, am besten auch am Sonntag, das soll schon gehen.

benutzer0
02
31.1.2012, 15:51
warum gibts keine ärzte am wochenende?

beim einkaufen bezahlen sie als Kunde auch die Angestellten.

bei den ärzten bezahlen sie diese nur mittelbar, nämlich über die Sozialversicherung und die ist bekanntlich knausrig. Und daher gibts keine ärzte am wochenende oder am abend.

Ernst Guevara
02
31.1.2012, 09:44
statt irgendwelche klugscheisser zu befragen,

wie das gesundheitswesen zu ökonomisieren ist, also wie es sich für die privatwirtschaft verwertbar machen lässt, finde ich es gescheiter sich den kopf darüber zu zerbrechen, wie die ökonomie von der krankheit kapitalismus zu heilen ist.

Rosa Stahl
03
31.1.2012, 11:45

das kann man ganz leicht empirisch studieren:

Bevorzugte Studienobjekte wären etwa Kuba, oder wer es etwas härter haben will, Nordkorea.

Moondancer
02
31.1.2012, 09:26
Wettbewerbsrecht..

...unser Gesundheitswesen würde keiner Klage wegen unlauterem Wettbewerb standhalten..wenn man dieses Problem reformiert, würde die Kostenfrage sich von selbst lösen...

Der Chronist
16
31.1.2012, 07:51

Wir wissen doch alle, dass es in 15 Jahren nicht mehr die medizinische Versorgung für Ältere geben wird, die es heute gibt. Die wird wegratinalosiert. Gute Medizin gibts dann nur mehr für solche, die sich gute Medizin auch leisten können und wollen. Das Gesundheitswesen bfindet sich doch längst im Prozess der Verbetriebswirtschaftlichung. Drum baut der Erwin Pröll ja wie blöd Krankenhäuser aus Steuergeldern, die dann unter die Freunderl gebracht werden, wenn die Privatisierung losgeht. Also, spart brav Euer bisschen Geld, das man Euch noch lässt, dann reichts vielleicht länger für den einen oder anderen Schuss Insulin. Das sind nämlich die Ärmsten: Die auf Medikamente Angewiesenen. Der Diabetiker wird künftig wie ein Junkie leben.

Rosa Stahl
01
31.1.2012, 11:48

wir werden künftig alle ein bisserl wie "junkies" leben, um bei Ihrer Wortwahl zu bleiben.

In 30 Jahren gibts doppelt soviel Alte und nur die Hälfte Junge. Dass sich das nicht ausgehen kann in diesem System, ist wohl klar. Und wer heut mit 40 glaubt, er muss den tollen Urlaub und den neuen Sportwagen konsumieren, statt in seine Gesundheit zu investieren, der ist zumindest dumm.

benutzer0
00
31.1.2012, 16:02

es muss sich dann irgendwie ausgehen. es geht nur darum die lasten fair (gleichmäßig) zu verteilen.

beispielsweise muss man endlich mit dieser unseligen frühpensioniererei aufhören.

dann sollte man fairerweise die sozialversicherungen zusammlegen und dasselbe mit den pensionsversicherungen machen. (um die mobilität zw den wirtschaftszweigen zu erhöhen)

den zuschuss an die sozial- und pensionsversicherungen aus dem allgemeinen steuereinnahmen abschaffen und im gegenzug die beiträge erhöhen.

...

Black Widdow
00
31.1.2012, 11:44
Ich fürchte sehr stark

dass dies keine Prophezeihung ist, sondern bereits Realität.

Diskussion
00
31.1.2012, 07:33

Man sollte sich einmal in anderen Ländenr umschauen.
In Deutschland gibt es seit Jahren den Trend zur Versorgung in Ordinationen, die von mehreren Ärzten gemeinsam betrieben werden und unter der Woche fast den ganzen Tag geöffnet sind. Dialysen und Chemotherapie werden nur mehr in medizinisch begründeten Ausnahmefällen im Spital bzw. der Spitalsambulanz durchgeführt, auch kleinere Operationen (auch in Vollnarkose) werden in Ordinationen gemacht.
In Norwegen zahlt jeder, der die "legevakt"- Notfallarztpraxis, die meist neben einem Spital liegt und dessen Geräte (Röntgen) nutzt- besucht, einen Selbstbehalt. Das reduziert die Inanspruchnahme auf Akutfälle.

meinemeinungdazu
00

ihnen ist aber schon klar, daß es in deutschland riesige arztbefreite landstriche gibt.
die wohnortnahe ärztliche versorgung nicht mehr gewährleistet ist
sie eine eintrittsgebühr beim arzt zahlen
die kosten um keinen deut geringer sind als bei uns

pei mei
21
31.1.2012, 06:51
wie es scheint

gilt heut zu Tag auch schon jeder Milchbart als Experte ....Thomas Czypionka's Floskelsammlung oder die Etablierung von Raiffeisens Maschinenring im Gesundheitswesen ..... das einzige was er erkannt hat ist, dass das Gesundheitswesen ein nie leer werdender Futtertrog für Gesundheitsökonomen ist ...

Londo Mollari
 
02
31.1.2012, 08:01
milchbart v. eisbart

lieber milchbärte als eisbärte. die versteinern unser land schon zu lange!

Klugscheisser, der 3.
04
30.1.2012, 22:33
Na super!

Etwas, was 20 Jahre zu spät kommt ist doch in diesem Land immer noch 10 Jahre zu früh.

Und wieder sind die Probleme (Ärzte, Spitalsmanagement, Pharmaindustrie) viel zu sehr verbunden mit den sogenannten Problemlösern, unseren Politikern.
Bis die Politiker ein System gefunden haben, bei dem ihre Urlaubsfreunde genauso gut oder besser weg kommen, dürften besagte 10 Jahre vergangen sein.

Dem Wähler (also dem sogenannten Souverän) wird dann ein schlechteres System für mehr Geld präsentiert werden.
Der darf dann 3 Jahre später wieder wählen, entscheiden darf er nix.

Das ist die Krankheit des Systems.

Erwin Wolfram
11
30.1.2012, 22:10
Uebersetzung

Ich bin zu korrupt die Straftaten die ich jahrzehntelang gedeckt habe anzuzeigen, weil die Staatsdiener die Hauptakteure sind und das Justizsystem nur bis zum eigenen Nabel sieht.

Fritz Meyer
10
31.1.2012, 08:55
DAS ist der beste Kommentar bisher!

Walter Bimini
52
30.1.2012, 20:16
der gute hätte sich einmal das spitalswesen nach einem staatsbankrott ansehen sollen

beispiele gibt es ja genug dafür. ziemlich aktuell ist griechenland. dort muß man allerdings bedenken, daß der staatsbankrott noch durch iwf und eudssr hinausgezögert wird. d.h. es wird noch viel schlimmer werden.

unter diesen voraussetzungen möchte ich sehen wie staat und länder sich in 10 jahren mehr spitalspersonal leisten können.

politisch verfolgt
02
30.1.2012, 20:00
wieder ein beweis dafür

daß sich ohne druck in diesem land nichts ändert. erst wenn es keinen spielraum zum weiterwursteln und schuldenmachen gibt, wird über reformen nachgedacht.
wir brauchen also noch mehr druck, leider. der wird aber bald kommen, keine sorge.

ein arzt
06
30.1.2012, 19:54
Gesundheitsökonom

Im Gegensatz zu Herrn Köck und Herrn Pichlbauer sind die Aussagen und Meinungen von Herrrn Czypionka durchdacht, richtig und treffend.
Demnach wird er von der Politik sicher nicht erhört werden!

f gut
82
30.1.2012, 20:15
..........wie wird man eigentlich................

....Gesundheitsökonom?
Ist oder war man vorher Arzt? Ein Wirtschaftsuniabsolvent?
Bin ich auch ein Gesundheitsökonom wenn mir auffällt, dass Spitalsambulanzen spätestens ab 14 Uhr, Op`s ab 15 Uhr und Mrt`s in spitälern ab 17 Uhr geschlossen sind? Und dass mein Hausarzt am Donnersta gar nicht ofen hat? Und am Freitag ab 11 Uhr nicht mehr erreichabr ist?
Und dass mir einfallen würde, dass man das ändern könnte und sollte?
Ich glaub, ich bin auch ein Gesundheitsökonom....

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