Umverteilung I: Einkommen

Kolumne | Hans Rauscher, 27. Jänner 2012, 19:29

Die wahre Umverteilung in Österreich findet nicht durch das Steuersystem, sondern über Sozialtransfers statt

Bald werden wir es wissen: Wer wird wie belastet durch Leistungskürzungen und Steuererhöhungen?

Ein Sparpaket bedeutet immer auch Umverteilung. Die Frage ist: wie fair und wie sinnvoll.

Die österreichischen Freunde der populistischen Umverteilung (SPÖ, Grüne, ÖAAB, manche Wirtschaftsforscher, Journalisten, Arbeiterkammer, ÖGB) haben hier in letzter Zeit die Meinungs-Hegemonie erlangt. Im O-Ton: "Die Reichen will ich erwischen" (Faymann), bzw. "Her mit der Marie!" (Mikl-Leitner). Bevor man sich in diese Debatte begibt, sollte man versuchen, den Ist-Zustand möglichst wertfrei darzustellen.

Von der österreichischen Wohnbevölkerung von 8,3 Millionen sind rund vier Millionen aktiv im Erwerbsleben. Davon wieder sind laut Statistik Austria 1,8 Millionen bzw. laut Wifo zwei Millionen sogenannte Nettotransferzahler. Sie zahlen mehr an direkten Steuern und Abgaben ins System ein, als an sie zurückfließt.

Also etwa die Hälfte der Bevölkerung ist erwerbstätig, davon wieder jeweils die Hälfte Nettotransferzahler und Nettotransferbezieher.

Umverteilt wird zunächst durch (Einkommens-)Steuern. Von der bürgerlichen Seite wird ins Treffen geführt, dass die obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher (dazu gehören auch Pensionisten) rund 34 Prozent des Einkommens erwirtschaften, aber 56 Prozent der Steuerleistung tragen. Das oberste eine Prozent, also die "wirklich Reichen", erzielt neun Prozent der Einkommen, aber zahlt 19 Prozent des Steueraufkommens. 2,7 Millionen oder 44 Prozent (!) der Einkommensbezieher zahlen wegen geringen Einkommens (oder Pension) überhaupt keine (Einkommens-)Steuer. Allerdings zahlen auch die einkommenssteuerbefreiten Geringverdiener Mehrwertsteuer und Sozialversicherung und tragen auf diese Weise zur Finanzierung des Systems bei.

Doch die wahre Umverteilung in Österreich findet eben nicht durch das Steuersystem, sondern über Sozialtransfers statt. Eine große Wifo-Studie unter Projektleitung von Alois Guger kommt zu dem eindeutigen Schluss: "Die Verteilung der Markteinkommen wird in Österreich durch die Aktivitäten des Staates in beträchtlichem Ausmaß korrigiert." Das untere Drittel der Haushalte kriegt demnach 84 Prozent seines Markteinkommens aus öffentlichen Leistungen (ohne Pensionen) zusätzlich drauf, das mittlere 29 Prozent und das obere nur zwölf Prozent.

So kommt die sehr gleichmäßige Einkommensverteilung in Österreich zustande. Nach der Maßzahl Gini-Koeffizient ist Österreich mit 0,261 Zweiter hinter Schweden. Die OECD gab im Dezember eine Studie heraus, wonach "die Einkommensungleichheit steigt". Allerdings nicht in Österreich: Da sind wir seit Jahren stabil gleichmäßig. Dafür sorgt der umverteilende Staat.

Das gilt für Einkommen. Bei Vermögen ist die Sache etwas anders, aber auch nicht so ganz, wie viele Umverteiler meinen. Davon demnächst mehr. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.1.2012)

Quellen: Wifo: Umverteilung durch den Staat in Österreich (Sept. 2009) - Wifo: Entwicklung und Verteilung der Einkommen (2009/10) - Industriellenvereinigung: Wohlstand, Armut & Umverteilung in Österreich. Fakten und Mythen (Nov. 2011) - OECD: Divided We Stand. Why Inequality Keeps Rising (Dez. 2011) Parlamentarische Enquete "Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit in Österreich" (Jänner 2010).

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Posting 1 bis 25 von 268
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Politisch unkorrekt
00
Finde nur ich es komisch dass wir den ansprochenen Ginikoeffizienten nur durch Sozialtransfers erreichen und nicht über das Arbeitseinkommen selbst?

Henne-Ei-Problem: haben wir soviele Sozialtransfers weil unser Wirtschaftssystem keine brauchbare Verteilung zustande bringt oder umgekehrt? Und das 2 Mio Menschen so wenig verdienen das sie kaum Steuern zahlen ist auch ok? Sind dass dann alles Teilzeitstellen oder Vollzeitstellen?

lingam
00
danke, rau

endlich einmal fakten, die hoffentlich zu einer versachlichung der politischen diskussion beitragen werden

Bluestone
00
Wieso muß es eigentlich eine Umverteilung geben, die der Mi

la shishi
00
30.1.2012, 14:36

Die oben zitierte Wifo-Studie kommt auch zum Schluß, dass 25% aller öffentlichen Transfers, dem obersten Einkommensdrittel zukommen (im Vergleich, dem untersten: 43 1/2 %, dem mittleren: 31 1/2%). Progressivität ist zwar gegeben, aber ehrlich gesagt, empfinde ich das als zu gering.
Im Endeffekt bestätigt Hr. Rauschers Artikel ja nur den immensen Stellenwert der Transferzahlungen für die unteren Einkommen. Ein Sparpaket, das hier ansetzen würde, hätte demnach fatale Folgen für das verfügbare Nettoeinkommen vieler Haushalte. Aber die große "Baustelle" sind ja ohnehin die Vermögen, nicht die Einkommen...

The Ghost in the Machine 2.0
 
14
29.1.2012, 15:02
Liebe Österreicher,

es ist ja offensichtlich dass die Mittelschicht in Österreich stinkfaul ist (von der Unterschicht will ich gar nicht reden). Ich habe sogar während meiner Zeit als MEP nebenbei noch gejobt und so ca. 600.000 jährlich dazu verdient. Wie gesagt - alles hat seinen Preis, man muss hart arbeiten und Qualitäten haben wie ich (zB verhandlungssicheres u. gutes Englisch). http://www.youtube.com/watch?v=DJxD-ysedbk

Euer
Dr. Ernst Streeter

samuel kant
00

nur 600.000€?
wegen leuten wie dir, die sich in der sozialen hängematte ausruhen, geht das system zu grunde.

hart arbeitende menschen wie ich gründen facebook und finanzieren obezahrer wie dich...
und auf uns milliardäre schaut niemand

paulchen77
00
29.1.2012, 16:16
Hey Superman

ab ins fleißige Ausland, wo Leistung sich noch lohnt!

cannery row
57
29.1.2012, 13:45
die reichen will ich erwischen..

es reisst mich immer noch jedesmal, wenn ich diesen satz lese. man muss sich wieder und wieder vor augen führen, dass diese geringschätzige hetz-diktion von unserem bundeskanzler kommt.
es wird wirklich zeit, dass dieser mann sein amt verlässt.

(°)(°)
00
Keine Panik!

"Die Reichen" das sind eh die mit 2000 Euro Brutto im Monat.

Das trifft uns ja eh nicht...

Reich sein muss sich lohnen!
03
29.1.2012, 14:00
Aber die Mikl-Leitern darf bleiben (Her mit da Mari)?

Oder die Fekter, die hetzt ja auch ganz gerne mal gegen jeden der keine Lohnsteuer bezahlt?

manto bamminger
02
29.1.2012, 13:28
man kann sich natürlich noch länger

mit diesem finanzsystem herumquälen, und wurschtln.

oder wenn man ein verantwortungsvoller politiker ist, würde man den leuten die wahrheit sagen.

Ich würd gern was ändern aber ich darf nicht, sonst hab ich einen unfall.

dieser satz würde reichen um das finanzsystem zu fall zu bringen.

andreas wreiser
 
113
29.1.2012, 11:57
Der postive Effekt der Umverteilung von der Mitte der Gesellschaft nach unten ist

dass dieses Geld der Volkswirtschaft als Konsum inklusive der daranhängenden Wirtschaft,
wieder zugutekommt.

Neudeutsch eine Win-Win Situation.

Während sich der oberste Teil der Gesellschaft,
dank der Politik,
mithilfe der legalen Steuerhinterziehung,
sich aus diesem System ausgeklinkt hat.

(°)(°)
00
Ich

würd aber mein Geld lieber für den eigenen Konsum ausgeben...

Stefanxy
00
Sorry, so stimmt das nicht.

Andreas Wreiser: "Der postive Effekt der Umverteilung von der Mitte der Gesellschaft nach unten ist
dass dieses Geld der Volkswirtschaft als Konsum inklusive der daranhängenden Wirtschaft,
wieder zugutekommt."

Wenn das Geld nicht umverteilt würde, was würde denn dann mit dem Geld passieren? (Es würde genauso investiert oder für Konsum ausgegeben werden.)

bingoX
02
29.1.2012, 15:37
wenn dem so wäre

müsste es der wirtschaft umso besser gehen je mehr sozialhilfeempfänger es gibt!

Floaschkas
13
29.1.2012, 18:23
Nein

Es müsste der Wirtschaft umso besser gehen, je mehr Einkommen an inländischen Produkten konsumiert wird (den Ärmeren bleibt kaum was anderes zu tun übrig) oder in die heimische Realwirtschaft investiert wird.

Bei jenen Einkommensbeziehern, welche erheblichen Spielraum für Geldanlagen am internationalen Finanzmarkt haben, für Auslands-Urlaubsreisen, für den Kauf teurer Konsumgüter aus dem Ausland (Autos, Ferienwohnungen im Ausland) - kommt ein dementsprechend geringerer Anteil der heimischen Wirtschaft zugute.

Faka Zulu
05
29.1.2012, 11:22
Tagesordnungspunkt 2 beim Sauschädelessen:

Umverteilung I: Einkommen

noexist
 
01
29.1.2012, 10:02

In einer Volkswirtschaft arbeiten alle zusammen und die Früchte der Arbeit werden aufgeteilt.
Sind Steuern nicht auch ein Ausgleich für die unvermeidlich ungerechte Verteilung dieser Erträge?

bingoX
00
29.1.2012, 10:54
die frage ist

arbeiten wirklich alle zusammen, auch die ganz oben und die ganz unten?

noexist
 
01
29.1.2012, 11:08

Jedenfalls ist es nicht so, dass ein Jeder völlig unabhängig von den Anderen sein Einkommen erwirtschaftet, wie manche Modellrechnungen vermuten lassen.

Die Vermögen stellen einen Anteil am Gesamtvermögen da und haben nur einen Wert, wenn alle das akzeptieren.
Wenn das Vertrauen in die Aufteilung weg ist, ist zumindest das Geldvermögen nichts mehr wert. Deshalb sind ja auch die Superreichen an einer halbwegs gleichmäßigen Wohlstandsverteilung interessiert.

Plaats van Samenkomst
02
29.1.2012, 09:18
Was Popper-Lynkeus "Die allgemeine Nährpflicht" nannte,

nennt Rauscher "Umverteilung"!

Reich sein muss sich lohnen!
214
29.1.2012, 08:54
Und wo ist das Problem?

Natürlich bezahlen hier viele mehr Steuern, als sie dafür wieder vom Staat zurückbekommen - und natürlich bekommen viele mehr vom Staat, als sie selbst eingezahlt haben.
Aber das ist nun mal das Konzept eines Sozialstaates - wenn hier jeder das raus bekommen würde, was er eingezahlt hat, dann könnte man sich das ganze doch gleich sparen.

Und das ist nun mal notwendig, um die Unzulänglichkeiten des Wirtschaftssystems zu korrigieren.
Hier denkt doch hoffentlich niemand, dass man hier nach Leistung bezahlt werden würde?
Nicht die Leistung bestimmt das Einkommen - sondern der Markt und das ist noch eine optimistische Betrachtungsweise. Tatsächlich spielt hier noch viel mehr mit wen man kennt, wer man ist und von wo man kommt...

peter schlesinger
00
29.1.2012, 19:19
nehmen und geben

die deren Einkommen hoch/höher ist geben dem Staat - diejenigen die weniger/wenig haben nehmen vom Staat.
Es ist aber heute leider so, daß viele die hohe/höhere Einkommen haben auch Sozialleistungen in Anspruch nehmen und das gehört abgeschafft. Porsche u. Ferrari-Fahrer, NR-Abgeordnete, LH brauchen nicht in einer Gemeindewohnung mit Sozialmiete zu wohnen. Auch diejenigen, die sich alle 15 Monate ein neues Auto kaufen können, brauchen nicht die Vignette zum Nulltarif.
Und solche Beispiele gibt es zu tausend - hier wäre viel Geld zu holen.

antworten statt bewerten
02
29.1.2012, 09:42

Ich sehe die Probleme darin, dass wir den Sozialstaat bismarckscher Prägung hinter uns gelassen haben und die eigentlich berechtigten Bürger sich immer mehr in ungleichberechtigte Bittsteller und Bettler vor dem Staat verwandelt haben/verwandeln mussten), sowie darin, dass den Menschen vorgegeben ist, in der Zeit zu leben: wie können in Zukunft welche Unzulänglichkeiten des Marktes wie ausgeglichen werden, und wo sind die ernstzunehmenden Konzepte dafür auf REALPOLITISCHER Ebene?

Verbal Kint
00
29.1.2012, 08:44
Was ich interessant finde,

sind die eher geringen Unterschiede bei den Transferzahlungen:
Wieviel verdient den das untere bzw. das oberste Drittel absolut? Wieviel sind den 84% vom unteren und 12% vom oberen?
Zumal naturgemäß im unteren Drittel natürlich auch alle zu finden sind, die ausschließlich von Transferzahlungen leben.

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