Auch ohne die 90.000 Soldaten, die nun abgebaut werden sollen, verfügt das US-Militär noch immer über eine imposante Truppenstärke von 1,5 Millionen Mann
Leon Panetta sprach von einem strategischen Wendepunkt, als er in Washington Sparpläne und Neuausrichtung der US-Streitkräfte vorstellte. Der Verteidigungsminister mag dabei künftige Bedrohungsszenarien und vor allem den aufstrebenden Rivalen China im Blick gehabt haben. Die Zeiten aber wenden sich auch anderswo. In Europa geht mit dem Teilabzug tausender GIs eine Ära zu Ende, der alte Kontinent liegt endgültig nicht mehr im sicherheitspolitischen Fokus Washingtons.
Im Umkehrschluss sollte man annehmen dürfen, dass sich Europa militärisch selber helfen könne. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Wehretats schrumpfen hierorts noch mehr als in Übersee. Europäische Armeen wären ohne die Amerikaner nicht in der Lage gewesen, relativ simple Operationen wie die Libyen-Intervention alleine auszuführen. Und die Nato ist - sieht man auf die Budget-Anteile: 75 Prozent USA, 25 Prozent Europäer - ohnehin beinahe nur noch eine rein amerikanische Veranstaltung.
Das alles illustriert, wie stark die US-Streitkräfte im Verhältnis bleiben werden - selbst wenn der "militärisch-industrielle Komplex" (Präsident und Ex-General Dwight D. Eisenhower) ein wenig zurückgestutzt wird. Auch ohne die 90.000 Soldaten, die nun abgebaut werden sollen, verfügt das US-Militär noch immer über eine imposante Truppenstärke von 1,5 Millionen Mann. Washington ist allen potenziellen Gegnern zu Wasser, zu Land, in der Luft und im Weltall haushoch überlegen. Und es arbeitet hart daran, auch im Cyberspace dominante Macht zu werden.
Daran ändern auch Rüstungsbemühungen und ein gelegentliches Säbelrasseln in China nichts. Peking gibt (offiziell) etwa fünfmal weniger Geld für seine Volksarmee aus als die USA für ihr Militär. Regelmäßige "war games" im Pentagon ergeben, dass die chinesische Kriegsmarine im Konfliktfall mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit gar nicht aus den Häfen käme, ohne versenkt zu werden. In den meisten Waffengattungen hat China Jahrzehnte Entwicklungsrückstand, allein Pekings Cyberkrieger sind auf dem letzten Stand der Technik.
Die US-Armee kann also durchaus einige Kürzungen hinnehmen, schlanker, effektiver und auf kleinere Operationen statt auf große Kriege ausgerichtet werden. Ironischerweise führt Barack Obamas Regierung nun das aus, wovon Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der größte Aufrüster der letzten Dekade, immer geträumt hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2012)