Zwischen "kopflos" Sparen und "tatsächlich" Sparen ist ein großer Unterschied - Von Paul Kellermann
Seit einiger Zeit wird - wieder einmal - viel über Schulden, Sparen und Zinsen geredet, geschrieben, gepredigt. In kaum einem Beitrag geschieht das differenziert und zusammenhängend. Statt die jeweils vielfältigen Situationen und Interessen zu berücksichtigen, wird zumeist einfältig auf die wahrgenommene oder bloß übernommene Sicht der aktuellen wirtschaftlichen Lage reagiert.
Zunächst sollte immer bedacht werden, dass den Schulden der einen Guthaben der anderen entsprechen; dass das Kürzen oder Streichen von bisherigen (also vergangenen) Ausgaben logisch nicht möglich ist und auch nicht wirklich Sparen bedeutet; dass es unterschiedliche Begründungen für Zinsen gibt.
Auf künftige Ausgaben kann man verzichten, oder - neutraler ausgedrückt - man kann planen, weniger Geld auszugeben als in der Vergangenheit. Wenn dadurch Geld übrig bleibt, also für anderes verfügbar ist, ist Geld tatsächlich gespart worden. Wenn hingegen durch das sogenannte Sparen die bestehenden Schulden nicht vergrößert werden sollen, bedeutet das nur, die Menge der bisherigen Ausgaben einschränken zu wollen. Die Folge ist eine gegenüber der vorhergehenden Periode geringere Inanspruchnahme von kaufbaren Gütern und Diensten, was seinerseits eine Verringerung der Standards auf verschiedenen Gebieten bewirkt: Es wird weniger Arbeitskraft und weniger Kapazität der Unternehmen genutzt, was in der Regel eine Reduzierung des Geldumlaufs und damit der Kaufkraft nach sich zieht. Dadurch ergeben sich - einem Teufelskreis vergleichbar - niedrigere Leistungs- und Versorgungsniveaus.
Von Stufe zu Stufe: Steigendes Risiko
Nun kommen die Zinsen ins Spiel: Wenn zunächst Finanzkapital, also Geld, von Finanziers/Gläubigern/Investoren zur Verfügung gestellt wird, um damit die Anschaffung von Produktivkapital, also Maschinen, zur Erhöhung der Produktivität zu ermöglichen, geht es um eine angemessene, "faire" Teilung des resultierenden Gewinns zwischen Unternehmern und Geldgebern; man könnte dann den für den Geldverleih anfallenden Gewinnanteil den "produktiven Zins" nennen. Im Fall eines Staates geht es nicht unmittelbar um Produktivkapital und Gewinn, sondern um die Verbesserung der Infrastruktur oder der allgemeinen Lebensverhältnisse und Steuern oder Gebühren. Fallen aber die Einnahmen geringer als erwartet aus und der Schuldner muss "frisches" Geld aufnehmen, um den fällig gewordenen Kredit samt Zinsen zu bezahlen, entsteht ein qualitativ neues Zinsmoment: Das Risiko, möglicherweise in der nächsten Periode die zweite Schuld mit einer dritten begleichen zu müssen.
Das steigende Risiko für die Gläubiger rechtfertigt einen entsprechend höheren Zinssatz in Form des "Risikozinses". Der damit eingeschlagene Pfad der weiteren Verschuldung läuft auf die Gefahr hinaus, das verliehene Geld letztlich überhaupt nicht mehr zurück zahlen bzw. zurück erhalten zu können. Der damit in Gang gekommene Prozess des von Stufe zu Stufe steigenden Risikos kumuliert auf Seiten der Geldgeber das potenzielle Guthaben und auf Seiten der Schuldner die reale Schuld. In einer solchen Situation des Schuldners undifferenziert ("kopflos") zu "sparen", trifft unvermeidbar auch die einzige Kraft, die Schulden zurück zu zahlen ermöglicht: Die Produktion, also das Erarbeiten und erfolgreiche Verkaufen von Leistungen.
Verschärfte Situation
Nun allerspätestens müsste differenziert werden: Einerseits danach, was Leistung erbringt und welche Ausgaben oder fehlende Einnahmen nicht zur wirtschaftlichen Leistung beitragen; andererseits, welche sekundären Folgen sich aus der Neustrukturierung von finanziellen Regelungen ergeben. Sowohl der Verzicht auf produktive Kräfte durch "Sparen" als auch Streiks gegen das Kürzen von bisherigen Ausgaben verschärfen die Situation, weil dadurch dringend benötigte Leistungen nicht erbracht werden können.
An diesem Punkt ergibt sich eine Alternative von zwei Optionen: Entweder die Gläubiger bestehen auf der Rückzahlung ihrer Darlehen, was aber seitens des betreffenden Schuldners aus eigener Kraft nicht erfolgreich sein kann. Hilft in dieser Situation kein neuer Geldgeber, bricht die Produktionsstruktur zusammen und die Gläubiger verlieren zum Großteil ihre Rechte. Oder die Finanziers verzichten auf die sofortige Begleichung der gesamten Schuld und ermöglichen damit eine längerfristige Erholung der Wirtschaftsleistung des Schuldners.
Interessenkonflikte durch Mediation lösen
Je nachdem, welche Rolle den jeweiligen Beteiligten in diesem Drama zukommt, sind die Interessen verschieden oder gar gegenläufig. Letztlich kann es nur darum gehen, den Schaden für alle Betroffenen (das heißt auch für das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftssystem) möglichst gering zu halten, was - selbstverständlich - jeder Beteiligte wieder aufgrund seiner Rolle und Interessen anders sieht. Ein Interessenausgleich - sofern alle grundsätzlich darin übereinstimmen, Zusammenbruch und Ungerechtigkeit zu vermeiden - kann in der Regel dann nur durch die Hilfe einer akzeptierten, vermittelnden Instanz mit kreativem Potential (durch Mediation) erreicht werden. (Paul Kellermann, derStandard.at, 30.1.2012)
Autor
O. Univ.-Prof. Dr. oec. publ. Dipl.-Soziol. Paul Kellermann, Institut für Soziologie, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt