Der WKR-Ball - (noch) kein Nachruf eines Ball-Demonstranten
Obgleich der Wiener Korporationsball eigentlich schon länger wie eine Nachwehe der Geschichte, die in unserer Zeit nichts mehr verloren hat, erscheint, wird er auch nächstes Jahr, wenn auch nicht mehr in der Hofburg, wieder stattfinden.
Ob die Verdrängung der Burschenschaften aus der Hofburg ein Erfolg war, hängt vor allem davon ab, was dies für deren Schlüsselfigur, Heinz-Christian Strache, bedeutet und wie er künftig mit Korporationen umgehen wird.
Straches Balanceakt
Burschenschafter und Rechtsextreme spielen zwar (entgegen deren eigener Meinung) keine staatstragende Rolle im politischen System Österreichs, allerdings könnte sich das nach den Nationalratswahlen im Zuge einer möglichen schwarz-blauen oder blau-schwarzen Koalition relativ schnell wieder ändern. Gewiss ist, dass auch Strache Schlüsselpositionen mit "Deckeln" besetzen wird, aber auch eine Rückkehr der Burschenschafter in die Hofburg schiene in diesem Fall alles andere als ausgeschlossen.
Durchaus möglich ist allerdings auch, dass Strache an einem WKR-Ball in der Hofburg selbst nicht interessiert ist. Denn ein abgelegener Veranstaltungsort würde das Interesse von Medien und Demonstranten weit weniger erwecken, als es die Hofburg tat. Außerdem möchte man sich auf dem Weg zur Kanzlerschaft nicht zu sehr mit dubiosen Burschenschaftern gemein machen, um nicht mit deren Gedankengut in Verbindung gebracht werden zu können. Ein WKR-Ball in der Hofburg und damit im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit könnte ihm hierfür durchaus hinderlich sein. Andererseits werden sich auch die Korporationen für den Fall einer freiheitlichen Regierungsteilnahme ein prominenteres Plätzchen in der freiheitlichen Reichshälfte erwarten.
Ausgefeilte Rhetorik statt Inhalte
In diesem Lichte ist auch die wortgewaltige Verteidigung des WKR-Balls durch Strache zu beurteilen: Rhetorisch agierte Strache brillant. Einschränkung der Meinungsfreiheit, Verstoß gegen Grund- und Menschenrechte, brave Burschenschafter (auch während des Balles sollen allerdings die Klingen gekreuzt worden sein) gegen gewalttätige Demonstranten: Straches Verteidigungsversuche waren rhetorisch ausgefeilt, so ausgefeilt, dass einem die vielen inhaltlichen Unzulänglichkeiten beinahe verborgen geblieben wären. Sollen etwa die einzigen Gründe, die für einen Burschenschafter-Ball sprechen, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit sein?
Nach der x-ten Wiederholung erschien Straches Verteidigungstaktik nur mehr wie das Anhäufen sinnentleerter Worthülsen und Strache selbst wie eine Blase, angefüllt bis unter den Burschenschafter-Deckel ausschließlich mit politischer Rhetorik. Insofern steht der WKR-Ball durchaus symptomatisch für Straches Politik.
Die Gefahr zukünftiger Proteste gegen den WKR-Ball und andere rechtsextreme Umtriebe scheint nun zu sein, dass sich die kritische Öffentlichkeit nur bei solchen Gelegenheiten mit den rechten Recken auseinandersetzt, anstatt sich permanent die Inhaltsleere der Botschaften aus dem dritten Lager bewusst zu machen.
Straches Handshake: Eine Schande für die Polizei
Straches Handshake mit der Polizei war eine Schande. Weniger für Strache, umso mehr allerdings für die Polizei. Aufgabe der Polizei (die PolizistInnen schienen das nicht zu wissen) war es nämlich nicht, den WKR-Ball zu verteidigen, sondern die Gegendemonstration in Grenzen zu halten. Genau solche Verbrüderungsgesten sind es allerdings, die gewaltbereite Demonstranten besonders reizen. Wer in einem politischen Konflikt neutral eingreifen will, hat selbst absolute Indifferenz zu zeigen und einen vereinnahmenden Handshake nicht zu quittieren. Die anwesenden Polizisten ließen sich stattdessen - traurigerweise - wie Schachfiguren von Strache ins Feld führen.
Nachrufe auf den WKR-Ball sind noch zu früh und die Proteste werden nächstes Jahr, an welchem Ort auch immer, weitergehen. Doch so im Fokus der Öffentlichkeit wie dieses Jahr werden sie wohl nie mehr sein. Ob das ein Erfolg ist oder nicht, hängt davon ab, ob es die anderen Parlamentsparteien mittels Kritikfähigkeit schaffen, die Blase namens Strache platzen zu lassen. (Leserkommentar, Michael Krull, derStandard.at, 31.1.2012)
Autor
Michael Krull (22) studiert Jus und hat an den Protesten gegen den WKR-Ball teilgenommen.