Der letzte Tanz der "neuen Juden" in der Hofburg

29. Jänner 2012, 21:30
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Die FPÖ-Prominenz vergleicht sich auf dem WKR-Ball mit den Opfern der Nazis, freut sich über mehr als 3000 Ballbesucher und hat trotzdem jede Menge Platz zum Tanzen. Ideen für den Ball nächstes Jahr gibt es auch bereits

Wien - Die Nazis sind schnell identifiziert auf dem WKR-Ball. Sie sind überall, nur in der Hofburg nicht.

"Das war wie die Reichskristallnacht", empört sich Heinz-Christian Strache zu späterer Stunde, aber wen wundert das schon, "wir sind die neuen Juden". Brandanschläge habe es gegeben auf die Burschenschafterbuden, erzählt er vor seiner Loge mehreren Ballgästen, ohne dabei zu wissen, dass ein Journalist in der Nähe ist.

"Wer für diesen Ball arbeitet, der bekommt gleich den Judenstern aufgedrückt", sekundierte Klaus Nittmann, Geschäftsführer des freiheitlichen Bildungsinstituts, und klagt über seine Schwierigkeiten, Grafiker für ein Buchprojekt zu finden. Auch er ist Teil der kleinen Gruppe.

Auf dem Weg in die Hofburg hatten Demonstranten sein Taxi aufgehalten, er musste die letzten Meter zu Fuß gehen. "Linksfaschisten", feixt er, habe er dem Mob zugebrüllt, "Rechtsfaschist", war es wenig überraschend zurückgekommen - es wär ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wär, meint er. Gefühlt habe er sich dabei, richtig, wie ein Jude, der durch eine Gasse voller Nazis geht.

3000 Gäste sind heuer auf den WKR-Ball gekommen, weit mehr als in den Jahren davor. Trotzdem leert sich die Tanzfläche des großen Saals schon nach dem ersten Walzer. In vielen Räumen ist nur ein Tisch besetzt, an den zahlreichen Bars muss niemand auf Bier oder Sekt warten.

Eng wird es nach der Eröffnung nur zeitweise an den Fenstern: In Scharen huschen die Gäste im Rauchersalon dorthin, um durch die gesenkten Jalousien verstohlen auf den Heldenplatz zu lugen. "Ein Antifa-T-Shirt wärmt halt nicht", kichern sie dann keck, sie raunen "ist das Spektakel schon vorbei?" oder verkünden voll männlichen Stolzes: "Die mussten wohl schon heim zu Mama."

Gegen 17.30 Uhr hat hier die Gegendemonstration begonnen, bereits um halb zehn ist der Platz völlig leer. Bald aber macht das Gerücht die Runde, dass Demonstranten-Grüppchen in der Innenstadt die Gäste jagen. Aus Furcht beschließen einige Korporierte, erst zu sehr später Stunde die Hofburg zu verlassen.

Nur in der Disco (hier: "Studentenbeisl") drängt sich der Nachwuchs dicht, trinkt Bier aus Plastikbechern und schüttelt den Fuchsschwanz an der Mütze zum Dancefloor-Hit Barbra Streisand. So richtig gute Stimmung kommt dennoch nicht auf: Auf zehn Burschen kommt höchstens ein Mädel - und man ist doch merkbar nicht ganz unter sich.

Kurz vor der Eröffnung etwa schleicht ein nervöser junger Mann durch die hinteren Reihen der Gäste und versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Erfolg hat er erst bei einem anderen Journalisten. Ein anderer Ballgast, Ziegenbart statt Couleur, steht in der hintersten Ecke und hält sein Handy während der ganzen Eröffnungsrede hoch in die Luft.

"Die Gedanken sind frei"

Es wird dabei von dem Bekenntnis zur deutschen Kultur, Anstand, Ordnung und Leistungsträgern gesprochen, es folgt enden wollender Applaus. Erst als Die Gedanken sind frei (das Programmheft erklärt: "Ein deutsches Volkslied über die Gedankenfreiheit") angestimmt wird, kommt Stimmung auf.

Ansonsten: Ball-Banalität. Der Habitus der Gäste reicht von Großindustrie bis Großraumdisco, auffallend oft blitzt eine Tätowierung unterm Ballkleid hervor. Stolze Mütter drücken ihre Debütantinnen, betrunkene Burschen erzählen sich Herrenwitze, Männer um die 50 reden übers Geschäft. Nur die Anfahrt zum frohen Fest ist auffällig oft ein Thema, "Haben sie euch auch verfolgt?" "Der hat versucht, ins Taxi zu greifen, die Polizei hat ihn gleich einkassiert."

War es nun der letzte WKR-Ball in der Hofburg? Das käme ganz auf die Umfragewerte der FPÖ kommendes Jahr an, meint Bildungsinstituts-Chef Klaus Nittmann in kleiner Runde.

Und auch Strache gibt sich im späteren Gespräch mit Ballgästen, als er sich ungehört wähnt, hoffnungsfroh. Man könne den Ball ja umbenennen. Denkbar wäre etwa der "Ball der freien Akademiker". (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2012)

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