Genozid-Gesetz: Satan Sarko

Blog28. Jänner 2012, 08:50
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Die türkische Regierung wartet und raucht vor Wut: Kommt das Genozid-Gesetz nicht vor das französische Höchstgericht, setzt es "Sanktionen".

Der Countdown läuft, aber wann die Null kommt, ist nicht ganz sicher. Innerhalb von 15 Tagen will der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy das Montagnacht diese Woche (23. Jänner) vom Senat angenommene Genozid-Gesetz unterschreiben und im Amtsblatt veröffentlichen lassen. Noch so ein gemeiner Trick von „Satan Sarkozy“ gegen die Türken: Das Rechtsauslegerblatt Sözcü hat seiner Leserschaft den Präsidenten mit Teufelsohren und roten Augen präsentiert. Sarkozy habe den türkischen Bündnispartner mit einem „dämonischen Plan“ verkauft, so lernte man diese Woche: „Vielleicht wird er die Stimmen der Armenier bekommen, aber die Freundschaft der Türkei wird er verlieren.“

Aber dann gibt es noch die französischen Senatoren. 197 haben gegen das Gesetz gestimmt, das die Leugnung des Völkermords an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 unter Strafe stellt – 45.000 Euro  und/oder ein Jahr Haft. 60 Senatoren reichen, um das Verfassungsgericht anzurufen und das Genozid-Gesetz prüfen und vielleicht wieder kippen zu lassen. Die Unterschriften werden nun gesammelt, auch das ist Teil des Countdowns. Tritt das Gesetz in Kraft und sind die 60 bis dahin nicht erreicht, setzt es türkische Sanktionen gegen Frankreich. Der Strafkatalog steht fest, so versichert die Regierung in Ankara, die wartet und vor Wut raucht.

Was bisher geraunt wurde: Abzug des türkischen Botschafters, möglicherweise auch Ausweisung des französischen Botschafters in Ankara; Aussetzung der kulturellen Zusammenarbeit, was den französischen Gymnasien und den Kulturinstituten in Istanbul, Izmir und Ankara schaden wird; keine außenpolitische Zusammenarbeit. Bei der Formulierung wirtschaftlicher Repressalien wird die türkische Regierung etwas vorsichtiger umgehen – absehbarer Rechtsstreitigkeiten in der WTO wegen, aber auch weil eine Reihe französischer Firmen in der Türkei produzieren lässt und ein Boykott von Danone-Joghurts oder Renault-Familienkutschen am Ende nur Arbeitsplätze wegsäbelt.

Hayrünissa Gül, die First Lady, ist bereits mit einer Strafmaßnahme vorgeprescht und hat die Frau des französischen Botschafters Laurent Bili nicht zum Ladies' Neujahrs-Lunch eingeladen; allerdings kam auch heraus, dass Madame Bili es ohnehin vorzieht in Frankreich zu leben. Aus Eriwan erreichte uns derweil die unvermeidliche Nachricht: Ein neugeborener Bub hat den Namen „Sarkozy“ verpasst bekommen. „Möge unser Kind, Sarkozy Avetissian, auch ein so mutiger und gerechter Mann werden“, erklärte die Großmama. Nun ja.

TürkMax, ein kleiner Privatkanal, hat allerdings schon nach der ersten Sanktionsaufwallung im Dezember, als die französische Nationalversammlung das Genozid-Gesetz angenommen hatte, in einem satirischen Kommentar  die Landsleute enttäuschen müssen: ein bestimmter Boykott, der zwar naheliegend ist, aber leider völlig unmöglich, ist die Verbannung aller französischen Wörter aus dem Türkischen. Und davon gibt es – in der Rechtschreibung brachial vereinfacht– jede Menge: avukat, alkol, asansör, şoför, buji, kuaför, manikür, pedikür, taksi, vapur (für die Fährschiffe in Istanbul oder Izmir), tuvalet, kruvesan... - und natürlich boykot.

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    foto: standard/bernath
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