Protest gegen WKR-Ball

Wie Straches Schachfiguren

Leser-Kommentar | 31. Jänner 2012, 08:56

Der WKR-Ball - (noch) kein Nachruf eines Ball-Demonstranten

Obgleich der Wiener Korporationsball eigentlich schon länger wie eine Nachwehe der Geschichte, die in unserer Zeit nichts mehr verloren hat, erscheint, wird er auch nächstes Jahr, wenn auch nicht mehr in der Hofburg, wieder stattfinden.

Ob die Verdrängung der Burschenschaften aus der Hofburg ein Erfolg war, hängt vor allem davon ab, was dies für deren Schlüsselfigur, Heinz-Christian Strache, bedeutet und wie er künftig mit Korporationen umgehen wird.

Straches Balanceakt

Burschenschafter und Rechtsextreme spielen zwar (entgegen deren eigener Meinung) keine staatstragende Rolle im politischen System Österreichs, allerdings könnte sich das nach den Nationalratswahlen im Zuge einer möglichen schwarz-blauen oder blau-schwarzen Koalition relativ schnell wieder ändern. Gewiss ist, dass auch Strache Schlüsselpositionen mit "Deckeln" besetzen wird, aber auch eine Rückkehr der Burschenschafter in die Hofburg schiene in diesem Fall alles andere als ausgeschlossen.

Durchaus möglich ist allerdings auch, dass Strache an einem WKR-Ball in der Hofburg selbst nicht interessiert ist. Denn ein abgelegener Veranstaltungsort würde das Interesse von Medien und Demonstranten weit weniger erwecken, als es die Hofburg tat. Außerdem möchte man sich auf dem Weg zur Kanzlerschaft nicht zu sehr mit dubiosen Burschenschaftern gemein machen, um nicht mit deren Gedankengut in Verbindung gebracht werden zu können. Ein WKR-Ball in der Hofburg und damit im grellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit könnte ihm hierfür durchaus hinderlich sein. Andererseits werden sich auch die Korporationen für den Fall einer freiheitlichen Regierungsteilnahme ein prominenteres Plätzchen in der freiheitlichen Reichshälfte erwarten.

Ausgefeilte Rhetorik statt Inhalte

In diesem Lichte ist auch die wortgewaltige Verteidigung des WKR-Balls durch Strache zu beurteilen: Rhetorisch agierte Strache brillant. Einschränkung der Meinungsfreiheit, Verstoß gegen Grund- und Menschenrechte, brave Burschenschafter (auch während des Balles sollen allerdings die Klingen gekreuzt worden sein) gegen gewalttätige Demonstranten: Straches Verteidigungsversuche waren rhetorisch ausgefeilt, so ausgefeilt, dass einem die vielen inhaltlichen Unzulänglichkeiten beinahe verborgen geblieben wären. Sollen etwa die einzigen Gründe, die für einen Burschenschafter-Ball sprechen, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit sein?

Nach der x-ten Wiederholung erschien Straches Verteidigungstaktik nur mehr wie das Anhäufen sinnentleerter Worthülsen und Strache selbst wie eine Blase, angefüllt bis unter den Burschenschafter-Deckel ausschließlich mit politischer Rhetorik. Insofern steht der WKR-Ball durchaus symptomatisch für Straches Politik.

Die Gefahr zukünftiger Proteste gegen den WKR-Ball und andere rechtsextreme Umtriebe scheint nun zu sein, dass sich die kritische Öffentlichkeit nur bei solchen Gelegenheiten mit den rechten Recken auseinandersetzt, anstatt sich permanent die Inhaltsleere der Botschaften aus dem dritten Lager bewusst zu machen.

Straches Handshake: Eine Schande für die Polizei

Straches Handshake mit der Polizei war eine Schande. Weniger für Strache, umso mehr allerdings für die Polizei. Aufgabe der Polizei (die PolizistInnen schienen das nicht zu wissen) war es nämlich nicht, den WKR-Ball zu verteidigen, sondern die Gegendemonstration in Grenzen zu halten. Genau solche Verbrüderungsgesten sind es allerdings, die gewaltbereite Demonstranten besonders reizen. Wer in einem politischen Konflikt neutral eingreifen will, hat selbst absolute Indifferenz zu zeigen und einen vereinnahmenden Handshake nicht zu quittieren. Die anwesenden Polizisten ließen sich stattdessen - traurigerweise - wie Schachfiguren von Strache ins Feld führen.

Nachrufe auf den WKR-Ball sind noch zu früh und die Proteste werden nächstes Jahr, an welchem Ort auch immer, weitergehen. Doch so im Fokus der Öffentlichkeit wie dieses Jahr werden sie wohl nie mehr sein. Ob das ein Erfolg ist oder nicht, hängt davon ab, ob es die anderen Parlamentsparteien mittels Kritikfähigkeit schaffen, die Blase namens Strache platzen zu lassen. (Leserkommentar, Michael Krull, derStandard.at, 31.1.2012)

Autor

Michael Krull (22) studiert Jus und hat an den Protesten gegen den WKR-Ball teilgenommen.

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Posting 1 bis 25 von 82
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Jülyet Ksantopulo
01

Der Verfasser tut ja so, als seien Burschenschafter per se rechtsaußen. Eigenschaftswörter wie 'dubios' soll zudem Unseriosität hervorrufen.

Bitte lieber Standard... ich habe von der ÖH Wien gerade das Büchel 'Völkische Verbindungen' mitgenommen, und da steht eine Menge Kritisches drinnen. Aber betont wird auch, daß man nicht allen Burschenschaftern ein rechtsrechtes Gedankengut anhängen kann.

Mehr Seriosität braucht das Land!

Dagmar Rehak Wien
 
11
"Straches Handshake mit der Polizei war eine Schande. Weniger für Strache, umso mehr allerdings für die Polizei. Aufgabe der Polizei (die PolizistInnen schienen das nicht zu wissen) war es nämlich nicht, den WKR-Ball zu verteidigen, sondern die Gegen

demonstration in Grenzen zu halten."
Korrekt. Ohne Gegendemonstration wäre ein Polizeieinsatz gar nicht notwendig gewesen.

"Genau solche Verbrüderungsgesten sind es allerdings, die gewaltbereite Demonstranten besonders reizen."
Gut zu wissen.

"Wer in einem politischen Konflikt neutral eingreifen will, hat selbst absolute Indifferenz zu zeigen und einen vereinnahmenden Handshake nicht zu quittieren."
Die Polizei hat in diesem sehr einseitigen Konflikt die Ballbesucher vor gereizten Demonstranten beschützt, was auch richtig war, und später eindeutig für die Veranstalter der Demonstration Partei ergriffen, wenn Ihnen das aufgefallen ist.
Und wer wem die Hand gibt, geht außer die Geschüttelten niemanden was an.

Lucius.Herzsprung
00
ein guter Schiedsrichter...

tritt während des gesamten Spiels nicht in Erscheinung. Eine Weisung, die Händeschütteln uä mit egal welcher Seite verbietet ist bei heiklen Demonstrationen in Schweden oder Dänemark übrigens längst üblich.

Dagmar Rehak Wien
 
11

Warum Schiedsrichter? Die Ballbesucher mussten vor den Demonstranten geschützt werden. Das war ja kein Fußballspiel.

lex73
00
offenbar

ist für manche ein fußballspiel einer demo gleichzusetzen zumindest was die gewaltbereitschaft angeht

Dagmar Rehak Wien
 
01
"Sollen etwa die einzigen Gründe, die für einen Burschenschafter-Ball sprechen, Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit sein?"

Nein. Die haben sich einfach lieb und wollen zusammen Spaß haben.
Was spricht dagegen?

Oddo Wolf
01

Ich wollte auch nur Spaß haben als ich MEINEN 21. Geburtstag (schon lang her) mit Freunden in einem öffentlichen Lokal gefeiert hab. Hat mit einer Platzwunde und viel zerbrochenem Glas geendet.
Wenns um die "Endnazifizierung" geht, sind viele nicht zimperlich und fällt oft die Hemmschwelle.

Dagmar Rehak Wien
 
01

Das war doch nur, weil es ein Montag war. Nimm nicht alles gleich persönlich, Oddo!

Oddo Wolf
10

Es war der 20. April wie jedes Jahr.

Dagmar Rehak Wien
 
01
"brave Burschenschafter (auch während des Balles sollen allerdings die Klingen gekreuzt worden sein)"

Wen geht's was an?
Solange sich erwachsene Männer freiwillig gegenseitig verletzen, ist das zwar immer noch nicht ganz legal, aber für Außenstehende kein Grund, sich aufzubudeln.

findo
00
ich würde etwas genauer zitieren und nicht rauspicken wie es gerade passt

das beispiel bezieht sich doch eindeutig auf die zuspitzung, dass burschenschafter friedliebend und demonstranten gewalttätig sind. ansonst ist es nämlich tatsächlich völlig wurscht, wenn die sich gegenseitig aufs goschal pracken.
und einerseits ist es angeblich nicht legal und andererseits kein grund zur aufregung? was ist dann ein grund zur aufregung, wenn nicht die illegalität von etwas?

Dagmar Rehak Wien
 
01

Zum Glück hab ich keine journalistische Sorgfaltspflicht, sondern darf mir rauspicken, was mir ins Auge sticht und dort weh tut.
Das mit der Illegalität gefällt mir. Gesetzestreue ist ein Wert, den ich schon verloren geglaubt habe. Schön, dass die Jugend das wiederentdeckt hat. Ich hingegen bin da nicht so charakterlich gefestigt. Ich mach hie und da was Illegales. Das bleibt aber unter uns, ja?

DarktowerX
00
23.2.2012, 14:25

diese schnöseligen Typen im Burschenschaftskostüm sind halt einfach unappetitlich anzusehen...wer so eine Mitläufergemeinschaft braucht, um glücklich zu sein, bitte. Aber dann sollen sie auch nicht aus allen Wolken fallen, wenn ihnen vorgeworfen wird, eine gewisse ewig gestrige Gesinnung zu repräsentieren.

findo
00
kant wär wohl nicht so erfreut...

zur jugend gehöre ich übrigens schon lange nicht mehr.

Dagmar Rehak Wien
 
00

Kant hat nicht gesagt, alle sollen sich brav an die Gesetze halten.
Lies noch einmal nach!

findo
00
doch hat er:

"Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung für das Gesetz." Und untermauert hat er diese Haltung mit seinem Häscher-Beispiel. Das heißt aber nicht, dass einem Kant nicht ein Instrumentarium gibt, unfaire Gesetze zu ändern: den kategorische Imperativ.
Übrigens war obige Aussage ironisch gemeint, denn Kant ist überholt und seinen Namen ernsthaft in diesem Zusammenhang fallen zu lassen wäre Obergscheitelei.

le Sucre
00
bitte rot-blau nicht vergessen

bitte diese Koalitionsmöglichkeit nicht vergessen, es gibt Kräfte innerhalb der SPÖ die eine Koalition mit der FPÖ eingehen würden, der Rest wird wahrscheinlich nach einem Machtwort aus der Muthgasse wohl oder übel mitspielen.

ehnie
00
31.1.2012, 19:40

Schüttelt ein Polizist hc die Hand, ist der Skandal daran, dass die friedliche Masse sich ausgeliefert fühlt: hc und den Gewaltbereiten.

Knieriem
01
31.1.2012, 19:30
Einschränkung der Meinungsfreiheit, Verstoß gegen Grund- und Menschenrechte, brave Burschenschafter (auch während des Balles sollen allerdings die Klingen gekreuzt worden sein) gegen gewalttätige Demonstranten?

Na, was sonst?
Natürlich geht es auch um das Recht auf freie Meinungsäußerung!
Darum geht es heute in jeder Hinsicht.
Recht auf Meinungsfreiheit, auf Privatsphäre, auf Notwehr, auf ungestörte politische Tätigkeit, etc.
Ich bin zwar kein Burschenschafter, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß auf dem Ball gefochten worden wäre.
Sollte es Meinungsverschiedenheiten gegeben haben, müßte das eigentlich mit einer Forderung und einem Gefecht (wie auch immer das bei den Schlagenden heißt) abgemacht werden.
Na ja, und Gewalttätigkeiten von Bespucken, Körperverletzungen und einer mitgebrachten Bombe gab es - außer diesem obskuren angeblichen Angriff auf Konecny - nicht von den Burschenschaftern, oder?

exander
512
31.1.2012, 13:20
Ad "Meinungsfreiheit"

Die von der Rechten bei jeder Gelegenheit angerufene "Meinungsfreiheit" ist nichts anderes als ein Code. Gemeint ist die Aufhebung des Verbotsgesetzes 1947 unter dem Deckmantel demokratischer Grundrechte.

Stahl_____666
68
31.1.2012, 14:55
.

Naja - nüchtern betrachtet ist das Verbotsgesetz ja auch hausgemachter Schwachsinn.

Es gibt Menschen, und davon gar nicht wenige, die die Evolutionstheorie leugnen. Sollen die auch alle mit einem Verbotsgesetz belegt werden?

Das Faktum "Holocaust" ist ja ein wissenschaftliches - so wie die französische Revolution oder das römische Reich.

Wenn jemand also anfängt, Tatsachen zu leugnen begibt er sich in einer aufgeklärten Gesellschaft selbst ins Out.

Sehr wohl aber ist das Verbotsgesetz der bequemste Weg der Entnazifizierung - was in Deutschland Jahrzehnte und viel Sozialarbeit gedauert hat, wurde hierzulande per Parlamentsbeschluß geregelt.

Rosa Stahl
00
31.1.2012, 19:30

Österreich eben.

Und dann gibts da noch ein kleines Problemchen: Das Verbotsgesetz ist die allerletzte Bastion, gegen die irgendwelche (Dauer)Pubertären noch anrennen können.

Da hattens die 68 noch gut, da war schon ein Nackerter ein Skandal. Das juckt heute, zu Zeiten von Paraden und Life-Bällen, keine S*u mehr. Gegen welches Establishment sollen die Jungen heute noch anrennen...

saunaecho
00
31.1.2012, 19:03
"Gespensterjagd" ist bequem und lukrativ

Es ist für die Demokratie gefährlich, wenn jemand für eine Diktatur Propaganda macht und die Leute aufstachelt (verhetzt).
Die "Rezepte" von Hitler und Stalin als Heilmittel anzupreisen sollte ein Verbrechen sein.

F*** the ÖVP
34
31.1.2012, 17:00
"nüchtern betrachtet"

Das ist bei dir NIE der Fall

Stahl_____666
43
31.1.2012, 12:45
.

1. Auch der Wiener Opernball ist eine Nachwehe der Geschichte - der Kaiser ist seit knapp 100 Jahren nicht mehr im Amt - und auch dagegen wurde und wird heftig protestiert. Sollen wir ihn deswegen verbieten?

2. Der dritte Nationalratspräsident ist schlagender Burschenschafter, die Justizministerin gehört einer weiblichen, katholischen Verbindung an und die komplette Führungsriege der ÖVP sind CVler.
Keine staatstragende Rolle?

3. Der Exekutive dafür zu danken, nicht von Wurfgeschossen getroffen oder gar von einer Bombe in die Luft gesprengt zu werden gilt hierzulande als Selbstverständlichkeit und nicht als Verbrüderung.

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