Die Plattform "Kunst hat Recht" tritt gegen die Gratiskultur im Internet an und fordert die Vergütung geistigen Eigentums - Von Michael Kos
Daraus ein Votum für die
Verschärfung des Urheberrechts abzuleiten ist verkehrt.
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Medienwirksamer als eine Debatte über das Recht der Kunst mag das virtuelle
Scheibeneinschlagen des Online-Mobs ja sein - dieser stilisiert sich gern zum
glühenden Verfechter der "Gratiskultur". Doch dem Großteil der Kunstschaffenden
geht es um etwas Unaufgeregtes: das konstruktive Aushandeln eines "common
sense". Angesichts bedrohter Lebensgrundlagen stellt sich die Frage, warum
ausgerechnet die Wahrung des Urheberrechts den Kunstschaffenden "ins eigene
Fleisch schneiden" sollte? Konrad Becker ("Mehr Rechte gegen die Kunst", DER STANDARD, 26. 1.) konstruiert in seinem Beitrag das Bild von
"verunsicherten Kulturschaffenden, von Rechtsanwälten umklammert, von
Regelwerken behindert, nur als Superstars Profiteure der Verwertungsindustrie" -
das Gegenteil ist der Fall.
Angesichts der gerade im Internet großen Nachfrage nach künstlerischen
Inhalten hat es herzlich wenig Sinn, Spezialfälle der Appropriation Art oder
eine Innovationsdebatte innerhalb der Kunst in der Diskussion anzuführen. Worum
es wirklich geht, ist viel lebensnäher: Die Künstlerinnen und Künstler wollen
sich nicht das Recht nehmen lassen, über die Verwendung ihrer Werke selbst zu
bestimmen - und sie haben ein Recht darauf, von denjenigen bezahlt zu werden,
die ihre Werke nützen.
Deswegen kam es zu einer gemeinsamen Initiative. "Kunst hat Recht" wird von
heimischen Kunstschaffenden aller Kunstsparten getragen, im Schulterschluss mit
ihren Verwertungsgesellschaften. Die Solidarisierung mit "Kunst hat Recht" ist
rasant - mehr als 2500 Kunstschaffende haben sich schon in den ersten Tagen
angeschlossen.
Die Rolle der Verwerter wird leichtfertig zu jener des Beelzebubs
dramatisiert, ja sogar als Legitimation für die missbräuchliche Verwendung
urheberrechtlich geschützter Werke benützt: eine krude Logik, die zudem auf
Vorurteilen fußt.
Die Verwertungsgesellschaft bildende Kunst Wien zum Beispiel vertritt als
Verein rund 2300 bildende Künstler. Das heißt im Klartext: Sie gehört ihren
Mitgliedern! Eine Verwertungsgesellschaft ist keine Industrie, sondern eine
sinnvolle Lobby, sie erfüllt einen kollektiven Auftrag und vergütet die
individuellen Urheberrechte, die Künstlerinnen und Künstler bei medialer Nutzung
ihrer Werke haben. Diese Vergütungen stellen einen Faktor der Existenzsicherung
dar, der gerade für weniger bekannte Künstler substanziell ist. Es ist kein
Almosen, sondern eine Bezahlung für Leistungen. Nur ganz wenige "Stars" können
von ihren direkten Künstlergagen leben.
Adaption der Privatkopie
Nicht die Juristen einer Verwertungsgesellschaft nehmen die Kunstschaffenden
in den Schwitzkasten, sondern jene Medien, Provider und Internet-Unternehmen,
die mit kostenlosen künstlerischen Inhalten ihre Geschäfte machen. Die
veränderten Rezeptions- und Reproduktionsformen in der digitalen Sphäre haben
gravierende Einbußen vor allem bei der Leerkassettenvergütung (mehr als 50
Prozent) zur Folge. Eine zeitgemäße Adaption der Privatkopie in Form der
Festplattenabgabe - wie es sie in Deutschland längst gibt - wird aber in
Österreich seit Jahren verhindert. Das trifft die Kunstschaffenden direkt, sie
müssen ihre Tonstudios schließen, ihre Filmprojekte auf Eis legen und
unterschreiten beschämend geringe Einkommensgrenzen, um in weiterer Folge sogar
selbst noch aus der Künstlersozialversicherung zu fallen.
Zur Schadensbegrenzung wollen die Kunstschaffenden keineswegs das
Urheberrecht verschärfen, wie es manche glauben machen wollen. Sie fordern
schlicht, dass dort, wo sich ein bereits bestehendes Recht in einen anderen
Bereich hinein verschleift, selbiges auch zur Anwendung kommen muss.
Weder politisch noch gesellschaftlich ist es wünschenswert, dass
Kunstschaffende immer weniger von ihrer Arbeit leben können. Es bestärkt einen,
dass laut einer aktueller Umfrage mehr als 90 Prozent der Österreicher die
Ansicht teilen.
Es ist letztlich der digitale Kunstfreund, der von uns - der Künstlerschaft -
als Partner gewonnen werden soll. Wir halten mit unseren Contents das Niveau
eines globalen Mediums hoch, das an sich zur Nivellierung tendiert. Umgekehrt
sind wir die Letzten, die der Kriminalisierung des Privaten oder einer
Informationszensur Vorschub leisten wollen. Wenn als Resultat unserer Initiative
wieder mehr Fleisch an den Knochen kommt, ist die Kunst nur mit Recht ihrer
sukzessiven Entwertung entgegengetreten. (Michael Kos, DER STANDARD - Printausgabe, 31. Jänner 2012)
Michael Kos tritt für die Initiative "Kunst hat Recht" ein. Er arbeitet als
Bildhauer und Maler in Wien.
Nachlese