Michael Gruner inszenierte Else Lasker-Schülers "theatralische Tragödie"
Wien - Else Lasker-Schülers "theatralische Tragödie" IchundIch zeigt
die Dichterin als Wiedergängerin ihrer selbst. Von den Nazis verunglimpft, aus
Deutschland vertrieben, schreibt die wichtigste Dichterin ihrer Generation
(1869-1945) in Jerusalem Goethes Faust zu Ende.
König David selbst sitzt in Puppengestalt über ihrem Spektakel zu Gericht:
Regisseur Michael Gruner hat für die Erstaufführung im Hamakom-Theater im Wiener
Nestroyhof die Spielfläche in der Mitte leergeräumt (Bühne: Gabriele Sterz), den
Raum mit schwarzen Vorhängen spärlich strukturiert und die Galerie mit einem
Popanz geschmückt. In der Tat: Lasker-Schülers teuflische Revue enthielte
womöglich die bekömmliche Rezeptur für eine postdramatische Festspeise.
Doch Gruner, der den nicht unproblematischen Text bereits 1979 in Düsseldorf
uraufführte, konzentriert sich ganz auf die Sprache. Diese torkelt auf
jambischem Fuß durch die innersten Bezirke der Hölle, in deren
schlackenschwarzen Bauch sogar die Nazis hineindrängen, weil sie Petroleum
wollen. Dem von Tragik umflorten Faust (Hans Diehl) steht ein aasiger Mephisto
(Jakob Schneider) zur Seite. Man gewahrt eine Unmenge aparter Einzelheiten,
bewundert George-Grosz-Momente und ergötzt sich an Max Reinhardt (Hans Escher),
der das Spektakel "inszeniert". Dieses lässt einen aber seltsam unberührt. (poh, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)