Migration? Ich scheiß' auf diesen Hintergrund!

Leserkommentar
1. Februar 2012, 10:22

Ein Wutbrief eines "Migrationshintergrund-Verweigerers"

Herr Kurz, Frau Schmied, Herr Tumpel, Frau Frauenberger, Herr Hundstorfer!

Kürzlich saß ich nur wenige Meter von euch entfernt. Ihr habt in der Arbeiterkammer über "Menschen mit Migrationshintergrund" diskutiert. Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, das bin doch ich, über den ihr daherredet! Mit jedem Mal, wo ihr das Wort "Mensch mit Migrationshintergrund" in den Mund genommen habt, habe ich mehr zu kochen begonnen.

Doch wie ich es gelernt habe, blieb ich ruhig sitzen, versuchte ich, brav zu sein. Ich nahm mir vor, euch am Ende zu fragen, was das Ganze soll. Doch ihr habt - so feige -, ihr habt euch nur getraut, am Podium von oben herab über mich zu reden, und dann habt ihr nach euren Statements plötzlich die Diskussion für beendet erklärt, ihr habt keine Fragen aus dem Publikum zugelassen, was für eine Schande!

Wutbürger kommen von überall her ...

Also schreibe ich euch jetzt diesen formlosen Brief, ganz ohne Floskeln, ganz ohne höfische Höflichkeit, ich will das nicht für mich behalten, es muss aus mir raus. Ich bin wütend. Ja, hört, hört, auch einer, der Pollak heißt und dessen Eltern nicht in Österreich geboren sind, kann ein Wutbürger sein!

Ihr Politikerleute, wie komme ich dazu, dass ich mir euer beleidigendes Integrationsgerede anhören muss? Niemand hat mir zusätzlich Druck zu machen, niemand hat von mir eine andere Integration zu verlangen als von denen, deren Eltern in Österreich geboren sind! Niemand hat irgendein Sonderrecht über mich, nur weil ihr diesen scheinheiligen, stupiden Begriff "Mensch mit Migrationshintergrund" entdeckt habt!

Leistungsnachweis aufgrund des Geburtsortes?

Speziell Sie, Herr Kurz, Herr Leistungsmanager, speziell von dir will ich wissen: Warum verlangst du gerade von mir einen Leistungsnachweis? "Integration durch Leistung" nur wegen des Geburtsorts meiner Eltern? Wie absurd ist das denn? Wäre ich ein besserer Mensch, wenn meine Eltern keine Zuwanderer wären? Müsste ich dann nichts mehr beweisen, keine Extraleistung mehr erbringen? Dürfte ich dann schlecht in Deutsch sein? Würden dann vielleicht plötzlich meine Mathematikkenntnisse mehr zählen als meine Deutschkenntnisse? Hätten Sie, Herr Integrationsstaatssekretär, dann nix mehr mit mir zu tun? Ach, wie schön ...

Was ich bin, das braucht keinen Hintergrund

Aber im Ernst, was soll der Scheiß? Ich habe das echt viel zu lange ignoriert. Genug, basta! Was ich bin, das nennt sich Mensch, auch in Österreich! Was ich bin, das braucht keinen Hintergrund. Ich brauche so was um nichts mehr als Sie, Herr Kurz, Frau Schmied, Herr Tumpel, Frau Frauenberger, Herr Hundstorfer! Ein echter Loser ist, wer das nicht kapiert! Migration? Ich scheiß' auf diesen Hintergrund!

Ein Migrationshintergrundverweigerer (Leserkommentar, derStandard.at, 1.2.2012)

Autor

N. N. (Name der Redaktion bekannt)

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An "Autor"

habe auch Migrationshintergrund - und? Das ist einfach so, ein Fakt.
Also ich freu´mich ab und zu im stillen Kämmerlein darüber, dass ich für meine neue Heimat kein Problem darstelle und umgekehrt. Nicht mehr und nicht weniger.

wenn der herr migrationshintergrundverweigerer den sozialstaat nicht wie viele andere über gebühr beansprucht is das ja eh ok...

ich find den artikel des herrn no name schlecht argumentiert, mir ist auch bei bisschen zu viel "scheiss" und "feig" im text. außerdem find ich es komisch, dass der autor seinen namen nicht nennt. u. wenn gute gründe dafür vorliegen, vielleicht sollte der standard dann zumindest erklären, warum hier anonymisiert wird? ich versteh das, wenn journalistInnen aus teheran berichten, zB., aber warum kann man eine kritik am integrationsdiskurs nicht mit seinem/ihrem namen unterzeichnen? ein bisschen weniger "scheiss" und vielleicht ein bisschen weniger "wut" und ein bisschen mehr mut, täte no name nicht schlecht, um gemeinsam diskutieren zu können, ZB ob mit der abschaffung des buh-begriffes auch die reale diskriminierung abgeschafft werden kann..

als ausländer, vorallem wenn man nicht "westlich" ausschaut, hat mans in österreich wirklich schwer:
1) ist man in irgendeiner hinsicht nicht gut (durchschnittlich reicht meistens nicht), also wenn man beispielsweise nicht akzentfrei deutsch spricht, in der schule nicht erfolgreich ist, ein lehrling ist... dann ist man unerwünscht und viele haben den eindruck, dass diese personen eher eine "last" für die gesellschaft sind, wobei es in den meisten fällen unbegründet und von vorurteilen geprägt ist.

2) ist man aber überdurchschnittlich gut und erfolgreich, erfreut das die wenigsten und man macht sich leicht feinde, die einem nichts gönnen wollen.

3) ist man aus dem westen und spricht nicht besonders gut deutsch, aber z.b. mit französischem

...aber z.b. mit französischem oder amerikanischem akzent, kriechen die meisten leute denen in den allerwertesten, auch wenn sie sich nicht "integrieren".

alle 3 szenarien kommen auch so in den medien vor, nur mit der ausnahme, dass die 2. gruppe nie erwähnt wird, denn das bringt ja keine "leser" und polarisiert nicht gut genug...

in österreich zeigt man gerne mit dem finger auf andere leute, eigene fehler gesteht man nie ein und daher wird sich die situation, vor allem aufgrund der hiesigen medien, nie bessern...

hätte ich kein akzentfreies deutsch, würd ich's mir hier wahrscheinlich nicht antun, länger zu leben...

super

Er kann Deutsch, besser als die meisten F-Wähler. Und er kann raunzen. Er IST echter Österreicher. Integration geglückt.

Pfau... Ich bin _ECHT_ beeindruckt.

Ich kann mich noch nicht erinnern, dass ein Artikel im Standard derart gut geschrieben war. Insbesondere die Meinung der anderen verkam ja oft zu einem nicht sehr lesenswerten Parteiblatterlsammelwerk.

Ich bin schwer beeindruckt von dem Autor (JA, ich wiederhole mich). Vielen Dank für diesen Artikel.

2 Bitten hätte ich an den Standard:
1.) Bitte bleibt an der Geschichte dran. Mich würden Reaktionen der Empfänger des offenen Briefes sehr interessieren.
2.) Gebt dem Mann einen Job und lasst ihn öfters bei euch schreiben. Ich würde ihn gerne öfters lesen - und andere wohl auch.

Speak Brother Speak!

Die sollen sich ihre Integration sonst wohin schieben. Als "Betroffener" kann ich diese Begriffe nicht mehr hören, mich kotzt es einfach an wenn jemand kurz nachdem ich ihn kennen gelernt habe immer wieder diese eisgeleiherten Themen zur Sprache bringt.
Wenn ich nicht gut genug für dich bin dann vertschüss dich. Aber diese Leute brauchen diese Themen um ihr Selbstwertgefühl zu befriedigen und um "uns" weis zu machen, dass wir minderwertig sind.

Mittlerweise verspüre ich nur mehr HASS!

"Mittlerweise verspüre ich nur mehr HASS!"

Verstehe ich vollkommen.

Tu nur Dir selbst den Gefallen und mach nicht den Fehler, alle über einen Kamm zu scheren. Wenn Du alle Österreicher schon mit einem "Generalverdacht" behandelst, bist Du um nichts besser als die, die diese Themen zur Sprache bringen.

Ansonsten:
Mir ist völlig unklar, wie man deinem Beitrag rot geben kann... Kann das einer der Rotstrichler erklären?

Ob's vielleicht an den "eisgeleiherten Themen" der Integrationsverweigerer liegt?

Sag lieber direkt "Auslända" zu mir!

Ich lebe erst 11 jahre hier und muss davon ausgehen dass ich zu den so-genannten "Menschen mit Migrationshintergrund" gehöre. Erfunden wurde die bezeichnung sicher von jemanden der NICHT dazu gehört. Der sieht mich nicht einfach als MENSCH, sondern als mensch MIT HINTERGRUND. Wie soll ich das anhängsel denn verstehen? Heisst das sowas wie: MIT EIN PROBLEM, mit hindernisse, mit intergrationsbedürfnis, zusätzliche erfahrung, mehr kulturelle verständnis, mehr sprachkenntnisse? Wer bin ich auf einmal? Der begriff steht meistens in verbindung mit probleme. Daher verstehe ich MENSCH MIT PROBLEM! Damit kann ich mich nicht anfreunden. Wenn ein österreicher mich fragt : "Wos bist du denn fü ana?" antworte ich einfach: "I bin a auslända, und DU?"

.. keine "AusländerInnen" sind so nennen lassen sollten.
Wer möchte, bitte. Aber es gibt genügend Menschen, die als hier Geborene oder als Menschen mit hiesigem Pass sehr empfindlich auf "Ausländer"bezeichnungen reagieren. Mit recht verständlichem Grund, denn sie sind es nicht, rechtlich.

... "Migrant" sind sie selbst auch nicht im Gerundium, wenn nicht sie selbst sondern ihre Eltern migriert sind. Also brauchts einen Begriff, dieses qualitativ (wie gesagt im Guten wie im Schlechten) andere Aufwachsen, diese grundverschiedenen Herausforderungen und Alltagsprobleme (und kein/e ÖsterreicherIn, der/die "fremd" ausschaut ohne es zu sein und kein Mensch mit visuell erkennbarem Migrationshintergrund wird ernstlich verneinen dass es andere Alltagsprobleme gibt) zu fassen.

Wo liegt das Problem? Ein absolut neutraler Begriff, der möglicherweise negativ oder verächtlich besetzt wurde. Jeder neue Begriff wird es auch sein wenn bestimmte Menschen das wollen. Ich sehe nicht ein, warum sich Menschen, die nie migriert sind und keine Ausl

"Erfunden" wurde der Begriff um die durchaus unterschiedliche Realität von Menschen, deren Wurzeln nicht in Österreich liegen, die aber den ö Pass haben zu fassen.

Sie werden kaum bestreiten, dass "südländisch" oder vielleicht teils "ostländisch" ausschauende Menschen auf der Straße und im Privaten qualitativ andere Erlebnisse machen als "österreichisch" ausschauende (egal woher diese wirklich sind). Dann kommt natürlich die Berufskomponente dazu: Es macht einen Unterschied, ob man/frau einen österreichischen Namen hat oder nicht. Im besten Fall keinen allzu großen, aber oft muss man sich die Minimierung des Unterschieds erst erarbeiten.

Fazit:
Hier geboren sein, den hiesigen Pass haben, keinen Akzent haben macht noch kein gleiches Leben. Nicht nur im schlechten, auch im positiven (in der Erfahrung in mindestens 2 Kulturen etc.). Insofern kann man diese Menschen nicht "Ausländer" nennen. "Migrant"

jaja....

.... die geister die ich rief.... oder so :)

man kann halt nicht beides haben. 'positive diskriminierung' und zeitgleich 'normale behandlung' einfordern.

daher ist ja dieses migranten / rassismus / fremdenfeindlichkeit thema so aktuell und en vague in europa da es eben beiden beiden politischen polen dient: die letzte daseinsberechtigung und das ueberlebenskampfthema fuer die sozialdemokraten hat eben auch einen anti-pol geschaffen. und wie so oft haben sie dies vorher nicht kommen sehn :)

Aus den "Spielregeln":

" Grundsätzliches

derStandard.at veröffentlicht keine anonymisierten oder unter Pseudonym eingereichten Kommentare. "

? ? ? ?

ist ja auch nur fuer uns leser anonym, aber nicht für die redaktion.

Genau das sollte wohl verhindert werden.

Hier sollten Leute, die auch öffentlich zu ihren Meinungen stehen, Kommentare (auch von gewisser Länge) abgedruckt bekommen können.

Für die "Geheimräte" gibt es das Forum, wo man übrigens, dem Beispiel der Tageszeitung 'Die Presse' folgend, das Zeichen-Kontingent auf 1.500 erhöhen sollte um eben ausführlichere Gedankengänge zu ermöglichen.

Ja und?

Der Autor ist dem Standard bekannt - und hat wohl gebeten, anonym abgedruckt zu werden. Wo ist das Problem?

eine hiesige freundin als südamerika hat mir gesagt

sobald sie sagt, woher sie kommt, sind alle nett zu ihr, schlimm ist es wenn sie wegen ihrer schwarzen haare für eine türkin gehalten wird...

da liegts wohl nicht am ausländerhass, sondern an einer einzigen gruppe, die sich hier zum feindbild gemacht hat...warum wohl ?

Nicht untypisch...

Rassisten aller Zeiten hatten ja unterschiedliche Meinungen zu unterschiedlichen Nationalitäten... Hierarchien sind da echt nicht ungewöhnlich.

Beispielsweise sind bei hiesigen Rassisten ja manche Ausländer voll ok (beispielsweise Deutsche, wobei völlig egal ist, dass Hessen, Preussen, ... eine völlig andere geschichtliche Entwicklung hatten). Derzeit sind bei Rassisten halt Türken die "untersten Untermenschen", früher waren es andere Nationalitäten.

Das Konzept bleibt dasselbe, die Implementierung ändert sich nur.

"..sich hier zum feindbild gemacht hat..."

Oder aber von den "Einheimischen" (z.B. P. Hojac & Co.) zum Feindbild konstruiert wurde!

volle zustimmung!

ich bin auch so eine Hintergründige, die sich nicht gern problematisieren lässt. Auch wenn es von Kurz und Konsorten paternalistisch gut gemeint sein mag: Der Begriff "Migrationshintergrund" ist im Kern rassistisch und sehr dehnbar. Während ich mit 20 naiv dachte, ich hätte "es" geschafft, bin ich heute Migrantin dritter Generation. Und es ist ein großer Irrtum, wenn man als derart Kategorisierte denkt, man könne Rassismus mit Leistung entkommen. Denn die Latte legen immer die anderen. Und selbst wenn man supergut ist, ist man das trotz des Hintergrunds, ja gerade dann rückt der Hintergrund in den Vordergrund (siehe Kurz-Kampagne). Daher stimme ich Ihnen voll zu: LASST MEINEN HINTERGRUND IN RUHE!!!!

Hmmm....

Erinnert total an eine Geschichte aus dem Buch "Damals war ich 14". Ist nachvollziehbar.

Ich befürchte aber, dass sie aus der Schublade "Migrationshintergrund" niemals rauskommen. Zu gerne werden diese Schubladen verwendet.

Fraglich ist auch, ob diese Schubladen durch die aktuelle Diskussion nicht noch mehr in den Vordergrund treten...

>Der Begriff "Migrationshintergrund" ist im Kern
> rassistisch
Für manche Leuten is eben alles 'rassistisch' was ihnen nicht gefällt (sei es wahr oder auch nicht) und Leute die 'rassistisch' sind, sollen gefälligst das Maul halten , net wahr

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