Razzia im Bundespräsidialamt

29. Jänner 2012, 17:03

Ex-Sprecher Wulffs im Visier - SPD: Affäre schadet dem Ansehen Deutschlands - Partymanager Schmidt räumte Mithilfe von Wulffs Staatskanzlei ein

Berlin - Die Ermittlungen gegen den früheren Sprecher des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff haben zu einem Polizeieinsatz im Bundespräsidialamt geführt. "Wir haben Unterlagen und Computerdateien beschlagnahmt, die jetzt ausgewertet werden müssen", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, Hans-Jürgen Lendeckel, am Sonntag und bestätigte damit einen Bericht der Zeitung "Bild am Sonntag". Es gebe einen "qualifizierten Tatverdacht" gegen Olaf Glaeseker.

Nach Angaben des Bundespräsidialamts wollte Wulffs Ex-Sprecher sein Dienstzimmer am vergangenen Wochenende ausräumen. Mit Hinweis auf ein "mögliches Ermittlungsinteresse der Staatsanwaltschaft Hannover" sei ihm der Zugang verweigert worden, sagte Wulffs Sprecherin Petra Diroll. Am Donnerstagvormittag erfolgte dann auf Beschluss des Amtsgerichts Hannover die Durchsuchung im Präsidialamt, das unweit vom Schloss Bellevue liegt.

Verdacht der Bestechlichkeit

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den engen Wulff-Vertrauten wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Glaeseker soll dienstliche und private Belange miteinander vermischt haben und sich wirtschaftliche Vorteile verschafft haben. Wulff selbst ist seit Wochen wegen einer Kredit- und Medienaffäre unter Druck. Vor dem Hintergrund der Vorwürfe legte Glaeseker kurz vor Weihnachten sein Amt als Sprecher des Präsidenten nieder. Mitte Jänner geriet er dann ins Visier der Justiz: Bei einer Razzia durchsuchten Ermittler am 19. Jänner die Privat- und Geschäftsräume von Glaeseker und von dem Eventmanager Manfred Schmidt.

Glaeseker soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft zwischen 2007 und 2009 die Finanzierung der von Schmidt ausgerichteten Veranstaltungsreihe "Nord-Süd-Dialog" im Rahmen seiner damaligen Dienstgeschäfte "gefällig gefördert" haben. Als Gegenleistung soll Glaeseker mehrfach unentgeltlich Urlaube in Feriendomizilen Schmidts verbracht haben. Glaeseker war damals niedersächsischer Regierungssprecher im Rang eines Staatssekretärs.

"Unglaublicher Vorgang"

Nach dem Justizeinsatz erhöhte die SPD den Druck auf Wulff. SPD-Chef Sigmar Gabriel bezeichnete es als "unglaublichen Vorgang, dass es inzwischen Durchsuchungsvorgänge im Bundespräsidialamt gibt". Dass dies nötig geworden sei, stelle einen "neuen Tiefpunkt" dar, sagte Gabriel in Potsdam. Das Angebot der SPD an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), gemeinsam einen neuen Präsidenten zu wählen, sei auch als Rücktrittsforderung an Wulff zu verstehen.

Der FDP-Abgeordnete Erwin Lotter kritisierte, Wulff bleibe nach der "Razzia" in "Deutschlands erster Adresse" sprachlos. Er frage sich, ob sich Wulff "schon im Panikraum des Schlosses verschanzt" habe, erklärte Lotter.

"Viele weitere Akzente"

Trotz der anhaltenden Vorwürfe in der Kredit- und Medienaffäre um Wulff stellte sich die deutsche Bundeskanzlerin erneut hinter das Staatsoberhaupt. In einem Interview mit der "Bild am Sonntag" machte Merkel deutlich, dass sie nicht mit einem Rücktritt von Wulff rechnet: "Unser Bundespräsident wird viele weitere Akzente für unser Land und unser Zusammenleben setzen."

Die Opposition in Hannover und Berlin wirft Wulff eine Verquickung von Parteiaktivitäten und Regierungsämtern in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident vor. Zudem wird der deutsche Bundespräsident wegen seiner Nähe zu Unternehmern kritisiert. Wulff selbst hat Fehler eingeräumt, einen Rücktritt aber wiederholt ausgeschlossen. Die Zustimmungswerte für ihn sanken zuletzt weiter: Im ZDF-Politbarometer sprachen sich 50 Prozent für einen Rücktritt des deutschen Staatsoberhauptes aus.

Der Partymanager Schmidt räumte unterdessen ein, dass ihm die niedersächsische Staatskanzlei bei der Suche nach Geldgebern für den "Nord-Süd-Dialog" geholfen habe. Ohne die Kontakte und Empfehlungen des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff und seines Sprechers Glaeseker wäre die Durchführung des Events kaum möglich gewesen. "Es müssen ja mal Kontakte hergestellt werden, wenn so etwas von der Wirtschaft finanziert werden soll", sagte Schmidt dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Zugleich wies er den Vorwurf der Staatsanwaltschaft zurück, Glaeseker mit kostenlosen Urlaubsreisen bestochen zu haben. Er sei seit 30 Jahren mit dem Journalisten befreundet. In dieser Zeit habe er Glaeseker zu Urlauben eingeladen, umgekehrt habe aber auch er Glaeseker besucht. Zweimal sei er sogar mit dem Freund und dessen Frau im Liegeabteil eines Autoreisezugs in den Süden gefahren. "Das macht man nur, wenn man sich richtig kennt."  (APA)

Kommentar posten
18 Postings
RebelAngel
 
00
30.1.2012, 09:51
1-2-Sprechprobe

na, ist der Zensor schon munter, der meine Postings handverlesen veröffentlicht?

YuandI
00
30.1.2012, 09:07
"Razzia im Bundespräsidialamt"

Bananenrepublik!

... ok ... bei uns in Österreich ist dies nicht einmal anzudenken ... und wenn etwas geschieht, dann schlampt die Staatsanwaltschaft ...

Fritz Meyer
10
30.1.2012, 08:16
Nach Wulff...

können's den Bundespräsidenten eigentlich getrost abschaffen.

Von dem Schaden erholt sich das Amt nicht mehr.

estragon001
00
30.1.2012, 07:23
NICHT gilt die "Unschuldsvermutung" !

Lämmchen sind unschuldig, aber doch nicht SO einer !!
:-)))

alexanderletten
 
40
29.1.2012, 23:53

Was ist überhaupt Gabriel los?
Der Ist ja mittl. 1. Adresse, wenn es um eine Stellungnahme in Sachen Wulff geht.
Das ist ja schon ein fleischgewordener Automatismus.

estragon001
01
30.1.2012, 07:17
Berechtigte Kritik, oder ?

Feigenbauer
02
29.1.2012, 22:27

vl. soll er sich vom khg beraten lassen.

Human factor
00
29.1.2012, 21:24

Das Amt kann getrost abgeschafft werden. Spart Geld und die Presse kann sich dann mal das Maul über die wesentlichen Dinge zerreißen.

Reinald Grebe hat dieses Amt mal schön in einem Lied beschrieben.

http://www.youtube.com/watch?v=3... re=related

Senor Wolflero
22
29.1.2012, 20:04
Absurd!

Ich fahre des Öfteren beruflich mit dem Zug und benutze auch den Schlafwagen, meistens ein Double. Oft genug teile ich es mir mit einem anderen Mitreisenden. Aber ich war bislang noch mit keinem befreundet. Vorher nicht und nachher nicht.
Dass eine jahrelange Verbindung und Freundschaft eine Voruassetzung für die gemeinsame Nutzung eines Schlafwagenabteils wäre, war mir bis heute nicht bekannt.

sledgehammer44
01
29.1.2012, 20:04
unschuldsvermutung...

der hat im orf zu oft zugesehen. aussitzen statt einsitzen wird wohl ein toller neuer trend...

meresi
02
29.1.2012, 18:12
im liegeabteil eines autozuges...lol

was sie da wohl gemacht haben??

Jürgen Rembremerding
00
29.1.2012, 19:16
Gestanden?

Kilgore Trout
10
30.1.2012, 06:04

Aber es gibt ja gar nix zu gestehen... und zum zurücktreten auch nicht.

Tom.P
01
29.1.2012, 18:07

Wenigstens haben die Deutschen ihren eigenen Skandal und müssen nicht mehr eifersüchtig sein, weil wir KHGs haben....

Gegenflieger
010
29.1.2012, 18:05

Beeindruckend,das man dort anscheinend der Staatsanwaltschaft keine Weisung erteilen kann.

soamist
04
29.1.2012, 17:45
der mann dürfte österreichische wurzeln haben

NONE
18
29.1.2012, 17:41

Wulff ist einfach nur mehr untragbar.

V995
02
29.1.2012, 17:17
und schon gilt die unschuldsvermutung für wulff

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