ACTA und SOPA: Schrotflintenpolitik der Film- und Musikindustrie

Kolumne28. Jänner 2012, 14:02
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Regierungen werden ganz massiv vor den Karren der "Rechteinhaber" gespannt

Dagobert Duck hatte es noch einfach. Ein Geldspeicher, ein Wachposten, eine Schrotflinte und Grips reichten, um immer neue Plänen der Panzerknacker zu vereiteln.

Jeder DVD-Käufer ist ein potenzieller "Raub"-Kopierer

Seit Schätze virtuell sind wie die Dateien der Film- und Musikindustrie, aus denen sie ihre Kohle macht, ist die Sache sehr, sehr kompliziert geworden. Nicht nur, dass es kaum einbruchssichere Speicher gibt. Nein, die wertvollen Güter können ganz einfach kopiert werden: Jeder DVD-Käufer ist ein potenzieller Raubkopierer, der den teuer erstandenen Film amortisieren will. Und die Gratisverteilung macht den Schatz selbst praktisch wertlos, weil nun keiner mehr für Filme zahlen will.

Da lassen sich Regierungen ganz massiv vor den Karren der "Rechteinhaber" spannen

Dieses Dilemma ist nicht trivial zu lösen, und es ist verständlich, dass der erste Reflex darin besteht, stärkere Schlösser anzubringen und Gelegenheits- wie Profidiebe zu verfolgen. Aber ACTA (das eben von Österreich unterzeichnete Abkommen gegen Internetpiraterie, das mit Netzsperren droht), SOPA und PIPA (die US-Gesetzesinitiativen), Hadopi (das französische Gesetz), und wie die Gesetze alle heißen, die im Kampf gegen Piraterie gehisst werden: Da lassen sich Regierungen ganz massiv vor den Karren der "Rechteinhaber" spannen.

Handhaben

Dabei gibt es offenbar genug rechtliche Handhaben gegen gewerbsmäßige Piraterie wie die Sperre von Megaupload in der Vorwoche und die Verhaftung ihres schillernden Betreibers Kim Dotcom zeigt: Megaupload ist das perfekte Beispiel dafür, was beim Ausfall eines Knotens in einem Netz passiert, das gebaut wurde, um atomare Schläge zu verdauen: Die Benutzer von Filesharing-Sites weichen auf andere aus, das Volumen ist nach einer Woche wieder annähernd so groß wie vor dem Zusperren von Megaupload.

Ursachen

Es ist wie beim Kampf gegen Kriminalität, die mit Drogen oder Armut verbunden ist: Zu gewinnen ist dieser nicht durch schärfere Gesetze und ihrem Kollateralschaden, sondern indem man die Ursachen beseitigt. Und diese sind, etwa bei Filmen, die Nichtexistenz akzeptabler Onlineangebote und eine absurde Vertriebspolitik, wie Filme mit globalem Publikum in getrennt geschützte Märkte segmentiert werden (z. B. 27 in der EU).

Iron Lady

Während etwa das Publikum auch hierzulande aufgrund der Berichterstattung gern Oscar-nominierte Filme wie Merly Streeps "Iron Lady" sehen würde, ist dies von der Filmindustrie einfach noch nicht geplant. Was liegt da näher, als eine Raubkopie online zu suchen, um das medial stimulierte Interesse am "Stoff" zu befriedigen?

Geldspeicher- und Schrotflintendenken funktionieren nicht mehr

Nachricht aus Schweden, einem Filesharer-Paradies, das die Piratenpartei ins EU-Parlament entsandte und damit Berlin Vorbild war, zeigt, welche Richtung sinnvoller ist: Seit es preiswerte Streamingdienste, allen voran Spotify, gibt, hat sich die Zahl der illegalen Downloads halbiert. Tweet an die "Rechteinhaber": Geldspeicher- und Schrotflintendenken funktionieren nicht mehr. (helmut.spudich@derStandard.at, DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2012)

  • Regierungen werden massiv vor den Karren der "Rechteinhaber" gespannt.
    foto: archiv

    Regierungen werden massiv vor den Karren der "Rechteinhaber" gespannt.

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