Diagnose

Chronische Unreformierbarkeit des Gesundheitssystems

Analyse | 30. Jänner 2012, 18:47
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    foto: standard/martin fuchs

    Am Patient Gesundheitssystem soll in nächster Zeit ordentlich herumgedoktert werden: 1,8 Milliarden Euro Sparpotenzial sind drin - hat zumindest die ÖVP errechnet.

Ein großer Brocken im Sparpaket soll aus dem Gesundheitssystem kommen - Doch Länder, Kassen und Ärzte verteidigen ihre Interessen und Pfründe, und der Minister kann sie kaum zwingen zurückzustecken

Wien - Seit die ÖVP die Zahl ventiliert hat, geistert sie durch alle Spar-Gespräche: 1,8 Milliarden Euro, so haben die Schwarzen errechnet, sollen im Gesundheitssystem zu holen sein. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich freilich auch, es handle sich hierbei um eine zu einfache Rechnung. Denn die 1,8 Milliarden ergeben sich, wenn man die Steigerung der Ausgaben im Gesundheitssystem auf dasselbe Niveau bringen würde wie die Steigerung des Bruttoinlandsproduktes; mit konkreten Maßnahmen sollen sie aber (bisher) nicht unterlegt sein.

Noch ist die Suche nach dem Wunderheilmittel für das chronisch unreformierbare Gesundheitssystem im Gange. Dabei sind die Probleme längst identifiziert:

  • Systematische Doppelgleisigkeiten Es gibt in Österreich eigentlich zwei Gesundheitssysteme, den sogenannten extramuralen Bereich (niedergelassene Ärzte) und den intramuralen Bereich (Spitäler). Im ökonomischen Optimalfall sollten diese Systeme kommunizierende Gefäße sein, sprich: Die Leistung sollte dort erbracht werden, wo sie für das System am günstigsten ist. Diese Zusammenarbeit wird aber durch die Finanzierungs-Konstruktion behindert, denn während die Leistungen im extramuralen Bereich von den Kassen bezahlt werden, tragen die Länder das finanzielle Risiko für die Spitäler, die Kassen zahlen ein Fixum. Jeder Träger hat also ein vitales Interesse daran, dass der Patient möglichst vom anderen versorgt wird.

Das behindert etwa den Ausbau der extramuralen Versorgung an den Tagesrandzeiten oder an den Wochenenden, der den Spitalsambulanzen die dringend notwendige Entlastung bringen würde. Außerdem versickert an keiner anderen Schnittstelle so viel Geld: Laut einer Berechnung der Ärztekammer schlägt ein Patientenkontakt in einer Ambulanz mit 84 Euro zu Buche, in der Ordination sind es 25 Euro.

  • Macht der Länder Wolfgang Sobotka baut Krankenhäuser, Sonja Wehsely legt welche zusammen. Warum der niederösterreichische Finanzlandesrat und die Wiener Gesundheitsstadträtin das tun? Weil sie es können. Niemand zwingt die Länder zur Zusammenarbeit, das führt entlang aller Landesgrenzen zu Fehlplanungen. In einem Papier haben die Ländervertreter im Frühjahr 2011 zwar ihre Reformbereitschaft bekundet, allerdings nicht ohne festzuhalten, dass ein föderal organisiertes Gesundheitswesen "eine kostengünstige und qualitativ hoch wohnortnahe Versorgung" ermögliche.
  • Lautstarke Interessenvertreter Neben den Föderalisten sind die Ärztevertreter die lautstärkste Gruppe innerhalb des Gesundheitssystems. Aktuell mobilisieren sie gegen Elga, die Elektronische Gesundheitsakte. Die soll nicht nur die Kommunikation an den Schnittstellen ermöglichen, sondern dem System 170 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Um Elga in ihrer geplanten Form zu verhindern, hat die Ärztekammer bereits einiges in die Waagschale geworfen; neben einer breiten Inseratenkampagne gibt es zahlreiche Veranstaltungen und eine Mitgliederbefragung, laut der 95 Prozent der Wiener Ärzte gegen Elga sind (34 Prozent der Kammermitglieder haben an der Befragung teilgenommen). Dass im Frühjahr Kammerwahlen sind, dürfte den Protestwillen der Funktionäre weiter beflügeln.

Lieblingsgegner der Ärzte ist derzeit Hauptverbandsvorsitzender Hansjörg Schelling, der auf Reformen drängt und mit den Kassen seinerseits mächtige Stakeholder im Rücken hat. Er weist gerne darauf hin, dass die (Gebiets-) Krankenkassen sich in den letzten Jahren reformiert und entschuldet hätten - mit finanzieller Unterstützung des Bundes.

  • Schwache Minister-Rolle Apropos Ärzte-Protest: Als 2008 die Mediziner wegen der Reformpläne von Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (ÖVP) auf die Straße gingen, war das zwar nicht der Auslöser für ihre Ablöse, karriereförderlich waren die Demos aber nicht. Ihr Nachfolger Alois Stöger (SPÖ) gibt sich konzilianter. Seit er aber über die Ärztekammer die Aussage gewagt hat, es handle sich um einen "zerstrittenen Haufen", wird auch er zunehmend zum roten Tuch. Seine Job-Description ist ohnehin nicht einfach: Kaum ein Minister hat in seinem Ressort so wenig die Fäden in der Hand wie Stöger; die Kassen sind autonom, die Länder tun ohnehin, was sie wollen. Die Möglichkeiten des Ministers beschränken sich auf Leitlinien und Rahmengesetze - und den Versuch zu vermitteln.
  • Fehlende Prävention Zunehmend ins öffentliche Bewusstsein rückt die Tatsache, dass in Österreich in erster Linie auf Reparaturmedizin gesetzt wird. Nur 1,8 Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben fließen in Prävention. Und während Österreich bei der Lebenserwartung top ist, liegt die Erwartung der gesunden Jahre mit 58,8 deutlich unter dem EU-Schnitt (61,5 Jahre). Anders gesagt: 22 Jahre lang ist das Leben des durchschnittlichen Österreichers von Krankheit oder Behinderung geprägt. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2012)
Kommentar posten
23 Postings
Österreichische Verbrecher Partei!
01
Doppelgleisigkeiten ist da wohl STARKuntertrieben !!!

Alleine im Verwaltungsbereich würde ich das als zumindest 16 GLEISIGKEIT bezeichnen.
AUVA
BGKK
BVA
KGKK
KFA
NÖGKK
OÖKK
PVA
SGKK
STGKK
SVA
SVB
TGKK
VAEB
VGKK
WGKK

und da kann man nicht einsparen?
iCH REDE NICHT VON Krankenhäusern mit 30km Straßenkilometer !!! Entferung !!

denke
00

Ja, kann man.
Bei einem Verwaltungskostenanteil von 3% wären 5% Einsparung aber nicht so großartig und werden nicht reichen.
Das größte Problem ist die Explosion der Medikamentenkosten, die verdoppeln sich alle 10 Jahre.
Aber wer hat schon den politischen Mut, den Pensionisten zu sagen, dass man nicht automatisch Medikamente nehmen muss?

burgenländischer Bergbauer
01
Wir benötigen DRINGENDST eine Rettungsgasse für das Sozialversicherungswesen: Korrupte verblödete Politiker nach LINKS und dazugehörige Beamte inkl. reformunwillige Primar- und Oberärzte, Verwaltungs- und Pflegedirektoren nach RECHTS!!!

http://derstandard.at/132650289... talsplaene

prado
00
31.1.2012, 14:12
Behandlung: Amputation

arch11
00
31.1.2012, 13:46
patient fürs system oder umgekehrt?

also-die aussage "die leistung sollte dort erbracht werden,wo sie für das system am günstigsten ist"erscheint doch erschreckend.wird also gewünscht dass die systemerhalter (patienten,kunden wie auch immer,es bleiben ja die zahler) einfach, nach ökonomischen kriterien in die billigste option beförderd werden?nichts gegen einen möglichst effizienten einsazt von ressourcen,ganz im gegenteil,aber nicht auf kosten der systemerhalter!

hot doc
01
30.1.2012, 21:40
auf wessen payroll steht eigentlich frau heigl?

und der lieblingsgegner der frau heigl sind wieder mal wir ärzte.
wo bitte kommen die berechnungen her mit 170 mio euro einsparungen? wenn die briten etwa 4,3 milliarden pfund für ihr electronic health record ausgeben, wissen wir, was nach skylink das nächste kostendebakel wird.

und weil frau heigl nicht damit umgehen kann, dass 95% der ärzte gegen elga sind, dann wird gleich eine rücklaufquote von 35% erwähnt und damit eine schweigende zustimmung von 65% suggeriert. objektive berichterstattung?

frau heigl, sie kennen die vorbehalte der ärzte gegen elga. die tatsache, dass sie sich inhaltlich nie mit diesen auseinandersetzen, sondern uns immer nur blockieren vorwerfen, lässt ihre berichte in einem schlechten licht erscheinen.

Himalaya Ferdl
00
31.1.2012, 00:29

ich glaube sie müssen zwischen "ärzten" und "ärztevertretern" differenzieren. dem einzelnen arzt macht niemand einen vorwurf. die standesvertretung hat allerdings ähnlichkeiten mit dem vatikan, wenn es um konstruktive positionen geht.

@elga: daran wird kein weg vorbei führen. ausserdem bin ich überzeugt, dass sie von 95% der niedergelassenen ärzte sprechen, denn für die anderen ist das thema schon längst gegessen.

hot doc
02
31.1.2012, 08:36

die spitalsärzte sind zu 84% dagegen laut der umfrage. was nicht wundert, weil klar auf der hand liegt, dass dies zusätzlichen bürokratischen aufwand bedeutet, eine zusätzliche juristische falle (patient kommt als notfall, aber arzt hat keine zeit, seine hundert befunde durchzulesen - den richtern, die jahrelang ohne zeitdruck prozesse führen können, ist sowas völlig unverständlich und sie verknacken den arzt) ist, und bis auf eine diagnose- und medikamentenliste keinen praktischen vorteil hat. letztere geht einfacher auch.
conflict of interest: none. ich bin kein ärztekämmerer und stehe nicht im sold der äk.
dass an elga kein weg vorbeiführt befürchte ich auch, weil unreflektierte datensammelwut unsere politikergehirne beherrscht.

denke
00

Mir sind Fallen für den Arzt lieber als Fallen für Patienten.
Was für absurde Ängste reflexartig kommen, stimmt schon bedenklich.
Wir brauchen nichts, was Besserungen bringt, denn dann haben wir ein Problem, wenn es einmal nicht gelingt.
Willst Du auch kein neues Diagnosegerät im Taschenformat, weil man es verlegen könnte?
Sorry, aber das ist Beamtenmentalität aus dem 19 Jhd.

hot doc
01

man sollte nicht über die profession anderer leute vorschnell urteilen, insbesondere wenn man NULL ahnung von deren tätigkeit hat.
und man sollte auch nicht die technik um ihrer selbst loben, sondern nur, wenn sie nutzen bringt. und diesen vermisse ich. ich sehe nur schaden für uns und keinen nutzen für unsere patienten.
so what? das soll beamtenmentalität sein? weil ich nüchtern 2+2 zusammenzähle, und deshalb eine pseudoinnivation ablehne? das ist vielmehr rationales positivistisches denken.

Proudhon
00
31.1.2012, 11:16

hat nicht gerade eine Frau ihr Baby verloren, weil sie im AKH trotz Akutsituation abgewiesen wurde? und war nicht selbige Frau im AKH schon als Risikopatientin vermerkt? - "juristische Fallen" wie sie das nennen, (wenn im System was verpfuscht wurde) gibt es so oder so. ein intelligentes Reagieren braucht auch Information, wenn zb. bei der Frau die Daten eingelesen werden und es erscheint eine red-flag dann hätte sie vermutlich heute ihr Kind noch.

Ich hab ja viel Verständnis für die Vorbehalte gegenüber einer überbordenden Bürokratie, aber das ist eben nicht dasselbe wie eine Verbesserung der Informationssituation, die Ärzten und Patienten nur nützen kann. statt gegen ELGA zu opponieren, sollte man sich an der Optimierung beteiligen.

hot doc
03
31.1.2012, 12:24

nein, hier ist ein schwerer fehler aufgrund menschlichen versagens passiert. eine schwangere mit blutung, die am vortag schon in einem anderen krankenhaus war, gehört aufgenommen, das sagt der medizinische grundverstand. dazu brauche ich keine elga und nichtmal einen computer.

das problem ist, dass die edv-fritzen und selbsternannten gesundheitsexperten nicht verstehen, wie wir arbeiten, und uns ihre zwangsbeglückungen umhängen wollen. ich habe viel edv, und brauche sie oft. ich habe checklisten, nachschlagewerke usw. aber das ganze dient mir und meinen patienten, und ist von mir zusammengestellt, weil ich meine bedürfnisse kenne. die edv-fritzen meiner softwareschmiede sind nur nervensägen, die wenig beitragen.

Proudhon
00
31.1.2012, 13:25

ich kenn solche Systeme aus eigener Anschauung und kann ihren Vorbehalt schon verstehen. Oft wird da leider daten-getrieben vorgegangen und nicht prozess-getrieben, soll heissen man will dokumentieren was geht, aber mit den Abläufen hat das dann wenig gemein. Nur gerade das wäre ein Grund sich bei der Umsetzung von ELGA und co. zu engagieren, denn dass solche Systeme kommen, das lässt sich nun mal auf Dauer nicht verhindern.

Micha Do
 
00
31.1.2012, 20:37
Hallo Proudhon

Ich muß da auch noch ein Schäufelchen nachlegen, weil hot doc unten wirklich recht hat.Ich teile seine Ansicht; a.a.O. hatten wir schon eine vergleichbare Diskussion. ELGA kann unter bestimmten Bedingungen für einen behandelnden Arzt wichtige Informationen bereitstellen. Das bestreiten wir ja nicht. Der Punkt liegt aber in einer notwendigen PROZESSOPTIMIERUNG und dafür ist ELGA in der geplanten Form schlicht ungeeignet, es bleibt blinde Datensammlung und da stellen sich natürlich Fragen"cui bono". Verbesserten Informationsfluß über lebensnotwendige Dinge kann man recht leicht mit vorhandener Struktur und Phantasie bewerkstelligen. Ohne Datensammelwut. Und billiger. Die kolportierten Kosten sind nämlich ein Witz. Siehe hot docs Beispiel
MfG

hot doc
00
31.1.2012, 15:09

wissen sie, man will uns ja gar nicht bei er elga-entwicklung dabei haben. weil wir ja nur störende kostenverursacher im gesundheitssystem sind.

ausserdem ist der wahre sinn von elga ja nicht die verbesserung der gesundheitsversorgung - das wird den österreichern nur eingeredet - sondern die systematische datensammlung der krankenversicherten. wenn nämlich, wie von den neoliberalisten in der övp angedacht, die gesetzliche krankenversicherung auch von kommerziellen versicherern angeboten werden darf, dann können die, weil sie dann einsicht in die daten haben, sich die interessanten herauspicken und chronisch kranke den gebietskrankenkassen lassen. da ist viel geld im spiel und da wird viel geld (unter der hand) verteilt.

denke
00

Dafür braucht man kein ELGA.
Eine Pflichtuntersuchung, bevor man eine Privatversicherung bekommt, genügt.

hot doc
00

ich habe das offensichtlich nicht klar herausskizziert:

gewinne privatisieren. verluste sozialisieren.

gewinnbringende versicherte werden von der privatversicherung mit offenen armen empfangen, verlustbringende aber abgelehnt und bleiben bei der gkk. und elga liefert die nötige information für die entscheidung, wer eine melkkuh darstellt, und wer nicht.

Warpsignatur
00
30.1.2012, 20:43

"Die Leistung sollte dort erbracht werden, wo sie für das System am günstigsten ist." - das ist typischer gesundheitsökonomen-talk.
tatsache: die leistung MUSS dort erbracht werden, wo sie dem patienten am meisten nützt!
einen suizidalen patienten, oder einen patienten mit herzinfarkt kann man nicht in einer praxis "aufbewahren"! dass es andererseits patienten gibt, die mit einem furunkel eine hautambulanz im krankenhaus aufsuchen, ist allerdings auch bekannt...

O5
44
30.1.2012, 19:26

Die Gesundheitsbonzen, allen voran die Ärzte, kämpfen um ihre Milliardenpfründe.

hot doc
22
30.1.2012, 21:41

geh, träum weiter von der weltrevolution.

der burli
01
30.1.2012, 19:20
wenn der "minister nicht zwingen kann", müssen wir den minister zwingen, bzw. seine partei.

Fritz - Ulrich Hein
 
00
30.1.2012, 20:34
Andersrum wird ein Schuh draus:

Wenn der Gesundheitsminister nicht zwingen kann, ist sein Ministerium überflüssig.

linkslinker gutmensch
02
30.1.2012, 19:51

Was wollens zwingen? Für Änderungen brauchts 2/3 Mehrheiten. Und die SPÖ kann im Dreieck hupfen solangs will. Die ÖVP wird weder die schwarzen Landeshauptleute verkraulen, noch ihrer Klientel ans Bein pinkeln.

Und FPÖ/BZÖ wäre ja schön blöd sich da einzumischen. Immerhin ist ein immerwährendes Scheitern super politisches Kleingeld (FPÖ) bzw würde es ÖVP-Wähler abschrecken (BZÖ).

Somit bleibts halt, dass die Roten schuld sind (ich will jetzt nicht sagen, dass die Genossen intelligenzgesegnet alles fürs Wohle des Volkes tun (zB auch gegen das Volk), aber die ÖVP lebt mit der Situation mehr als gut)

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