Er boxte 1988 olympisch. Als ihm Satan und Gott erschienen, wurde er Prediger. Heute lebt Biko Botowamungo in Stammersdorf
Wien - Das Café Segafredo am Floridsdorfer Spitz ist kein Zufall. Biko
Botowamungo schaut öfter hier herein, Freunde wohnen in der Nähe. Er ist
vom Workout gekommen, sitzt im Trainingsanzug da und blättert in zwei
Fotoalben, die er mitgebracht und auf seine Oberschenkel gelegt hat.
Auf der ersten Seite des ersten Albums hat er zwei Fotos eingeklebt. Das
erste - Biko Arm in Arm mit Diego Maradona, irgendein Lokal, irgendeine
Nacht in Neapel. "Wir haben uns auf einer Party kennengelernt, er war
begeistert davon, wie ich mich auf der Tanzfläche bewegte." Das zweite
Foto - Biko neben Muhammad Ali und Don King, der auch ihn, Botowamungo,
promotet hat. "Aber wir haben zu streiten begonnen, natürlich über Geld.
"
Viele Jahre vor dem Foto und noch mehr Jahre vor dem Segafredo hat
Botowamungo Ali live gesehen, 1974 beim Sieg über George Foreman im
"Rumble in the Jungle" in Kinshasa. Biko war 17 Jahre alt, natürlich
wollte er Ali nacheifern und Boxer werden. Zunächst ging er allerdings
ins Lager der Ringer und auf Reisen. Über Deutschland und Kanada kam er
nach Wien. "Der Schurli Blemenschütz hat mich auf den Heumarkt geholt."
Doch der legendäre Boxtrainer Josef Kovarik machte Botowamungo den
Ringern abspenstig und baute ihn auf. Biko wurde Österreicher, arbeitete
nebenbei als Securitymann und im Service für die UNO.
Olympische Spiele der Höhepunkt
Die Olympischen Spiele 1988 in Seoul waren als Höhepunkt seiner
Amateurkarriere gedacht, nicht wenige trauten ihm eine Medaille zu, er
sich selbst übrigens auch. "Mein großer Fehler war, dass ich ein halbes
Jahr lang kein Sparring bestritten hatte." Die Auslosung meinte es auch
nicht gut mit der ÖOC-Hoffnung, der ein junger US-Amerikaner namens
Riddick Bowe gegenüberstand. Bowe sollte zwar das Finale gegen Lennox
Lewis verlieren, aber vier Jahre später als Profiweltmeister berühmt
werden. Botowamungo wurde von Bowe in der zweiten Runde ausgeknockt.
"Ich hätte ihn schlagen können", darauf beharrt der Wiener. "Ich hab ihn
ordentlich getroffen, aber er ist nicht umgefallen, das hat mich aus dem
Konzept gebracht."
Auch Biko wechselte ins Profilager, er war tatsächlich kein übler Boxer,
wenn auch nicht alle seine Meinung teilen, dass er nah dran gewesen wäre
an einem WM-Fight. Doch er kam herum. Brooklyn, New Orleans, Las Vegas
waren nur einige Stationen. Er war Sparringpartner von Mike Tyson,
trainierte auch mit den Klitschko-Brüdern. Wladimir war ihm 1997 im Ring
begegnet, er stand eher am Anfang seiner Karriere, siegte in der fünften
Runde. Botowamungo: "Die haben mich erst eine Woche vor dem Kampf
angerufen. Ich war nicht gut vorbereitet, aber ich hab gut verdient."
Die Familie reiste selten mit. "Daheim war ich der brave Papa", sagt
Botowamungo, "unterwegs der King of the Night. Ich hab ein Doppelleben
geführt." Damit war es 1998 vorbei, und zwar schlagartig in der Nacht
vom 24. auf den 25. Jänner. Da sind Botowamungo, wie er sagt, in seinem
Schlafzimmer nacheinander der Leibhaftige und Gott erschienen.
Diese Geschichte ist überaus wild und ebenso lange. Kurzfassung: Die
erste Erscheinung war furchtbar (Teufel), mit ihr hatte Biko schwer zu
kämpfen, ehe sie sich - durch die Mauer - verdünnisierte. Die zweite
Erscheinung (Gott) ließ Biko vor Freude weinen. Seither fühlt er sich
beauftragt zu predigen. "Früher stand ich auf tolle Autos, das hat nun
keine Bedeutung mehr." Auch den Plan von einer Filmkarriere gab er auf.
So blieb es bei Kurzauftritten wie im Tatort, in dem er einen Boxer, nun
ja, spielte.
Prediger
Botowamungo kehrte mit seiner Frau und den sieben Kindern nach Wien
zurück, wirkt seit 2000 als Baptistenprediger. Fünfzig Gläubige umfasst
die Gemeinde, der er als Pastor vorsteht. Den angemieteten Raum konnte
sie sich zuletzt nicht mehr leisten. Manchmal trifft man sich privat,
manchmal wird Botowamungo zum Predigen eingeladen, auch nach Linz oder
Graz.
Auf sein Gewicht schaut er immer noch, 120 Kilogramm zeigt die Waage an,
sechs mehr als zur besten Zeit. Auch dass er um zwei auf 188 Zentimeter
geschrumpft ist, weiß er. "Das ist das Alter", sagt er. "Aber wie 55
fühle ich mich nicht." Er würde sich noch zutrauen, in den Ring zu
steigen, vor zwei Jahren soll ein Kampf gegen Evander Holyfield im
letzten Moment geplatzt sein.
Wie Biko Botowamungo über die Runden kommt? Er kommt. "Es gibt keinen
Tag, an dem meine Kinder nichts zu essen haben." Das Genossenschaftshaus
in Stammersdorf ist 140 Quadratmeter groß, die ganze Familie lebt dort.
Bikos ältester Sohn ist 29, der jüngste neun Jahre alt, zwei Buben und
drei Mädchen kommen dazu. "Die Mädchen sind braver", sagt Botowamungo.
Sein Ältester ist im Vorjahr wegen Drogendelikten verurteilt worden und
in Therapie. "Wir beten, dass er es schafft."
Frau und Kinder nennt Biko sein Ein und Alles oder seine "acht Pokale".
Er werde ihnen, sagt er, wohl kein Vermögen hinterlassen können, "aber
wenigstens die Worte Gottes". Natürlich füllen Familienfotos die
restlichen Seiten der beiden Fotoalben auf den Oberschenkeln von Biko
Botowamungo im Café Segafredo am Floridsdorfer Spitz. Diego Maradona,
Muhammad Ali und Don King sind längst überblättert. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2012)