"Es bleibt nur mehr übrig, was Amazon, Google und Apple anbieten"

Interview28. Februar 2012, 11:51
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Autor und Musiker Gerhard Ruiss über die von ihm mitbegründete Aktion "Kunst hat Recht"

Mit der Initiative "Kunst hat Recht" wollen Kunstschaffende "das Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums und die Akzeptanz von Urheber- und Nutzungsrechten stärken". Die Aktion wird von mehreren österreichischen Verwertungsgesellschaften wie AKM, Austro Mechana und Literar-Mechana unterstützt, in der Öffentlichkeit vertreten sie 22 Künstler, darunter Andy Baum, Joesi Prokopetz und Willi Resetarits. derStandard.at sprach mit einem der Initiatoren, dem Autor und Musiker Gerhard Ruiss.

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derStandard.at: Ist "Kunst hat Recht" in erster Linie als Imagekampagne gegenüber der Öffentlichkeit angelegt oder wollen Sie auch den Gesetzgeber überzeugen?

Gerhard Ruiss: Eine Imagekampagne zu sein kann "Kunst hat Recht" nur als Fernziel haben. Das Nahziel ist die Umsetzung von dringend gewordenen urheberrechtlichen Maßnahmen, die in Österreich wieder einmal versäumt worden sind - wie die Festplattenabgabe. Wir fordern eine Regierungskommission, und das weniger als symbolischen Akt, sondern als notwendige, rasche und praktische Maßnahme.

derStandard.at: Die Festplattenabgabe wurde kürzlich vom Oberlandesgericht Wien gekippt - wie sieht hier Ihre Forderung an die Regierung aus?

Ruiss: Wir erwarten noch heuer eine Urheberrechtsnovelle und wollen mit der Abgabe in den Gesetzesentwurf, als erste Sofortmaßnahme. In dem Verfahren geht es um die juristische Feststellung, was möglich ist und was nicht. Die Revision beim OGH (Oberster Gerichtshof, Anm.) wollen wir aber nicht abwarten oder uns besonders daran koppeln.

derStandard.at: Eine andere Forderung der Initiative lautet "Wirksame Instrumente der Rechtsdurchsetzung" - an welche Instrumente denken Sie da?

Ruiss: Wir stellen uns einen Weg mit Verwarnungen bis hin zu Bußgeldern vor, ähnlich wie im Straßenverkehr. Die müssen nicht immer drastisch ausfallen. Wir treten offen gegen Zensur oder Netzsperren ein, bei systematischen Urheberrechtsverstößen müssen wir aber an die großen illegalen Anbieter herankommen können. Ein Ziel der Initiative ist es, hier Rechtssicherheit zu schaffen.

derStandard.at: Ab April werden viele unserer Daten aufgezeichnet. Wäre die Vorratsdatenspeicherung ein legitimes Mittel, um an die Daten der Urheberrechtsverletzer zu gelangen?

Ruiss: Wir sind sicher nicht Befürworter der Vorratsdatenspeicherung zum Zweck der strafrechtlichen Verfolgung von irgendjemandem. Es ist aber ein massives Problem, dass sowohl Gesetzgeber als auch Provider der Meinung sind, keine Auskünfte über Urheberrechtsverletzungen im großen Stil erteilen zu müssen. Irgendeine Art von Zugang müsste es geben, um jene Betreiber offenzulegen, die sich unserer Werke bedienen - bei Filmen oft schon, bevor sie ins Kino kommen.

derStandard.at: Die letzten 13 Jahre waren gleichzeitig die 13 besucherstärksten Jahre im vergangenen Vierteljahrhundert österreichischer Kinogeschichte. Man könnte den Schluss ziehen, dass sich die Einnahmen der Kinos und Filmemacher deutlich erhöht haben, seit es Schwarzkopien im Netz gibt.

Ruiss: Ich glaube, das ist eher ein zufälliges Zusammentreffen und hat auch damit zu tun, dass es im letzten Jahrzehnt einen österreichischen Spielfilmboom gegeben hat. Beim Film ist es sicherlich so, dass das Kino eine ganz andere Erlebnisqualität hat, als es daheim am PC der Fall ist. Bei Büchern schaut das schon wieder anders aus: Sobald das erste Exemplar digitalisiert ist, gibt es dafür kein Geschäftsmodell mehr.

derStandard.at: Wer in einschlägigen Suchmaschinen nach den zehn erfolgreichsten österreichischen Kinofilmen des Jahres 2010 sucht, findet nur einen: "Das weiße Band", eigentlich eine deutsche Produktion mit französischen, italienischen und österreichischen Koproduzenten. Es scheint, als sei der österreichische Film von Raubkopien kaum betroffen. Bekämpfen Sie einen Feind, der gar nicht existiert?

Ruiss: Dass österreichische Filme weniger betroffen sind als Hollywood-Blockbuster, kann sein. Es gibt aber auch genügend Gegenbeispiele. Wer den österreichischen Film kennt, weiß, dass es schwer geworden ist, gute Qualität zu finanzieren. Wenn das über die Vermarktungserlöse nicht mehr geschehen kann, muss entsprechend subventioniert werden.

derStandard.at: International wird versucht, dem Mediennutzungswandel mit legalen Plattformen wie Hulu, Netflix und Spotify zu begegnen. Wäre das nicht auch hierzulande eine gangbare Strategie?

Ruiss: Wir wollen nichts ausschließen, was die sogenannten neuen Geschäftsmodelle anbelangt. Die einzigen brauchbaren Zugänge, die sich bisher entwickelt haben, sind aber Raubkopien-Plattformen, während die legalen Versuche Pilotprojekte geblieben sind. Es kann nicht sein, dass uns gewisse Kreise von vornherein das Recht absprechen, über unsere Werke zu verfügen und dafür honoriert zu werden.

derStandard.at: Der legale Musikmarkt im Netz ist von 1,6 Millionen Euro Jahresumsatz im Jahr 2004 auf 24 Millionen im Jahr 2011 gewachsen. Die Leute sind also durchaus bereit, für legalen Content im Netz zu bezahlen.

Ruiss: Bei den gestiegenen Online-Umsätzen darf man nicht vergessen, dass gleichzeitig die alten Formen viel massiver weggebrochen sind. Wir sind in einem nachhaltigen Markt- und Strukturwandel begriffen. Bei solchen Umbrüchen verlieren oft einige sehr viel und andere gewinnen sehr viel. Beim Kampf der Giganten in der Internetwirtschaft und der Unterhaltungsgeräteindustrie bleiben die Künstlerinnen und Künstler ungehört. Es wird einen ausdifferenzierteren Markt geben müssen, sonst wird nur mehr übrig bleiben, was Amazon, Google und Apple anbieten.

derStandard.at: Sie schreiben im Folder von "Enteignung" und "Missbrauch" - eine Wortwahl, die man sonst im Zusammenhang mit ernsteren gesellschaftlichen Themenkomplexen kennt. Ist das angebracht?

Ruiss: Wir haben das nicht zufällig verwendet. Der Schutz des geistigen Eigentums ist in der EU-Charta und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Enteignung ist nur dann zulässig, wenn es im allgemeinen öffentlichen Interesse ist, und selbst dann nur gegen eine angemessene Entschädigung. Das sind nicht unsere Erfindungen, diese Formulierungen gibt es schon viel länger.

derStandard.at: Setzen Sie den Diebstahl geistigen Eigentums jenem materiellen Eigentums gleich?

Ruiss: Es geht uns nicht darum, jemanden zu kriminalisieren. Die Gesetzmäßigkeiten des realen Lebens treffen genauso auf das Netz zu. Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, dass auch niemand in ein Geschäft gehen und es leerräumen würde, ohne zu bezahlen. Das wäre ja auch ein respekt- und würdeloser Umgang mit den Dingen. Wenn ein Werk für jemanden einen Wert hat, dann muss man auch darüber reden können, wie man es handelt.

derStandard.at: Dazu heißt es im Folder auch: "Wem ein künstlerisches Werk nichts wert ist, der braucht es nicht zu 'konsumieren'." Ist das nicht ein etwas trotziger Zugang gegenüber kulturinteressierten Menschen?

Ruiss: Wir wollten erklären, dass gut gemachte Arbeit in anderen Bereichen nicht nur eine ideelle Wertschätzung hat, sondern im Gegensatz zum kulturellen Bereich auch bezahlt wird. Diese Unterscheidung ist nicht ganz einzusehen.

derStandard.at: Kulturelle Werke gab es lange bevor dafür bezahlt werden musste. Die Menschen erzählten sich Geschichten an Lagerfeuern, musizierten in Gesellschaft, inspirierten sich bei der Gestaltung von Schmuckstücken. Ist die kommerzialisierte Kunst für Sie die natürlichere - oder richtigere - Variante?

Ruiss: Künstler sind nicht die Erfinder der Waren- und Geldwirtschaft. Schon im 15. Jahrhundert gab es Kunst, die nur vom Gönnertum leben konnte, und später führte die Entwicklung zu den künstlerischen Berufen. Die Kommerzialisierung umfasst aber auch heute nicht den gesamten Bereich der Kunstausübung, es gibt viele Kommunikations- und Vermittlungsformen, die über die Massenvermarktungsmodelle hinausgehen. Heute ist es allzu oft so, dass Künstler, wenn sie etwas entwickeln, leider nur mehr vom Markt abgestaubt und ihrer eigentlichen Substanz beraubt werden - in der Popkultur wie in der experimentellen Kunst. Es sollte nicht so sein, dass Künstler, wenn sie ein Werk erschaffen, sehenden Auges verarmen müssen. (Michael Matzenberger, derStandard.at, 28.2.2012)

  • Gerhard Ruiss: "Es sollte nicht so sein, dass Künstler, wenn sie ein Werk erschaffen, sehenden Auges verarmen müssen."
    foto: kunsthatrecht.at/ulli stecher

    Gerhard Ruiss: "Es sollte nicht so sein, dass Künstler, wenn sie ein Werk erschaffen, sehenden Auges verarmen müssen."

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