Der Erste oder der Beste sein

  • Richard Gutjahr arbeitet für den Bayerischen Rundfunk und betreibt den Blog gutjahr.biz
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    Richard Gutjahr arbeitet für den Bayerischen Rundfunk und betreibt den Blog gutjahr.biz

  • "If the news is important it will find me."
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    "If the news is important it will find me."

  • Die neue Landkarte:   "Über die klassische  Welt legt sich das soziale Netz."
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    Die neue Landkarte: "Über die klassische Welt legt sich das soziale Netz."

  • Gutjahr in der Warteschlange vor dem Apple-Store.
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    Gutjahr in der Warteschlange vor dem Apple-Store.

  • Das Gutjahr-Universum: Blog, Homepage, YouTube, Twitter, Facebook.
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    Das Gutjahr-Universum: Blog, Homepage, YouTube, Twitter, Facebook.

  • Der Planungsprozess im Netz: Von Zuhören bis Kontinuität.
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    Der Planungsprozess im Netz: Von Zuhören bis Kontinuität.

"Wie man sich im Netz zu einer Marke macht": Richard Gutjahr gibt Tipps, wie man als Blogger Erfolg hat

Die deutsche Branchenzeitschrift "medium magazin" hat Richard Gutjahr zum "Journalisten des Jahres" in der Kategorie Newcomer gekürt, weil er "2011 gleich zwei Mal als Avantgarde an vorderster Front dabei war": Er bloggte vom Tahrir-Platz in Kairo und startete mit der "Rundshow" eine Initiative für "Social TV". Richard Gutjahr hat es geschafft, sich im Netz als Marke zu etablieren. Wie das geht, erklärte er in einem Vortrag, organisiert vom "forum journalismus und medien", in Wien.

Vor gut einem Jahr ließ Gutjahr seine TV-Kollegen alt aussehen. Nachdem er sich über die Berichterstattung im Fernsehen geärgert hatte, machte er sich selbst auf nach Kairo, um es besser zu machen. Sein Ziel war der Tahrir-Platz. Während der TV-Korrespondent sechs Kilometer entfernt vom Dach eines Hotels die Lage einschätzte, war Gutjahr mittendrin und bloggte (Bilanz/Zusammenfassung: gutjahr.biz) und twitterte. Daraufhin wurde er auch von der ARD als Korrespondent für die "Tagesschau" interviewt. 

Das unmittelbare Feedback, auch Kritik, sei bei solchen Aktionen extrem wichtig, um sich immer wieder zu fragen, ob man sich nicht zu sehr selber zur Story mache. Man müsse auch die eigene Eitelkeit hinterfragen, sagt Gutjahr.

Gutjahrs Appell: "Aufwachen"

"Wake up", rät der Journalist beim Bayerischen Rundfunk. Die Inhalte des Fernsehens hätten nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher, hier finde ein Signifikanzverlust statt. Auch er sei aufgeweckt worden. "Mir wurde klar, ich bin auf der falschen Straße und muss anfangen, neu zu denken", sagt Gutjahr. 

"Die Menschen wissen mittlerweile genau, ein TV-Beitrag wird einmal gesendet, dann ist er weg", so Gutjahr. Anders seine Blogeinträge. Die würden über Jahre hinweg über Google gefunden. "Die Pressestellen haben mittlerweile einen Heidenrespekt."

"Eine Frage des Filters"

"Menschen brauchen nicht noch mehr Informationen", erkärt Gutjahr, "alles, was wir schreiben, gibt es in irgendeiner Art und Weise schon." Google und Facebook würden keine Inhalte schaffen, sondern seien Filter, die uns helfen, mit der Informationsflut zurechtzukommen. "Unsere Kunst muss es also sein, dass wir es schaffen, durch diese Filter zu kommen und nicht ausselektiert zu werden." Gutjahr: "Alles ist also eine Frage des Filters."

"Über die klassische Welt legt sich das soziale Netz", sagt Gutjahr, "die heile Nachrichtenwelt von früher gibt es nicht mehr." "Schauen Sie sich an, wo das Geld hingeht", spielt er auch auf die immer größer werdenden Werbebudgets im Netz an. Und "dort, wo das Geld hingeht, dort findet die Party statt".

Kritisch sieht er das Medium Fernsehen. "Wir haben immer mehr die Verbindung mit dem Publikum verloren. Wir haben es uns in unserer Routine gemütlich gemacht und sind durchschaubar geworden. Wir lassen nichts mehr durchdringen, was wir nicht schon Jahre davor gemacht haben. Wenn ich mit einem Thema komme, das nicht auf diesem Radar stand, dann geht das nicht." 

"Jetzt mache ich es selbst"

Genau so sei es auch beim Thema iPad gewesen, erzählt er. Mehrere Anfragen bei seinen Chefs vom Dienst endeten jeweils mit einem Nein ("iPad, das ist kein Thema"), da habe es ihm gereicht. Seine Reaktion darauf: "Jetzt mache ich es selbst." Er nahm sich frei, verpasste sich sein eigenes Logo und veröffentlichte auf Twitter und Facebook, dass er auf dem Weg nach New York zum Apple-Store sei. Herausgekommen sind zum Beispiel einige YouTube-Videos, geschnitten auf einem Campingstuhl in der Warteschlange.

"Yep. First iPad sold goes to Bavaria"

Gutjahr: "Ich war natürlich viel näher dran an den Menschen als die Journalisten. Die steigen aus dem Auto, holen sich zwei, drei Statements und sind wieder weg. Und so schauen die Beiträge dann aus." Er habe dann freilich auch den Vollzug vermeldet - per Tweet, der zur Schlagzeile bei Spiegel Online wurde ("Yep. First iPad sold goes to Bavaria"). Bei seinem Arbeitgeber, dem Bayerischen Rundfunk, kam die Aktion nicht so gut an. Ein Rauswurf stand im Raum wegen Werbung bzw. Instrumentalisierung für ein Produkt.

Das sei verlogen, argumentiert Gutjahr: "TV-Sender schicken ihre Satellitenwagen hin und Apple diktiert den Journalisten, von wo aus sie zu berichten haben. Ich konnte dorthin gehen, wohin ich wollte, die Journalisten mussten sich an die Regeln der Unternehmen halten." Er habe in seinem Urlaub für alle transparent mit seinem eigenen Geld ein Gerät gekauft, über das er dann kritisch berichten konnte.

Vorteile der Bloggerwelt

Keine Deadlines, keine Zeilenvorgaben, Flexibilität und vor allem die Nähe zu den Akteuren und zum Publikum seien die größten Vorteile für Blogger. Bei ihm seien die Vertriebskanäle organisch gewachsen (2006 eigene Homepage, YouTube-Kanal 2008, Blog seit 2009, Twitter, Facebook). 

Best Practice

Als Beispiele erfolgreicher Blogger führt er unter anderem "Herr Tutorial" an, mit seinen YouTube-Videos erreicht Sami Slimani im Schnitt mehrere hunderttausend Klicks, durch die eingebaute Werbung kommt der Jugendliche zu Geld:

"Herr Tutorial über Pickel"

Auch iJustine habe es geschafft, im Netz zu einer Marke zu werden. Mittlerweile bedient die Bloggerin ein ganzes Imperium aus mehreren Kanälen (Blog, YouTube, Twitter) inklusive T-Shirts. Auch sie verdient durch die eingeblendete Werbung auf YouTube. Natürlich spreche sie ein bestimmtes Klischee an, so Gutjahr, aber "sie ist mehr als nur blond, sie ist verdammt clever".

Sie komme mit einem ihrer Videos auf so viele ZuschauerInnen wie zum Beispiel "Wetten, dass..?". Eine Folge von "Wetten, dass..?" interessiere in drei Jahren niemanden mehr, sagt Gutjahr, aber diese Videos würden auch in drei Jahren noch angesehen. Bei Blogs gehe es um die Long-Tail-Philosophie, das sei sehr viel wertvoller.

iJustine will einen Cheesburger

"Ich schlafe nicht"

Und wie schafft man die Bloggerei neben dem Brotjob? Generell gehe es darum, die Aktivitäten im Netz in den eigenenLebensrhythmus zu integrieren und den Kreislauf der Konversation aufrechtzuerhalten. Er selbst sei selten weniger als 48 Stunden nicht online.

"Ich schlafe nicht", antwortet er scherzhaft auf die Frage, wie das alles rein zeitmäßig zu bewerkstelligen sei. Seine kreativste Bloggerzeit sei nach Mitternacht. Auch tagsüber kontrolliert Gutjahr freilich seine Social-Media-Accounts, bei Twitter zum Beispiel konzentriert er sich auf die letzten fünf Minuten der Timeline. Gutjahr: "Wenn dort für mich nichts Wichtiges darunter war, dann war den ganzen Tag nichts Wichtiges. Wenn etwas für mich Wichtiges war, dann wird es mich schon finden."

Zuerst zuhören

Das Zuhören sei das Erste und Allerwichtigste, um einen erfolgreichen Blog zu etablieren und sich im Web zu einer Marke zu machen, so Gutjahr. Auch andere Blogs zu kommentieren helfe. Dann müsse man sich freilich überlegen, wer die Zielgruppe sein soll, welche Kanäle bedient werden sollen, was die Ziele sind.

Erst dann geht es ans Einrichten der Kanäle, an das Erstellen der Inhalte und das Pflegen der Konversation. "Entweder Sie sind der Erste oder der Beste", gibt er Bloggern noch mit auf den Weg, "auf alles andere dazwischen wartet kein Mensch." (Astrid Ebenführer, derStandard.at, 30.1.2012)

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