Kapitalismuskritik beherrschte heuer das Weltwirtschaftsforum in Davos
Kapitalisten kritisieren den Kapitalismus. Das ist neu beim
Weltwirtschaftsforum. So viel Systemkritik gab es noch nie in Davos wie
im 42. Jahr nach der Gründung. Dass der Kapitalismus als Modell in einer
veritablen Krise steckt, wurde beim diesjährigen Gipfel der Mächtigen
mehr als deutlich. Schon vor der Eröffnung ließ Forumsgründer Klaus
Schwab mit der Feststellung aufhorchen: "Das kapitalistische System
passt nicht mehr in die heutige Welt." Und Schwab ist kein Linker.
Statt
des traditionellen Konjunkturausblicks zu Beginn des Treffens gab es
heuer eine "Debatte über den Kapitalismus". Die Hälfte der Zuschauer hob
die Hand, als der Moderator fragte, ob es stimme, dass diese
Wirtschaftsform der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht gerecht
werde.
Weniger Exzesse, weniger unerfüllbare Versprechen, die
sozialen Aspekte im Blick haben und die ökonomischen Ungleichgewichte
angehen - das waren Forderungen, die auf fast allen Podien zu hören
waren. Immer wieder war von Moral und sehr häufig von Werten die Rede.
Auch die Religion wurde vielfach beschworen. Nicht nur, weil
ungewöhnlich viele Bischöfe und buddhistische Mönche als
Diskussionsteilnehmer auftraten. Beifall erhielten vor allem jene, die
sich als "soziale Unternehmer" auswiesen.
Dazu passte, dass heuer
die üblichen großen Demonstrationen von Globalisierungskritikern
ausfielen, die häufig von Ausschreitungen begleitet waren: Durch den Ort
schlenderten Spaziergänger, die eine Leine und einen Maulkorb in der
Hand hatten - ein ruhiger Protest mit der Forderung, "die Unternehmen an
die Leine zu legen". Die Mitglieder der Occupy-Bewegung, die in Iglus
in Davos campierten, wurden zum viel besuchten Ausflugsziel.
Davos
gilt als Spiegel dessen, was die Weltwirtschaft bewegt. Selbstzweifel
und Kapitalismuskritik haben die ökonomische und wissenschaftliche Elite
okkupiert. Demnach ist der Kapitalismus westlicher Prägung mehr als 20
Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und im fünften Jahr der
Finanzkrise in einer Selbstfindungsphase.
Deutlich wurde auch:
Zum Kommunismus will niemand zurück, die reine Marktwirtschaft predigen
aber selbst Spitzenmanager und Banker nicht mehr. Die soziale
Marktwirtschaft - mit Betonung auf Ersterem - war das am häufigsten
genannte Ziel. Das Modell des Staatskapitalismus, wie es etwa Singapur
vertritt, ist zumindest für Europäer nicht erstrebenswert.
Aber
dass der Staat Vorgaben gibt - und sogar noch mehr vorgeben muss -, war
überraschender Konsens. Von politischer Seite wurden noch mehr
Entscheidungen angemahnt, insbesondere von den Europäern, im Speziellen
von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Europäer fanden
sich im Übrigen in der ungewohnten Rolle, an den Pranger gestellt zu
werden.
Die von Schwab geforderten Lösungen hat das Treffen nicht
gebracht. Zumindest nicht solche, die in klare Formeln gegossen werden
können. Aber dass alle inmitten eines großen Transformationsprozesses
stecken, ist allen sehr bewusst. Dazu hat auch der Arabische Frühling
beigetragen und Protestbewegungen wie Occupy rund um den Globus. Davos
markiert Diagnose und Aufbruchsstimmung zugleich - von praktischen
Umsetzungen sind wir aber noch weit entfernt. (DER STANDARD,
Print-Ausgabe, 28./29.1.2012)