"Little Joe" soll das Erbe der Kennedys fortführen

2011 war das erste Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem niemand aus dem Kennedy-Clan im US-Kongress saß

Bei den Wahlen im November soll sich das ändern. Ein Enkel Robert Kennedys will antreten.

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Es war, als hätte sich der Clan zurückgemeldet in der ersten Liga. Als hätte Amerikas berühmteste Familie nach kurzer, aber deprimierender Durststrecke wieder einen Erben zu bieten, der an alte Größe anzuknüpfen versprach. Leidenschaftlich warnte Joseph P. Kennedy III vor den Folgen hassgetränkter Rhetorik, die politische Gegner zu Feinden erklärt. Nahm rechte Radiokommentatoren ins Gebet, weil sie Barack Obama mit Schaum vor dem Mund zum Landesverräter stempelten. Und distanzierte sich von linken Demonstranten, die "Tod für Cheney" skandierten. "Das ist nicht, wofür Präsident Kennedy stand, was Martin Luther King oder Robert Kennedy symbolisierten."

Mit irisch rotem Haar stand der 30-Jährige im Bundesstaatenparlament von Massachusetts, hielt ein Plädoyer auf einen sachlichen Diskurs anstelle billiger Sprüche und wurde mit stehenden Ovationen belohnt. "Wir haben einen neuen Kennedy" , schwärmte Therese Murray, die Senatspräsidentin. Damals, vor ziemlich genau einem Jahr, beantwortete Little Joe, wie sie ihn trotz seines Gardemaßes nennen, Fragen nach Karrierezielen noch mit üblichen Floskeln. Sein Job bei der Staatsanwaltschaft mache ihm Spaß, weshalb er sich voll darauf konzentriere. Zwölf Monate später will er für den Kongress kandidieren.

Die Chancen für den kleinen Joe stehen nicht schlecht im seinem Wahlbezirk in Boston. Unter den Bildungsbürgern des Speckgürtelmilieus gibt traditionell die Demokratische Partei den Ton an: Beim Präsidentenvotum erhielt Obama 63 Prozent der Stimmen. Was freilich nicht heißt, dass ein Kennedy schon als Sieger feststeht, sobald er auch nur an den Start geht.

Camelots Schein verblasst

"Kennedy-Müdigkeit ist mittlerweile eine chronische Krankheit in Massachusetts" , glaubt Patrick Tracey, ein Bostoner Schriftsteller. "Sich im verblassenden Schein Camelots zu sonnen ist vielleicht nicht das beste Rezept, wenn man gewählt werden will." Camelot, der sagenumwobene Hof des Mythenkönigs Artus; die Chiffre für John F. Kennedy, den 1963 ermordeten Hoffnungsträger, dessen Amtszeit von romantischen Zeitgenossen verherrlicht wird, als wäre das Washington Kennedys das neue Märchenreich gewesen. Was ist noch übrig vom alten Camelot-Zauber? Erst vor zwei Jahren gelang Scott Brown, einem gemäßigten Konservativen, eine faustdicke Überraschung, als er einen Senatssitz gewann, den 47 Jahre lang Edward "Ted" Kennedy innehatte, der jüngste, im August 2009 verstorbene Bruder von JFK.

Allein wegen der Vorgeschichte wird Little Joe im Mittelpunkt stehen. Natürlich auch, weil sein Großvater Robert F. Kennedy heißt, früher Justizminister war und heute mindestens genauso verklärt wird wie sein präsidialer Bruder. Mit RFK, der sich 1968 ums Oval Office bewarb und von einem Attentäter erschossen wurde, verband sich die Hoffnung auf ein rasches Ende des Vietnamkrieges. Bis heute genießt er bei vielen Amerikanern, vor allem, wenn sie nach links tendieren, fast so etwas wie Kultstatus. Ein Bonus für seinen Enkel, aber auch eine Bürde, eine enorme Erwartungshaltung.

Der Druck ist so groß wie die Schuhe, in die er schlüpfen soll. Fieberhaft sucht der legendäre Clan nach begabtem Nachwuchs, um ein Vakuum zu füllen. Seit Jänner 2011 ist er, erstmals seit 1947, im Parlament nicht vertreten. Little Joe soll es nun füllen. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2012)

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