Hoffnungsschimmer, made in USA

27. Jänner 2012, 18:05
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Ökonomen glauben angesichts des starken Konsums, dass sich die größte Volkswirtschaft den Problemen in Europa entziehen könnte

Die USA sind zuletzt mit 2,8 Prozent gewachsen. Ökonomen glauben angesichts des starken Konsums, dass sich die größte Volkswirtschaft den Problemen in Europa entziehen könnte.

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Washington/Wien - John Maynard Keynes, der wohl einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts, hat die Kapitalmärkte einmal mit einem Schönheitswettbewerb verglichen. Seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise und gerade im turbulenten Jahr 2011 ist es aber schwer, in den Industriestaaten "Schönes" zu finden. Die Schuldenlast als Folge der Finanzkrise droht das Wachstum zu ersticken, die Krise auf den europäischen Anleihenmärkten verschreckte Investoren weltweit. Doch seit einigen Monaten betört die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA, wieder Ökonomen und Anleger an den Börsen.

Als der Internationale Währungsfonds aufgrund der Risiken in Europa seine globale Wachstumsprognose für 2012 empfindlich kürzte, wurden nur die USA nicht vom Rotstift erwischt. Selbst der Dauerpessimist Paul Krugman, Ökonomie-Nobelpreisträger und stets Advokat einer aktiveren Wirtschaftspolitik, um das Wachstum zu stimulieren, sieht in den USA einen Heilungsprozess in Gang: "Es gibt Evidenz, dass die beiden großen Probleme für den Wirtschaftsabschwung - der Immobilienmarkt und die private Verschuldung - abgebaut werden." Auf dem Immobilienmarkt bilde sich ein Boden bei den Preisen, was die stark verschuldeten Konsumenten ebenfalls entlaste.

"Der jüngste Strom an verbesserten US-Indikatoren ist schwer zu ignorieren", betont Robin Bew, Chefökonom der Economist Intelligence Unit. An den Börsen haben die besseren Zahlen zur Auftragslage der Industrie und dem Arbeitsmarkt ein kleines Kursfeuerwerk ausgelöst. Der Dow Jones, der wichtigste Aktienindex, ist seit Oktober um 20 Prozent gestiegen. Am Freitag hat das Bureau of Economic Analysis (BEA) nun bekanntgegeben, dass die US-Wirtschaft mit 2,8 Prozent im vierten Quartal gewachsen ist, aufs Jahr hochgerechnet. Damit ist die US-Wirtschaft nach der ersten Schätzung des BEA so schnell gewachsen wie seit dem zweiten Quartal 2010 nicht mehr.

Besonders die Industrie macht dabei Hoffnung. Der französische Ökonom Patrick Artus von der Investmentbank Natixis ortet bereits eine Wiederauferstehung: "Der Aufbau neuer Fabriken in den USA ist wirklich beeindruckend." Artus begründet die Entwicklung mit den niedrigen Kosten, die zu Steigerungen bei den US-Weltmarktanteilen führten. Die Arbeitskosten pro Stunde machten mit 14 Euro die Hälfte des französischen oder österreichischen Niveaus aus.

Schulden als Bremse

Derzeit entwickelt sich die US-Wirtschaft aber immer noch schaumgebremst. 2011 expandierte das Wirtschaftsprodukt nur um 1,7, weit entfernt vom Potenzialwachstum, das Ökonomen für möglich halten. Das Wachstum im vierten Quartal wurde vom Aufbau der Lagerbestände getragen statt von Anlageinvestitionen und mehr Konsum. Paul Ashworth, US-Chefökonom von Capital Economics, erwartet daher, dass das "Wachstum 2012 wieder unter zwei Prozent" fallen dürfte. Der globale Abschwung werde die Exporte zurückhalten.

Doch die USA brauchen Wachstum, um die Aufräumarbeiten nach der Immobilienkrise 2008 fortzusetzen. "Die USA haben mehr Meilensteine passiert als andere Länder", loben zwar die Analysten von McKinsey den Prozess der Entschuldung. Die privaten Haushalte haben ihre Schulden bereits gedrückt, die Gesamtverschuldung ist um 16 Prozentpunkte gefallen (siehe Grafik).

Auf eine rasche Trendwende der Konjunktur erwarten aber auch die McKinsey-Analysten nicht. Denn historisch habe die Entschuldung nach Finanzkrisen um die zehn Jahre in Anspruch genommen. "Wir schätzen, dass die privaten Haushalte in den USA noch zwei Jahre an Schuldenabbau vor sich haben." (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.1.2012)

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    Die US-Wirtschaft lässt einen Testballon aufsteigen. Die größte Ökonomie ist mit 2,8 Prozent gewachsen, so rasch wie seit dem zweiten Quartal 2010 nicht mehr. Die Industrie gibt starke Lebenszeichen von sich, doch die Baustellen am Arbeitsmarkt und bei der Verschuldung dämpfen noch die Aussichten.

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