VBW-Chef Thomas Drozda sucht eine neue Leitung fürs Musical - Das Rennen sei offen - 2011 war ein gutes Jahr, doch nun muss man gegen "Cats" antreten
STANDARD: 33 Personen haben sich um die Leitung der beiden Musical-Bühnen
Ronacher und Raimundtheater beworben. Gerüchteweise ist der Intendant der
Stockerauer Festspiele, Alfons Haider, fix.
Drozda: Es ist nix fix. Es war das erste Mal, dass sich die VBW zu einem
solchen Ausschreibungsverfahren für eine Intendanz entschlossen haben - wiewohl
wir es aus rechtlichen Gründen gar nicht müssten. Wir suchen jemanden, der
qualifiziert ist. Prominenz ist für mich weder eine notwendige noch eine
hinreichende Bedingung. Ich kann Ihnen nur sagen: Wir hätten uns nicht für
diesen Weg entschieden, wenn das Ergebnis schon ausgemacht wäre.
STANDARD: Das Problem ist: Sie sind auch als Generaldirektor nicht der
oberste Chef. Die VBW gehören zur Wien Holding - und diese könnte mit der
Vizebürgermeisterin etwas ausmachen. Und Sie müssen das dann einfach hinnehmen.
Drozda: Natürlich wird man eine derartige Entscheidung mit den Eigentümern
besprechen. Aber bei den VBW bin ich der Chef. Das stelle ich ganz gelassen
fest. Ich trage als persönlich haftender Geschäftsführer die Verantwortung, dass
wir eine 70-prozentige Eigenleistung erbringen, dass wir 25 Millionen Euro pro
Jahr erlösen. Ich gehe also davon aus, dass meiner Einschätzung eine gewisse
Aufmerksamkeit geschenkt wird.
STANDARD: Kathrin Zechner, die zurück zum ORF ging, wurde bei ihrem
Abschied mit Lob überhäuft. Ist sie nicht mit ihrem Konzept eines urbanen
Musiktheaters gescheitert?
Drozda: Es war leider nicht finanzierbar. Mehrere Produktionen pro Jahr zu
spielen verursacht erheblich höhere Kosten. Gleichzeitig gibt es aufgrund der
Schließzeiten zwischen den Produktionen einen Einnahmenentgang. Wenn ich täglich
40.000 Euro einnehmen muss und am Wochenende 50.000 Euro pro Tag, dann verliere
ich in zwei Wochen eine halbe Million. Daher mussten wir wieder auf
Longrun-Produktionen in beiden Häusern umsteigen.
STANDARD: In beiden laufen seit Monaten Lizenzproduktionen von Stage. Ist
Wien nur mehr Abspielstation bereits erprobter Musicals?
Drozda: Sie vergessen: Lizenzen sind keine Einbahnstraße. In Stuttgart läuft
Rebecca, in Berlin Tanz der Vampire. Also: Wir haben zwei
Produktionen von Stage Entertainment - und Stage hat zwei Produktionen von uns.
STANDARD: Es macht aber einen Unterschied, ob je eine Produktion in Berlin
und Stuttgart läuft - oder ob zwei in Wien laufen.
Drozda: Das ist richtig, aber es wäre falsch, einen interessanten Stoff nicht
zu bringen, nur weil er von einem bestimmten Lizenzgeber kommt. Dass wir in dem
internationalen Lizenzvergabekonzert mitspielen: Das ist doch erfreulich! Und:
Die Wiener Version von Sister Act ist von der Qualität viel besser als
die Version in Hamburg.
STANDARD: "Sister Act" wurde und wird in mehreren Städten Europas gezeigt,
auch in Mailand. Wenn ich Ihnen die Fotos von allen Produktionen vorlege: Sie
könnten sie nicht voneinander unterscheiden.
Drozda: Das Kriterium ist ja nicht das Bühnenbild. Auch die Inszenierungen
werden sich nicht fundamental unterscheiden. Aber es geht um das Musikalische.
Und da ist unsere Produktion auf dem höchsten Niveau. Ich weiß nicht, ob wir
auch mit der Mailänder Version auf 97 Prozent Auslastung kommen würden nach
bereits 120 Vorstellungen. Und ich weiß nicht, ob wir uns mit der Mailänder
Version über die erstklassigen Kartenvorbestellungen für das erste Quartal
freuen könnten, das ja ein besonderes schwieriges ist, weil wir gegen
Cats antreten.
STANDARD: Die Veranstalter von "Cats" bauen ein großes Zelt auf - und
verdienen Geld.
Drozda: Aber diese Tourneeproduktion hat für den Tourismus in Wien keine
Relevanz. Und es gibt praktisch keine Umwegrentabilität. Wir hingegen bringen in
historischen Spielstätten, die natürlich ein geringeres Platzangebot haben,
Produktionen in höchster Qualität heraus. Man kommt wegen uns nach Wien.
STANDARD: Dann sollten Sie die Subvention doch bitte aus dem Tourismustopf
bekommen.
Drozda: Ich bin sofort dafür! Ich habe mehrfach vorgeschlagen: Finanziert die
Oper im Theater an der Wien und das Orchester aus dem Kulturbudget - und das
Musical über die Wirtschaftsförderung. Auch deshalb, weil 1,2 Millionen Menschen
im Ausland Elisabeth gesehen haben. Und Elisabeth verbindet man
mit Wien.
STANDARD: Stichwort Oper: Intendant Roland Geyer geht nun doch nicht nach
Bregenz. Gut so?
Drozda: Sehr gut. Mein Vertrag läuft bis 2018. Ich werde mich dafür
einsetzen, dass auch sein Vertrag bis 2018 verlängert wird.
STANDARD: 2010 war für Sie ein Jubeljahr. Wie war 2011?
Drozda: Gut, wir hatten eine Gesamtauslastung von 90,3 Prozent. Aber das
Jubeln hab' ich mir abgewöhnt. Denn es ruft nur die Neider auf den Plan und
führt zu weiteren Subventionskürzungen. Das will ich mir ersparen. (Thomas Trenkler, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)
Thomas Drozda (46) ist seit 2008 Chef der VBW. Davor war er zehn Jahre lang
Geschäftsführer des Burgtheaters.