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vergrößern 645x484Die Kleinen haben in Mallorca den Vortritt. Erst nach ihrem Lauf dürfen die Eltern zum Marathon antreten. Trainieren sollte man schon jetzt.
Heuer findet der Tui-Marathon (auch zehn Kilometer, Halbmarathon und Nordic Walking) am 21. Oktober statt.
Ich bin solo, scheißegal. Mickie Krause hat leichtes Spiel. Es herrscht Oktoberfeststimmung und mediterrane Ausgelassenheit zugleich. "Oans, zwoa, gsuffa"-Gejohle harmoniert sowohl mit einer Maß Bier als auch mit dem Eimer Sangria, der kollektiv mit X-Large-Halmen inhaliert wird. Im Megapark, quasi das bayerische Wiesen-Zentrum auf den Balearen, matcht sich Krause mit Jürgen Drews um den Titel "König von Mallorca".
Es ist eine Nacht wie jede andere und doch etwas anders. Auch Mitte Oktober sind die Bars am S'Arenal gut gefüllt, Eisbein oder Kassler ist an jeder Ecke zu haben, Ballermann-Hits dröhnen aus den Lautsprechern. An diesem Abend aber mischt sich sehr viel Orange in das sonst so dominante Blau-Weiß. Es ist After-Race-Party, und orange sind die Finisher-Shirts des Mallorca-Marathons. Hunderte Läufer nehmen im Megapark die am Vormittag verlorene Flüssigkeit wieder auf. Wer tagsüber nicht dehydriert ist, hat auch in der Nacht keine Chance dazu. Die Leber wächst ja mit ihrer Aufgabe, lassen Partygäste ihr Lebensmotto über ihre bedruckten Shirts wissen und halten sich auch in der Diskothek "Oberbayern" strikt an diese Vorgabe.
In den Morgenstunden davor herrscht jene Anspannung, die für den bis zu 24 Stunden anhaltenden Adrenalinstoß sorgt: Tausende Läufer versammeln sich kurz nach Sonnenaufgang vor der Kathedrale La Seu in Palma de Mallorca. Die Veranstaltung entspricht ganz dem Trend, Urlaub mit Aktivität zu verbinden. Und Reiseanbieter wie der Marathon-Veranstalter Tui können die sich zu Ende neigende Saison verlängern und die 288.000 Betten zumindest teilweise füllen.
Nach dem Startschuss geht es auf dem sechsspurigen Boulevard vom Zentrum der Hauptstadt entlang der schicken Tapas-Bars und noch feineren Luxusyachten vorbei zum Hafen. Angenehme Temperaturen knapp unter 20 Grad und Sambaklänge lassen das Schlafdefizit vergessen machen. Vom Hafen geht es zurück in Richtung Altstadt, wo die Zehn-Kilometer-Läufer auch schon am Ziel sind. Für jene, die noch etwas schwitzen wollen, geht es jetzt erst richtig los. Auf und ab, kreuz und quer über Pflastersteine und durch enge Gassen von Palma zieht sich die Strecke, die in diesem Abschnitt großteils von der aufsteigenden Sonne verschont bleibt. Das erfordert volle Konzentration, was die Zeit rasch verstreichen lässt. Das nächste Etappenziel Halbmarathon naht schneller als erwartet, das Gros der Läufer biegt zum Endspurt ab.
Auf die anderen wartet ein Kulturschock: Enge Kurven werden von langen Geraden abgelöst, dichte Zuschauerreihen weichen gähnender Leere, die Temperaturanzeige ist längst über die 20-Grad-Marke geklettert, von Schatten keine Spur, Labestationen werden immer begehrter. Die ersten Läufer legen Pausen ein.
12.00 Uhr Mittag, Kilometer 30, 26 Grad, schwere Beine. Das Ballermann-Zentrum ist erreicht. Die Zuseher-Kulisse baut nicht wirklich auf, Mickie Krauses Vollnarkose scheint noch zu wirken. Während entkräftete Läufer unfreiwillig die Sonne anbeten, flüchten Urlauber in Schatten spendende Bars. Die Einnahme eines Power-Gels hat maximal psychologische Wirkung.
Das gilt auch für die Streckenführung, die nun zurück nach Palma führt. Der Blick auf Strand, Meer und zusehends auch die Silhouette von Hafen und Altstadt macht den Lauf zum "Sightrunning", wenngleich Holzbretterbeläge, Geländekuppen sowie querende Radfahrer und Fußgänger einiges vom Reiz der Insel nehmen. Wenig motivierend sind auch die bereits überholten Kollegen, die wieder an einem vorbeiziehen. Versuche, sich an Läufer anzuhängen, scheitern nach wenigen Minuten.
Hatte sich Mallorca-Marathon-Coach Michael Buchleitner, einst Österreichs schnellster Langstreckenläufer, namens des Veranstalters Tui nicht regelmäßig mit Angeboten zu Vorbereitungseinheiten gemeldet? Hatte er nicht die besten Tipps für Trainingsaufbau, Ernährung und Gesundheit auf Lager, die allesamt ignoriert wurden. Zum Zeitpunkt dieser Erkenntnis ist Buchleitner längst im Ziel. Und selbst? Fertig, solo, scheißegal. Dabeisein ist alles. Man läuft ja nicht gegen die Zeit. Time is on my side. (Andreas Schnauder/DER STANDARD/Printausgabe/28.01.2012)
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