Der Komplex schrumpft

Kommentar | Christoph Prantner, 27. Jänner 2012, 18:13

Auch ohne die 90.000 Soldaten, die nun abgebaut werden sollen, verfügt das US-Militär noch immer über eine imposante Truppenstärke von 1,5 Millionen Mann

Leon Panetta sprach von einem strategischen Wendepunkt, als er in Washington Sparpläne und Neuausrichtung der US-Streitkräfte vorstellte. Der Verteidigungsminister mag dabei künftige Bedrohungsszenarien und vor allem den aufstrebenden Rivalen China im Blick gehabt haben. Die Zeiten aber wenden sich auch anderswo. In Europa geht mit dem Teilabzug tausender GIs eine Ära zu Ende, der alte Kontinent liegt endgültig nicht mehr im sicherheitspolitischen Fokus Washingtons.

Im Umkehrschluss sollte man annehmen dürfen, dass sich Europa militärisch selber helfen könne. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Wehretats schrumpfen hierorts noch mehr als in Übersee. Europäische Armeen wären ohne die Amerikaner nicht in der Lage gewesen, relativ simple Operationen wie die Libyen-Intervention alleine auszuführen. Und die Nato ist - sieht man auf die Budget-Anteile: 75 Prozent USA, 25 Prozent Europäer - ohnehin beinahe nur noch eine rein amerikanische Veranstaltung.

Das alles illustriert, wie stark die US-Streitkräfte im Verhältnis bleiben werden - selbst wenn der "militärisch-industrielle Komplex" (Präsident und Ex-General Dwight D. Eisenhower) ein wenig zurückgestutzt wird. Auch ohne die 90.000 Soldaten, die nun abgebaut werden sollen, verfügt das US-Militär noch immer über eine imposante Truppenstärke von 1,5 Millionen Mann. Washington ist allen potenziellen Gegnern zu Wasser, zu Land, in der Luft und im Weltall haushoch überlegen. Und es arbeitet hart daran, auch im Cyberspace dominante Macht zu werden.

Daran ändern auch Rüstungsbemühungen und ein gelegentliches Säbelrasseln in China nichts. Peking gibt (offiziell) etwa fünfmal weniger Geld für seine Volksarmee aus als die USA für ihr Militär. Regelmäßige "war games" im Pentagon ergeben, dass die chinesische Kriegsmarine im Konfliktfall mit einer 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit gar nicht aus den Häfen käme, ohne versenkt zu werden. In den meisten Waffengattungen hat China Jahrzehnte Entwicklungsrückstand, allein Pekings Cyberkrieger sind auf dem letzten Stand der Technik.

Die US-Armee kann also durchaus einige Kürzungen hinnehmen, schlanker, effektiver und auf kleinere Operationen statt auf große Kriege ausgerichtet werden. Ironischerweise führt Barack Obamas Regierung nun das aus, wovon Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der größte Aufrüster der letzten Dekade, immer geträumt hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2012)

"Verteidigungsminister"

Könnt ihr nicht endlich mal diesen Euphemismus unterlassen und die Dinge beim Namen nennen? Wann mussten sich die USA denn zuletzt "verteidigen"?

Verteidigungsminister=Kriegsminister
Demokratisierung=Versuch das Land zu uebernehmen
Flugverbotszone=Staedte flach bomben
Sparpaket=Neue Steuern
Einnahmeseitiges Sparen (kein Witz)=neue Steuern
frieden foerdernde Massnahmen=Waffenlieferungen

Ich sehe zunehmend dass Sachen die fuer meine Generation (Bj71) ein Skandal ist fuer die Jungen schon recht normal ist.
2050-2100 ist der Umstieg auf Neusprech gelungen.

Wobei "Einnahmeseitiges Sparen"...

mein haushoher Favorit ist, obwohl es sich dabei sicher nicht um "Neusprech" handelt. Dafür wäre ja eine Täuschungsabsicht und dieser zugrundeliegend ein gewisser Durchblick Voraussetzung...

Wer hat übrigens das "wahre" Urheberrecht an dieser Wortschöpfung - der BP oder doch der BK, der m.W. etwas früher dran war?.

Da haben Sie natuerlich recht. Es kann keine Absicht sein, weil der Durchblick fehlt.

Andererseits kommt der Ausdruck wahrscheinlich von einem PR Berater im Hintergrund, der sich schon absichtlich ein anderes Wort fuer "neue Steuern" ausgedacht hat.

Namen vergeben bekanntlich die Eltern bzw. kann man seinen eigenen ändern lassen. Und auch, wenn anderen der Name nicht passend erscheint, ist er trotzdem der richtige.

Da fällt mir noch das 'Negativwachstum' der Wirtschaft ein...

Früher hießen die Kriegsminister. Das wäre m. E. heute auch noch die korrektere Bezeichnung.

na gegen den völlig unprovozierten Angriff der Japaner. Oder gegen Deutschland, das 1917 mit der mexikanischen 3.Welt-Armee vom Rio Grande bis New York alles aufgerollt hätte

Sie werden lachen, aber Noriega hatte ähnliches vor. Behauptete zumindest die US-Propaganda, um den Überfall auf Panama zu rechtfertigen.

Wehrkraftzersetzung?-nur im Frieden; Pazifismus?-nur in Uniform

Die Umverlagerung wirkungsvoller aggressiver und unkonventioneller Handlungen in die Geheimdienste wird nach den Wahlen mit Formulierungen wie "...dieses haben alle Realisten vorweg gewusst..." auf publikumswirksamen Wegen nachinformiert; weniger wohl ob die betreffenden Dienste und JointCommittees ihrerseits andere Geldquellen als öffentliche Mittel aufgetan und sich auch dem ungeschriebenen Selbstverständnis nach der öffentlichen Hand gegenüber nur noch zurückgenommen verantwortlich sehen, was ihre ohnehin jeweils "fait accompli"- und andere, pflichtgemäß verdeckten Aktionen angeht.
Aber wozu sich rumärgern und herumbloggen, solange Fehlhandlungen eher kleinerer Eliten und Experten (NEU: Gigatote!) mit eher minderen Mitteln
tiefer greifen

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