"Einsame Menschen" im Landestheater St. Pölten
St. Pölten - Ein Mann steht zwischen zwei Frauen. Es ist eine klassische
wie konfliktträchtige Konstellation, die Gerhart Hauptmann in seinem
frühen Drama Einsame Menschen beschreibt. Und eine, die er, der sich
mittels Eheschließung finanziell absicherte, nur allzu gut kannte. Aus
seiner nächsten Verwandtschaft stellte Hauptmann das Personal seiner
Familientragödie zusammen, die Janusz Kica nun für das Landestheater
Niederösterreich inszenierte.
Darin zieht es den jungen Philosophen und Familienvater Johannes
Vockerat "nur" auf geistiger Ebene zu einer anderen. Umso weniger kann
er verstehen, dass es ihm seine Gattin und die fromme Mutter (Brigitta
Furgler) nicht gönnen, gelegentlich mit der im Familienhaus
einquartierten Studentin Anna Mahr (Pauline Knof) zu rudern und
tiefsinnige Gespräche zu führen. Schließlich kann ihm sein trautes
Heimchen Käthe doch unmöglich ein gleichwertiger Gesprächspartner sein.
Inspiriert von Ibsens Rosmersholm, unterfütterte Hauptmann den Konflikt
im Hause Vockerat mit den Differenzen, die sich aus den progressiven
Ansichten des von Darwin inspirierten Johannes in Gegenüberstellung zu
der Frömmelei seiner Familie ergeben. Dieser philosophische Diskurs wird
in St. Pölten ausgeklammert, Kica zeigt Einsame Menschen als zeitloses
Beziehungsdrama. Die Musik kommt von den Comedian Harmonists und
Radiohead, die Kostüme (Aleksandra Kica) geben ebenso wenig wie die
unterschiedlichen, auf der aufgeräumten Bühne (Karin Fritz) arrangierten
Sessel Aufschluss, ob wir uns in den 50er-Jahren oder in einer urbanen
Künstler-WG befinden.
Die Offenheit zwischen Vergangenheit und Gegenwart greift während zweier
handlungsarmer Stunden leider auf die gesamte Inszenierung über, gibt
ihr etwas Unentschlossenes. Das Geschehen wirkt oft vertraut, bleibt
aber doch in seiner fatalen Konsequenz zu befremdlich, um zu berühren.
Antje Hochholdinger bleibt als Käthe, deren Qualen eigentlich die
nachvollziehbarsten wären, zudem recht konturlos, rückt das
selbstgemachte Leid des Johannes allein ins Zentrum.
Mütterliche Rockfalten
Christian Nickel liefert in der Hauptrolle zwar eine gute Leistung
zwischen den Höhen seiner intellektuellen Ansprüche und der Tiefe der
mütterlichen Rockfalten, sein nur mild angedeutetes Ende macht dennoch
mehr Achselzucken als betroffen. (Dorian Waller, DER STANDARD - Printausgabe, 30. Jänner 2012)