Justiz

"Hier sehe ich mehr, wie die Menschen leben"

29. Jänner 2012, 17:53
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    foto: standard/urban

    Noch braucht es keinen Nachmieter: Kommt es zu Standortschließungen, wäre das Zistersdorfer Bezirksgericht aber gefährdet.

Amtsleiter und einziger Vollzeitrichter: Jürgen Janitsch urteilt im kleinen Zistersdorf

Zistersdorf - Sicherheit wird hier genauso großgeschrieben wie in Wien: Ein Gitter schirmt den zweiten Stock vom Rest des Amtsgebäudes in Zistersdorf ab. Auch eine Schleuse zur Waffenkontrolle gibt es. Vorsichtsmaßnahmen, die bald nicht mehr vonnöten sein könnten - Kleingerichte wie dieses stehen in der laufenden Spardebatte auf dem Prüfstand.

Auflösen und Zusammenlegen lautet der momentane Plan. Neu ist diese Überlegung nicht. Das kleine Bezirksgericht in der 6000- Seelen-Gemeinde stand vor Jahren schon einmal vor dem Aus.

Jürgen Janitsch ist hier der einzige Vollzeitrichter. Mit ihm arbeitet noch eine Richterkollegin. Sie hat hier nur eine halbe Planstelle. Exakt 1,5 Richter sieht der Dienstpostenplan vor. Insgesamt beschäftigt das Gericht an die 15 Personen, zehn Vollzeit - im Sekretariat oder als Rechtspfleger.

Janitsch pendelt wochentags aus Wien in die knapp eine Autostunde entfernte Weinviertler Gemeinde. Als Richter muss er Universalist sein: "Für mich war es sehr wichtig, ein weites Betätigungsfeld zu haben", sagt Janitsch. Seit elf Jahren ist er auch Amtsleiter. Gleich nach der Richterausbildung bewarb er sich für diese Planstelle: "Hier sehe ich mehr, wie die Menschen leben."

Der 39-Jährige klärt Zivilverfahren wie Verkehrsunfälle oder Nachbarschaftsstreitereien. "40 Prozent der Arbeit", schätzt er, betreffen das Familienrecht, also zum Beispiel Scheidungen. Sein Gericht ist für rund 23.000 Einwohner im Umland zuständig: "Wir sind immer so ausgelastet, dass es sich gerade ausgeht."

Die Schließung des Gerichts hätte nicht nur auf seinen Job Auswirkungen. Janitsch: "Es gibt hier ja auch zwei Anwälte und einen Notar. Die würden dann wohl irgendwann abwandern." Am Ende, rechnet der Richter vor, würden daher "mehr als 25 Personen auspendeln müssen - woanders einkaufen und essen gehen." Die Diskussion über die Standortschließung nennt er "demotivierend", schließlich sei man genauso qualifiziert wie die Kollegen in Wien. Wo die Reise hingehen könnte, ahnt er schon: Werde das Gericht geschlossen, sei die "Wahrscheinlichkeit groß, dass wir nach Gänserndorf übersiedeln".

Die wegfallende Miete wird dem Staat wenig bringen: Für das 658 Quadratmeter große Gericht fallen 653 Euro pro Monat an. Und dass die Aufwandsentschädigung als Amtsleiter wegfalle, wird Janitsch nur ein müdes Lächeln abringen: Dafür bekommt er elf Euro im Monat - brutto natürlich. (Peter Mayr, DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2012)

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12 Postings
Tschikist
00
Hier seh' ich mehr wie die Menschen leben

Der Richter aus der Großstadt als Ethnologe?

rrrn
 
00
31.1.2012, 07:15
Milchmaedchenrechnung

Wenn man die Kleingerichte abschafft, muessen die Menschen weiter fahren: das belastet die Umwelt und fuer die Reparatur zahlt wieder der Steuerzahler. Ausserdem haben die grossen Einheiten Nachteile: siehe globale Wirtschaftskrise.

Sigrun1
01
30.1.2012, 10:22

weg mit den Kleingerichten. Eines alle 50 km reicht

von Aachen
00
30.1.2012, 09:11
thatslife
00
30.1.2012, 07:49
das einsparungspotential ist wohl deutlich größer

immerhin gibts dort 10 vollzeit plus 5 teilzeit mitarbeiter für 1,5 richter. in einem größeren gericht werden aber definitiv nicht alle davon benötigt, portier wirds schon geben, fürs archiv wird man auch keinen zusätzlichen benötigen, putzfrau braucht man auch keine zusätzliche für das eine zusätzliche richterzimmer, sicherheitspersonal wird auch nicht mehr benötigt, und noch ein paar andere posten. am ende bleiben vielleicht 3-4 personen übrig die noch benötigt werden.

da rechnet sich die zusammenlegung sehr wohl.

Di Fu
00

Portier gibts schon lange nicht mehr. Einen Mitarbeiter fürs Archiv gibts wohl auch nur im Justizpalast. Und eigene Putzfrauen gibts auch kaum mehr, das wird alles zugekauft.

In nomine domini
02
30.1.2012, 10:36
Das ist ein Irrtum.

15 Mitarbeiter insgesamt, also inkl 2 Richter. Die 13 restlichen sind nicht "für die Richter" da, sondern insb Rechtspfleger mit eigenem Entscheidungsbereich (Grundbuch und Außerstreitsachen, Mahnverfahren, Kinderunterhalt, Exekutionssachen), die notwendige Kanzleiassistenz für EDV-Register, Aktenführung, Terminverwaltung, Edikte, Ladungen, Gebühren verrechnen, Telefondienst, Schriftverkehr etc. Einen Exekutor gibt es wohl auch. All das fällt aber nicht weg, ist nur woanders zu tun. Eher teurer wird die Miete am neuen Standort. Für die Restersparnis zahlen aber die Leute im Umkreis, die dann (auch zB als Zeugen) weiter fahren und den höheren Auswärtstarif für Anwälte zahlen müssen.

Die Wilde 13
11
29.1.2012, 22:25

Naja. Das sind immerhin Dienstleistungen direkt am Bürger.

Einfach die Gesetzgebung rein in die Aufgabe des Bundes legen und es ist 1000x mehr gespart.

Miss Spock
10
29.1.2012, 21:27
wollen wir wirklich alles nach dem " AKH " Modell....

Ein großes Zentrum der Medizin, aber bis in alle Ecken und Enden überfordert. Legt man nun auch andere Bereiche nach diesem Muster zusammen, weil es scheinbar effizienter wirkt, so ist deren Überlastung vorprogrammiert. Eine Regel der Wirtschaft besagt das kleinere Arbeitsgruppen besser arbeiten, als eine zu große...

noldman
00
30.1.2012, 03:09
Täusche ich mich oder wird nicht eh schon eine

Weile daran gearbeitet das AKH zu schließen?!? Klar wird das noch ewig dauern, aber es hieß doch schon seit 2-3 Jahren dass daran gearbeitet wird.

Aufteilung auf 3 Standorte oder so ähnlich?

FabrechaParteigibtsKane, gründen wir eine
01
29.1.2012, 20:49
nicht ganz richtig

mir wurde erklärt:
erspart wird unter anderm 1 (ein) Geschäftstellenleiter in A 2 / 5 mit 40%-iger Entlastung für "nullkommajosef", der dann bei einem anderen Gericht zu 100% zur Verfügung steht
ein Vorsteher, in ähnlich geschützter Auslastung, der zumindest 20 Tage im Jahr für diverse "Vorsteher-Sitzungen" nicht da ist, also im neuen Gericht wieder zu 100,00% zur Verfügung steht ...

Klar Blick
00
30.1.2012, 23:59

Die paar Netsch rechnen wir jetzt gegen die neue Miete für die zusätzlichen Räume am neuen Standort gegen und voila - hoppala.

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