Wiktoria Asarenka ist nach dem Titel in Melbourne die Nummer eins im Tennis. Am Tag nach ihrem Triumph streut die Weißrussin ihrem Umfeld Blumen
Melbourne - Nach der Tat versagte Wiktoria Asarenka die Stimme. Die neue
Nummer eins des Tennis und neue Australian-Open-Gewinnerin gluckste bei
der Siegerehrung erst mehrfach ins Mikrofon, ehe sie die Botschaft in
die weißrussische Heimat doch noch verständlich loswurde. "Danke, Oma!
Meine Großmutter ist der Mensch, der mich am meisten inspiriert hat. Ein
Traum ist wahr geworden, und ihr habe ich zu verdanken, dass ich hier
stehen darf. Ich liebe sie", sagte die 22-jährige Asarenka nach dem
nicht geraden leisen 6:3, 6:0 im Finale gegen Maria Scharapowa. Beide
pflegen ihre Schläge mit Gebrüll zu begleiten, sie erreichen Lautstärken
von 100 Dezibel.
Die eher extrovertierte Asarenka hatte ihren verwandelten Matchball und
ersten Grand-Slam-Coup lautlos zur Kenntnis genommen. Ungläubig sank sie
in die Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Eine gefühlte
Ewigkeit verharrte sie in dieser Position, bis sie der Jubel der 15.000
Zuschauer in der Rod-Laver-Arena in die Realität zurückholte. Asarenka,
die mehr als 1,8 Millionen Euro Preisgeld kassierte, dachte dann an die
schwärzesten Stunden ihrer Karriere.
Im März 2011 saß sie nach einigen bitteren Niederlagen mit ihrer
Großmutter daheim in Minsk am Küchentisch und wollte ihre Laufbahn
zugunsten eines Studiums beenden. "Da hat meine Oma mir erzählt, wie
hart sie ihr Leben lang arbeiten musste. Sie wollte mir damit wohl
sagen: Mädel, höre auf, dich zu beschweren und genieße dein
privilegiertes Leben als Tennis-Profi", sagte Asarenka über ihre
71-jährige Babuschka, die man quasi zur Pension zwingen musste: "Sie war
Kindergärtnerin. Und wir haben die Papiere ausgefüllt, sonst wäre sie
weiterhin jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden, um arbeiten zu gehen."
Die weisen Worte der alten Dame sorgten für den Wendepunkt im
sportlichen Leben von Asarenka, die mit Sergej Bubka jr., dem Sohn der
gleichnamigen Stabhochsprung-Ikone, liiert ist. Die Weißrussin änderte
ihre Einstellung und reduzierte ihre Ausraster und mentalen Einbrüche
auf dem Court. "Von denen kann man auf Youtube einige bestaunen", sagte
die bisherige Weltranglistendritte Asarenka und schob trotzig hinterher:
"Viele haben gedacht, ich sei ein Fall für den Psychiater. Aber ich habe
hart an mir gearbeitet." Wie die Oma. Asarenka will mehr: "Ich denke,
es gibt kein Limit."
Noch vor der Siegerehrung hatte sie erste SMS in ihr iPhone getippt. Das
Telefonat mit der Oma aber musste warten. "Ich habe vergeblich versucht,
zu Hause anzurufen. Aber ich bin immer bei irgendeiner chinesischen
Rezeptionistin gelandet."
Neue Siegerinnen
Die Russin Scharapowa akzeptierte die Unterlegenheit. "Sie war viel
besser." Asarenka gab nach dem 3:3 im ersten Satz kein einziges Spiel
mehr ab. Hätte Scharapowa gewonnen, hätte sie die Dänin Caroline
Wozniacki als Nummer eins abgelöst. "Aber davon war ich weit weg." Die
vergangenen vier Grand-Slam-Turniere bescherten Premieren. Die Chinesin
Li Na gewann die French Open, die Tschechin Petra Kvitova siegte in
Wimbledon, die Australierin Samantha Stosur wurde bei den US Open Erste.
Asarenka setzte in Melbourne diese Serie fort. Sie ist die insgesamt
21. Spielerin an der Spitze seit Einführung des Rankings 1975. "Mein Oma
freut das sehr." (red, sid, DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2012)