"Ausgehen und Gasgeben hat sich kaum abgespielt"

Interview
  • Prock: "In der Schule musst du nur durchkommen. Aber du musst nicht Erster, Zweiter 
oder Dritter werden. Im Leistungssport zählt nur der Erfolg."
    foto: dapd/joensson

    Prock: "In der Schule musst du nur durchkommen. Aber du musst nicht Erster, Zweiter oder Dritter werden. Im Leistungssport zählt nur der Erfolg."

Markus Prock, Ex-Rennrodler, kümmert sich um Tochter Nina und Neffe Gregor Schlierenzauer. Leistungssport, so Prock, lehrt Jugendliche Druck zu bewältigen und lässt sie erwachsen werden

Standard: Ihr Neffe Gregor Schlierenzauer, den Sie managen, legt im Weltcup eine Pause ein. Täuscht der Eindruck, oder hat er sie sehr dringend nötig?

Prock: Die Vierschanzentournee, die er unbedingt gewinnen wollte und gewonnen hat, und das Skifliegen am Kulm, die Geschichte mit dem gerissenen Reißverschluss - das war mental schon alles sehr anstrengend.

Standard: Wie schmal ist der Grat zur mentalen Überbelastung?

Prock: Solange du Erfolg hast, ist er breit genug. Aber das Schwert ist zweischneidig. Erfolg ist eine tolle Sache, und jeder Sportler hat das Ziel, ein Idol zu werden, Nummer eins zu sein. Auf der anderen Seite bringt der Erfolg enorm viel Rummel mit sich, das ist das zusätzliche Paket, das man bewältigen muss, soll und darf.

Standard: Schlierenzauer, seit kurzem 22, hat fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Ihre 16-jährige Tochter Nina rodelte bei den Olympischen Jugendspielen auf Rang vier. Werden Sportler schneller erwachsen?

Prock: Wohl. Sie müssen schneller erwachsen werden als andere. Ich weiß noch, wie wir überlegt haben, ob wir den Gregor mit 15 Jahren allein nach Oslo fliegen lassen können, weil er einmal umsteigen musste. Und auf einmal gibt er Interviews auf Englisch, du stehst daneben und merkst, wie er sich entwickelt hat. Natürlich spielt Druck eine Rolle. Der vierte Platz von Nina bei den Jugendspielen war toll. Aber eine halbe Stunde nach dem Rennen ist sie zu mir gekommen und hat gesagt: Papa, ich bin so froh, dass alles vorbei ist.

Standard: Verzichten junge Spitzensportler nicht auf einen wichtigen Teil ihrer Entwicklung, ihrer Jugend? Bleibt nicht zu früh jede Unbeschwertheit auf der Strecke?

Prock: Der Gregor hat mit 16 schon gewonnen. Ausgehen und Gasgeben hat sich kaum abgespielt. Stams bedeutet Schule, Training, Schule, Training, Schule, Training. Bis vier Uhr früh weggehen, das gab es nie. Aber auch ohne den Sport tät der Gregor nicht abfeiern bis in die Früh. Der ist kein Partytiger, der weiß immer, wo vorne und hinten ist.

Standard: Dafür verdient er gutes Geld.

Prock: Und er hat sein Hobby zu seinem Beruf gemacht. Er kann reisen, er kommt herum. Mit dem Privatflugzeug von Red Bull zu einem Wettkampf fliegen - wer kann das sonst? Junge Spitzensportler sehen sehr viel von der Welt, während andere Jugendliche mit ihren Eltern auf Urlaub fahren und mit 18 vielleicht zum ersten Mal mit der Freundin.

Standard: Oft heißt es, der Sport sei eine gute, wenn nicht gar die beste Lebensschule. Worin besteht diese Schule?

Prock: Im Leistungssport zählt nur der Erfolg, und du musst zu hundert Prozent dein Ziel verfolgen. Das ist anders als in der Schule, dort musst du nur durchkommen, aber du musst nicht Erster, Zweiter oder Dritter werden. Im Leistungssport lernst du vor allem auch das Verlieren.

Standard: Welche Werte kann der Spitzensport einem jungen Menschen vermitteln?

Prock: Zielstrebigkeit und Konsequenz. Talent haben viele, Ehrgeiz auch, aber wirklich besessen sind nur wenige. Bei einem Skispringen will jeder gewinnen, der oben auf dem Balken sitzt. Aber am 22. Juni, wenn Party ist, gibt es wenige, die daran denken, dass sie im Winter wieder oben auf dem Balken sitzen werden. Ich hab ja nichts gegen ein kleines Bier, aber nach dem zweiten muss Schluss sein.

Standard: Und diese unbedingte Fokussierung auf ein Ziel ist auch im späteren Leben unabdingbar?

Prock: Grundsätzlich kommen die Beißer weiter als andere, auch in der Wirtschaft, in vielen Bereichen. Der Druck, das ganze Theater im positiven Sinn, das kann in jedem Beruf so sein. Veranstaltungen wie die Jugendspiele sind sicher eine Schule fürs weitere Leben. Da haben sie gesehen, was los ist. Und dass es zur Sache geht, wenn man etwas erreichen will.

Standard: Wird da nicht automatisch zu viel Druck aufgebaut?

Prock: Druck zu verspüren ist prinzipiell positiv. Aber natürlich muss man die Kirche im Dorf lassen. Man muss jungen Sportlern auch sagen, dass keine Welt zusammenbricht, wenn sie Fehler machen, wenn sie nicht gewinnen, oder wenn sie sich vielleicht gar nicht qualifiziert haben.

Standard: Viele junge Sportler dreschen Phrasen. Verbände und Vereine organisieren Medienschulungen, die gab's auch für Teilnehmer der Jugendspiele. Wo bleibt da die Authentizität?

Prock: So schlimm ist es ja nicht mit den Medienschulungen. Da kriegen sie eher generell zu hören, dass sie beispielsweise laut und deutlich sprechen sollen. Oder dass sie bei einer politischen Frage vielleicht eher ausweichen sollen. Der Gregor hat sich immer gut verkauft, und er hatte nie haufenweise Medienschulungen. Ich hab ihm gesagt, er soll es so halten, wie ich es immer gehalten habe. Im Interview ganz normal reden, wie mit einem Freund, aber halt die Kraftausdrücke weglassen.

Standard: Junge Sportler sind oft Teil eines Systems, eines Verbands, einer Organisation. Die meisten passen sich an, wenige ecken an.

Prock: Das ist wie in einer Firma, da musst du auch schauen, dass du mit dem Chef auskommst, sonst hast du's schwer. Ich sag dem Gregor immer, er kann schon was anleiern, wenn ihm etwas nicht passt. Aber das darf nicht zu viel Energie kosten, die fehlt einem sonst im Wettkampf.

Standard: Inwieweit kann das Wissen, bereits ausgesorgt zu haben, einen 22-Jährigen verändern?

Prock: Solange er Sport betreibt, ist Geld kein Thema. Aber es ist gut, dass Sportler mehr verdienen als früher. Sonst stehen alle mit 35, wenn sie aufhören, bei null da. In dem Alter haben Nicht-Sportler schon 15 Jahre an ihrer Karriere gebastelt. Echt ausgesorgt haben ja nur wenige - zehn Skifahrer, drei Skispringer, einige Fußballer.

Standard: Im Rodeln wird kaum jemand reich werden.

Prock: Ich hatte nicht ausgesorgt, aber eine Basis, um mir etwas aufzubauen. Ich habe gut verdient, besser als alle Rodler vor mir, besser als alle danach. Am wichtigsten für junge Sportler ist sowieso die schulische Ausbildung. Als er mit 16 und 17 Jahren schon Supersaisonen hatte, hat Gregor gefragt, wieso er zur Schule gehen muss. Ich hab gesagt, was wir anfangen, ziehen wir durch. Es kann immer etwas passieren. Eine schwere Verletzung - und plötzlich sieht alles ganz anders aus.(Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)

Markus Prock (47) war Rennrodler, zehnmal Weltcupsieger, fünfmal Weltmeister, zweimal Olympiazweiter. Rücktritt 2002. Gelernter Bankkaufmann, Sportdirektor im Rodelverband. Betreibt seit 1997 in Innsbruck eine Sportagentur, die u. a. Gregor Schlierenzauer und Mario Stecher betreut.

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ja eh ...

... ist eh auch eine tolle Lebensschule dieser Leistungssport ... je nach Wetterlage halt - beim nächsten Freitod schauen wir wieder kurz von Norden drauf ...

was ich aber bis zum Ende des Artikels nicht herausfand - wofür das Ganze? ja, sie werden schneller erwachsen, können Druck besser kompensieren, gewöhnen sich daran, die Besten sein zu wollen ... wofür?! was ist das Ziel des Ganzen?

Zudem muss ich sagen, den Herrn Prock hab ich als denjenigen in Erinnerung, der immer gewann, wenn der Druck nicht so ganz groß war und als dann die Kameras angingen, fuhr ihm ein nicht ganz so verbissen wirkender Bayer verlässlich und relaxed grinsend um die Ohren ... daher, Interview mit dem Hackl Schorsch bzgl Lebensschule Leistungssport bitte ...

Hand

na der wird halt eine starke rechte Hand haben, wenn er nicht ausgeht, ausser er ist Linkshänder.

"Verzichten junge Spitzensportler nicht auf einen wichtigen Teil ihrer Entwicklung, ihrer Jugend?"

Hä, wie kommt der Schreiberling darauf?

Glaubt der, dass die 24h am Tag trainieren?

Jugend verzichten...

Das verstehe ich nicht ganz. Gut, er darf nicht jeden Tag weggehen und sich wegschütten, aber mit Maß und Ziel - wo ist das Problem? Der wird schon mal weggehen.

tut er auch bestimmt. ;)
man kann ja, auch wenn sich hier viele das nicht so vorstellen wollen oder können, ohne (bzw. mit wenig) alkohol feiern gehen. soll ja dabei nicht nur um das saufen gehen...

Deswegen verstehe ich es ja nicht.

"Ausgehen und Gasgeben hat sich kaum abgespielt"

der goldi, unser schneehaserl, hat das anders gesehen :-)

In so einem Goldnaserl hat ja auch leicht ein ganzer Idiotenhügel Platz.

Viele junge Sportler dreschen Phrasen. Wo bleibt da die Authentizität?

Sie werden halt von den gleichen Medienprofis trainiert wie die Fragesteller.

In der Jugend die Sau rauslassen und mit 40 pumberlgsund sein

Welcher Leistungssportler ist das ? Nach der Karriere nicht mehr gehen können ist wahrlich erstrebenswert

"Verzichten junge Spitzensportler nicht auf einen wichtigen Teil ihrer Entwicklung, ihrer Jugend?"

Diese abgedroschene Frage gefällt mir immer am besten.

Ja, ich muß sagen: meine Jugend möcht ich net hergeben. Blöd reinsaufen, mit dem tiefergelegten Boliden nächtens übers Land gerauscht von einem Discostadl zum anderen: davon zehr ich noch immer.

Und mit viel Glück hab ich's überlebt.

Erfahrungen, die viele Spitzensportler - leider! - missen müssen.

ausserdem: bücher, gute filme, lange gespräche mit freunden über gott und die welt die ganze nacht hindurch, andere hobbies & interessen wie musik/musizieren, gutes essen/trinken, nachtwanderungen, ....

und das mit dem reisen ist so eine sache - wenn man nur den flughafen und die schanze gesehen hat, kann man wohl kaum behaupten, in norwegen gewesen zu sein. somit kann man reisen und andere länder/kulturen kennenlernen sehr wohl auf die liste der versäumnisse setzen... ein echter urlaub (auch mit eltern) ist wohl über die erfahrungen eines businesstrips zu stellen.

es gibt eine menge, was sie versäumen. auf der einen seite bewundernswert die fokussierung auf ein bestimmtes ziel, aber für mich wäre es als lebenskonzept viel zu einseitig

ich verrat ihnen mal was: filme, bücher, hobbies und so stehen nicht im gegensatz zu spitzensport

es geht nicht einmal um drogenkonsum.

es geht nur um den übermäßigen drogenkonsum. wenn man den nicht erlebt hat (und ich gehöre bei gott nicht zu den menschen, die ihn verpasst hätten) kann man dennoch gut und erfüllt leben.

fragens mal den goldi, unser schneehaserl ;-)

"bücher, gute filme, lange gespräche mit freunden über gott und die welt die ganze nacht hindurch, andere hobbies & interessen wie musik/musizieren, gutes essen/trinken, nachtwanderungen"

ich denke das alles hat der herr schlierenzauer auch schon gemacht. ;)
hat sogar mal klavier gespielt, wenn ich mich nicht täusche.
aufs sinnlose saufen kann er wohl gut verzichten. wüsste nicht, dass das fürs weitere leben von vorteil ist.
außerdem sieht man ja was mit jenen talente passiert, die nicht so fokussiert sind wie beispielsweise schlierenzauer. innauer, pauli, thurnbichler und vielen anderen wurde annähernd das gleiche potential vorausgesagt, nur haben sie es nicht geschafft sich vollständig auf eine karriere im sport zu konzentrieren.

da stimme ich ihnen zu, auch für mich wäre es nichts. aber genau deswegen bewundere ich gerade so junge sportler wie schlierenzauer, die ihrem angestrebten ziel alles unterordnen.

sich in diese lage hineinzuversetzen fällt mir schwer. ob und was er versäumt kann man als aussenstehender wohl schwer beurteilen.

sicherlich schliesst nicht immer das eine das andere aus.

aber vorallem bei unseren skispringern dürfte da von seiten der betreuer, des trainerstabs und auch dem privaten umfeld her-vorallem wie man an prock sieht-sehr darauf geachtet werden, dass da nichts aus dem ruder gerät.

und das ist gut so, denn wie schnell sich das in die andere richtung entwickeln kann, hat ja schon oft genug, gerade auch im skisprungzirkus gesehen.

Ich hab ja nichts gegen ein kleines Bier, aber nach dem zweiten muss Schluss sein.

Naja im Winter ok...aber im Sommer !?! weiß nicht. Hoffentlich geht der Gregor nicht mit dem Markus (Prock) aus, sondern mit seinen Kollegen. Immerhin hat auch der Gregor nur ein Leben und das soll er auch genießen können/dürfen.

auch wenn es für einen typischen Österreicher kaum begreiflich scheint:

Genuß ist nicht gleich Alkohol.

Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Allerdings wollte ich damit sagen, dass er sich selbst aussuchen sollte können, was er will und was nicht! Also einfach die Freiheit haben selbst zu entscheiden. Darum ging es mir eigentlich, ist aber zugegebenermaßen nicht gleich ersichtlich. Das Beispiel "Bier" kommt ja nur daher, dass es im Interview erwähnt wird.

ich bin mir recht sicher, dass er es sich selber ausgesucht hat einer der besten schispringer aller zeiten zu werden

gezwungen wird ihn keiner haben.

wahrscheinlich ist er einfach klug genug zu wissen, dass er noch alles andere machen kann, wenn er sich mit 30 zur ruhe setzt und ausgesorgt hat ;-)

das hat sich der matti auch gedacht ,)

Also mir ist der Unterschied zu "normalen" verantwortungsbewussten Berufen da nicht klar. Wenn ich Busfahrer oder LKW-Fahrer bin dann spielt's das auch nicht mit am Abend saufen gehn. Da haben Sie auch nicht die Freiheit zu entscheiden, da muss Ihnen ebenfalls klar sein was wichtiger ist.

ich kann ihnen den unterschied gern erklären

erstens geht es beim spitzensport - sie werden überrascht sein - nicht nur darum aufs saufen zu verzichten.
sondern darum pünktlich ins bett zu müssen, eiserne diät zu halten und je nach trainings/wettkampfphase KEINEN alkohol zu trinken.
nicht sich nicht zu betrinken, wie es ein busfahrer vielleicht nicht machen kann, wenn er in der früh dienst hat, sondern GAR NIX zu trinken.

wie wärs wenn er diese Philosophie bestimmten Fussballern erklärt bzw. weitergibt....

irgendwie ein komisches interview. bzw. komische antworten. hört sich so an als müsse er sich die ganze zeit verteidigen.
schlierenzauer selbst ist mir lieber, als der herr prock. und gibt irgendwie auch die "intelligenteren" antworten.

finde ihn sehr natürlich und bodenständig

ich denke, diese einstellung hat schlierenzauer als sehr erfolgreichem jungen spieler sicher geholfen.

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