Die Stadtpolitik kümmert sich nicht um den Kunstplatz Karlsplatz
Weder wird eine Entscheidung über das Wien-Museum gefällt, noch wird das Künstlerhaus bei der Sanierung unterstützt. Die Resignation wächst.
Wien - Am Karlsplatz reiht sich eine Kulturinstitution an die andere - wie
Perlen an einer Schnur, so die gern verwendete Meta- pher: Wien-Museum,
Musikverein, Künstlerhaus mit Brut und Kino, Project Space der Kunsthalle und
Secession. Hinzu kommen die Karlskirche, die Technische Universität und nicht
weit entfernt das Theater an der Wien, die Generali Foundation und die Akademie
der bildenden Künste.
Doch all diese Perlen wirft man vor die Säue, um im Bild zu bleiben: Der
Karlsplatz gilt als urbaner Unort. Vor nun 15 Jahren wurde auf Anregung des
Künstlers Gebhard Schatz der "Kunstplatz Karlsplatz" ins Leben gerufen. Es kam
in der Folge zu einer Vernetzung der Kultureinrichtungen: Auf
www.karlsplatz.org werden alle Aktivitäten gebündelt angekündigt. Auch
der Resselplatz wird mehr genutzt - beispielsweise für das Popfest und von den
Wiener Festwochen.
Doch zu einer Neuordnung des Platzes, der von sechsspurigen Stadtautobahnen
durchschnitten wird, kam es nicht: Man reduzierte bloß das Gebüsch (um das
Wien-Museum sichtbarer zu machen), pinselte einen Zebrastreifen auf und
verbesserte ein wenig die Beleuchtungssituation.
Ob der nach wie vor unbefriedigenden Situation organisierte das Künstlerhaus
eine Podiumsdiskussion, die am Donnerstag unter der Leitung von
Standard-Kulturressortleiterin Andrea Schurian stattfand. Um einen Gegenspieler
aus der Politik zu haben, lud man u. a. auch Kulturstadtrat Andreas
Mailath-Pokorny (SP) ein. Er ließ sich entschuldigen - mit der Begründung, dass
seine Anwesenheit im Gemeinderat vonnöten sei. Was den anwesenden Klaus
Werner-Lobo, Kultursprecher der Grünen, verwunderte, da die Gemeinderatssitzung
längst zu Ende war.
Die Diskutanten konnten mit ihrer Enttäuschung über die Stadtpolitik nicht
hinter dem Berg halten. Architekt András Palffy, kürzlich wiedergewählter
Präsident der Secession, zog über die Planung der 60er-Jahre her (oben der
Verkehr, in der Passage die Passanten) und forderte ein "großes Konzept" ein.
Auch Peter Melichar von www. kunstplatz.org sprach sich für eine
Neugestaltung aus - es gibt ja nicht einmal öffentliche Toilettenanlagen.
Zwei klaffende Wunden
Architekturkritiker Jan Tabor ätzte wortgewandt über die inhaltliche Stille:
Nur die Schnellstraße bringe noch Bewegung in den Platz. Auch Beppo Mauhart, der
als Präsident der Wirtschaftsinitiative Neues Künstlerhaus WINK Geld für die
Sanierung des ramponierten Gebäudes aufzutreiben versucht, meinte enttäuscht,
dass "in Wahrheit nichts passiert" sei mit dem Kunstplatz Karlsplatz: Noch immer
gäbe es die Wunden Wien-Museum und Künstlerhaus.
Manfred Nehrer, Expräsident des Künstlerhauses, hatte eine Antwort parat:
"Der Stadt ist es ein Dorn im Auge, dass die Immobilie einer Künstlervereinigung
gehört. So lange das so ist, wird es keine Unterstützung geben." Aus dem
Publikum kam die Meinung: "Die Stadt will uns aushungern." Diese Einschätzung
dürfte nicht unrichtig sein. Denn das Kulturamt gab auf Anfrage des Standard
bekannt: "Aus Sicht der Stadt liegt kein tragfähiges und finanzierbares Konzept
für die Sanierung des Künstlerhauses vor."
Zudem fällt die Stadt keine Entscheidung, ob das Wien-Museum einen Zubau oder
einen Neubau bekommen soll: Direktor Wolfgang Kos hielt bei der Diskussion
wieder ein flammendes Plädoyer für den Karlsplatz (ob der Sorge, dass der Neubau
beim Zentralbahnhof errichtet werden könnte).
Auf die Frage des Standard, wann mit einer Entscheidung von Mailath-Pokorny
gerechnet werden könne, blieb dessen Pressesprecherin vage: "Unsere Experten
arbeiten nach wie vor intensiv an der Prüfung der Standorte." Also kann immer
nur diskutiert werden. Und das ist für Pálffy Konzept: "So lange man diskutiert,
muss man nichts tun." (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)