Liederabend von Christoph Prégardien und Michael Gees
Wien - Am Anfang ist das Wort. Wenn Christoph Prégardien Lieder singt, kann
darüber gar kein Zweifel bestehen. Der alte Streit über das Vorrecht der Sprache
oder der Musik, der Komponisten wie Antonio Salieri oder Richard Strauss in
besonderer Weise beschäftigte, ist damit aber keineswegs vorschnell entschieden.
Denn ein Auftritt des deutschen Tenors - wie sein jüngster Liederabend im
Wiener Konzerthaus am vergangenen Donnerstag - zeigt vor allem, was es heißt,
wenn jemand die vollkommene Symbiose zweier Kunstformen ernst nimmt. Prégardiens
Stimme könnte auch Atheisten an ein Gottesgeschenk glauben lassen - eines Gottes
allerdings, der seine Gaben auch an einen Arbeitsauftrag knüpft:
Sie ist makellos fokussiert, hell strahlend, dabei aber nur beschränkt
strapazierbar und in ihren Nuancen begrenzt. Dass der Sänger aber aus diesen
natürlichen Beschränkungen einen Vorteil schlägt, zeichnet währenddessen seine
ganze Kunst aus: Er entwickelt mit gemeißelter Diktion und dabei stets flexibler
Artikulation Sinn und Sinnlichkeit der Lieder und Gesänge, gestaltet noch die
wunderlichsten Gedichte mit unbedingter Überzeugung.
Absolut durchdacht war bereits die originelle Zusammenstellung des Programms
unter dem Titel Zwischen Leben und Tod mit Musik von Bach über Mozart und
das romantische Kernrepertoire von Schubert, Schumann, Mendelssohn Bartholdy und
Brahms bis hin zu Wolf und Mahler.
Größte Vielfalt vermittelte der Tenor dabei neben der Textebene vor allem
mithilfe der Körperspannung und Phrasierung. Es gibt Sänger mit mehr
Farbabstufungen in ihrem Organ, doch darunter auch solche, die damit weit
weniger anzufangen wissen. Prégardien hingegen ließ durch seine Darstellungen
gleichsam Farben des Seeleninneren erstehen, strahlte nur so von Fantasie und
Vorstellungskraft - etwa bei Balladen von Carl Loewe, wo er die auftretenden
Personen von Edward und Erlkönig suggestiv imaginierte.
Diese Stücke bildeten sozusagen den Übergang zu zwei Opernarien aus Webers
Freischütz und Tschaikowskys Eugen Onegin, die wohl auch eine
Sehnsucht nach opernhafter Größe durchklingen ließen, jedoch von denselben
Vorzügen geprägt waren wie die Lieder rund um Tod und L(i)eben.
Unterdessen verwandelte der bis an die Schmerzgrenze mitfühlende Michael Gees
die Klaviertasten in ein Meer von Dornen und Tränen. Und bei Mahlers Ich bin
der Welt abhanden gekommen, wo sich der Sänger auf das Äußerste zurücknahm,
hatte schließlich doch verhalten strömender Klang das letzte Wort. (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)