Wenn Arztbesuche zur Geldfrage werden
Ohne Krankenversicherung lebt es sich schwer in den USA. Nun ja, bei Schnee, streikender Heizung und trockener Luft, ist es nur eine Frage der Zeit bis ich einen Arzt konsultieren muss. Bis dato habe ich es mit dem Rest meiner prekären Altersgenossen gehalten. In der Regel streife ich schniefend durch die Gänge der CVS-Drogerie, überwältigt von der Auswahl der Sofort-Abhilfeprodukte jeglicher Probleme.
Irgendwann gebe ich mich geschlagen vom Medikamentenschlaraffenland und lande erschöpft und irritiert beim dortigen Informationsschalter und damit bei Katja. Die russische Apothekerin starrt nur angewidert auf das infizierte Etwas und schickt mich zurück in die Selbstmedikationshölle. Nach zahlreichen stümperhaften Doktorspielchen, bleibt mir nichts anderes übrig als zum Profi zu gehen. Mein infiziertes Auge sehnt sich nach einem Experten. All jene, die in meiner Nähe in Clinton Hill, einer Nachbarschaft in Brooklyn praktizieren, verlangen 300 Dollar für den unversicherten Besuch. Plötzlich beginne ich für und wider abzuwägen. Ist es das wert? Übertreibst du nicht, du Hypochonder? So schlimm ist die Schwellung doch gar nicht, du hast ja noch das linke Auge, wenn das rechte endgültig zuklappt. Blödsinn.
Nach ein paar Anrufen und herzzerreißenden Bittgesuchen finde ich schließlich Dr. J., der nur 170 Dollar für seinen fachmännischen Rat verlangt. Dr. J. praktiziert im chassidisch jüdischen Teil von Brooklyn. Seine Klientel besteht fast ausschließlich aus frommen jüdischen Männern und Frauen, die im Wartezimmer Platz genommen haben. Kurz mustern mich drei Männer mit den langen Bärten, den schwarzen Mänteln und Hüten, bevor sie sich im Flüsterton wieder ihrer religiösen Diskussion widmen. Mit dem pinkem Kapuzenpullover und mit den neugierigen Augen - zu mindest dem einen funktionierenden Auge - ist ganz klar, dass ich nicht aus der
Gegend stamme. Gegenüber von mir sitzt eine ältere Frau, die das Sortiment des Optikers durchstöbert, der mitten im Wartezimmer des Augenarztes Brillen verkauft.
Innerhalb einer halben Stunde hat er zwei gelangweilten Patientinnen Brillengestelle angedreht. Bevor ich mir seine Brillen ansehen kann, werde ich aufgerufen von der Ordinationsgehilfin. "Das hier ist Salome Khorsand, ihre rechtes Auge ist angeschwollen und mmh ... sie hat keine Krankenversicherung", stellt sie mich Dr. J. vor. Er lächelt mitfühlend. Dann pickst er mir ins Auge mit seinem Finger, diagnostiziert so etwas wie einen Pickel und verschreibt mir eine Salbe. „Machen Sie sich keine Sorgen wegen dem Geld", sagt er, als er mich verabschiedet. Erleichtert darüber nicht zu erblinden, schaue ich auf die Rechnung. $75 Dollar. Geradezu ein Schnäppchen. Bleibt nur zu hoffen, dass das fürs Erste der letzte Arztbesuch war. (Solmaz Khorsand, 30.1.2012)