Rekrutenschwund beim Bundesheer

30. Jänner 2012, 18:25
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Jüngste Berechnungen des Verteidigungsressorts kommen zu dem Schluss, dass das Bundesheer bald nicht mehr genug Präsenzdiener für den laufenden Betrieb einziehen kann - Ab 2015 fehlen mehr als 1200 Mann

Wien - Dem Bundesheer kommen die Grundwehrdiener abhanden - und zwar in einem Ausmaß, dass es ab 2015 für den laufenden Betrieb zum Problem werden kann. Das geht aus einer Prognose hervor, die die Sektion IV des Verteidigungsministeriums, die sich mit Einsätzen beschäftigt, für die nächsten zehn Jahre erstellt hat und die dem Standard vorliegt.

Derzeit hat das Bundesheer einen Bedarf von exakt 21.800 Grundwehrdienern pro Jahr, der bisher stets gedeckt werden konnte. Nach den jüngsten Berechnungen fehlen ab 2013 aber hundert, ab 2015 schon mehr als 1200 Rekruten. Ab 2017 entsteht dann gar eine Lücke von 2700 Mann, gemessen am eigentlichen Jahresbedarf.

Für die schrumpfende Zahl an Präsenzdienern gibt es mehrere Gründe. Erstens sinkt aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge die Zahl der Stellungspflichtigen massiv. Zum Vergleich: Heuer müssen rund 45.000 junge Männer zur Musterung, in fünf Jahren, also 2017, nur mehr etwa 38. 000, im Jahr 2021 sind es dann überhaupt bloß noch 36.600.

Lieber zivil als uniformiert

Zweitens: Von den Tauglichen entschieden sich im Vorjahr 36 Prozent für den Wehrersatzdienst, also dafür, Zivildienst abzuleisten. Für ihre Zehnjahresprognose nimmt die Sektion IV an, dass die Anzahl der Zivildiener auf dem hohen Niveau konstant bleibt und dass auch für die kommenden Jahre mit einem Zivi-Anteil von rund 35 Prozent zu rechnen ist.

Die Anzahl der Untauglichen wiederum budgetiert der Stab mit stabilen 15 Prozent, nachdem in den letzten sechs Jahren stets Werte zwischen 13 und 14 Prozent verzeichnet wurden.

Auch hier zum Vergleich: Vor gut 25 Jahren, etwa 1986, lag der Anteil an Ausgemusterten bei 10,6 Prozent. Die Zunahme in den vergangenen Jahrzehnten erklärt sich damit, dass die Untersuchungen bei der Stellung mittlerweile umfangreicher und genauer vorgenommen werden.

Das Fazit des Ressorts für heuer lautet jedenfalls bereits, dass die Anzahl der "heranziehbaren Grundwehrdiener erstmals" nur mehr "der Hälfte der Stellungspflichtigen" entspricht.

Verteidigungsminister Norbert Darabos (SPÖ), seit knapp eineinhalb Jahren Verfechter eines Freiwilligenheeres, sieht sich angesichts dieser Zahlen freilich bestätigt und will den Bedarf an Funktionssoldaten - das sind jene Grundwehrdiener, die als Systemerhalter etwa zu Küchen-, Fahrten- oder Bürodiensten herangezogen werden - deutlich reduzieren. Und Darabos weiter zum Standard: "Diese Entwicklung zeigt, dass wir eine grundlegende Reform der Strukturen im Bundesheer brauchen. Denn das derzeitige System ist auf die Ausbildung von Grundwehrdienern ausgerichtet, die aber von Jahr zu Jahr weniger werden." Deswegen ist der Heeresminister auch davon überzeugt: "Die Zeit arbeitet für mein Modell."

Der Koalitionspartner ÖVP, der an der Wehrpflicht festhält, präferiert jedoch wohl sein eigenes Modell. Die Schwarzen wollten bisher stets bei der Rate der Ausgemusterten ansetzen, etwa, indem man die Untauglichkeit an die Berufsunfähigkeit knüpft - was für die Betroffenen dann freilich arbeits- und sozialrechtliche Konsequenzen hätte. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2012)

 

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    Fühlt sich bestätigt: Darabos.

  • Die Zahl der Grundwehrdiener schrumpft weiter.
    foto: standard/fischer

    Die Zahl der Grundwehrdiener schrumpft weiter.

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