Wenn die Leck-mich-Lawine abgeht

Kolumne3. Februar 2012, 12:30
80 Postings

Ein weit verbreiteter Gedanke

Vor kurzem erwischte mich ein Polizist, wie ich in der Nacht ohne Licht mit dem Fahrrad auf dem Trottoir gegen die Einbahn fuhr. Der Polizist war sehr unfreundlich, und obwohl ich ihm sogleich mit einer Mischung aus simulierter Zerknirschung und geheuchelter Unterwürfigkeit begegnete, blieb er das auch.

Ja, der Polizist war so unfreundlich, dass ich mich nicht beherrschen konnte und mir beim Bezahlen des Strafmandats ein kräftiges "Geh, leck mich doch!" dachte ("Wie der Schelm ist, so denkt er" ). Zum Glück bekam der Polizist das nicht mit, weil Gedanken ja frei sind. Kaum ein Polizist mag es, wenn man ihn das Lecken heißt, außer vielleicht ein paar extravagante Maso-Inspektoren im Burgenland oder im Waldviertel.

Nach der Amtshandlung kam ich ins Sinnieren über den Leck-mich-Satz. Der Leck-mich-Satz ist ein interessanter Satz. Interessant ist er, weil kein anderer Satz um so vieles häufiger gedacht als ausgesprochen wird. Meiner Schätzung nach kommen auf jedes gesagte "Leck mich" mindestens drei Dutzend gedachte "Leck mich" . Der Leck-mich-Gedanke ist quasi ein unausgesprochener Generalbass der menschlichen Kommunikation.

Häufig angewendet wird er im Umgang mit Vorarbeitern, Polizisten, sekkanten Chefs, quengelnden Kleinkindern, Haftrichtern, Magistratsbeamten und in der Politik. Bei den Sparpaket-Verhandlungen muss ein ÖVPler nur "ausgabenseitig" sagen, um sofort in jedem SP-Gehirn eine gedankliche Leck-mich-Lawine loszutreten, während ein SPÖler nur "Vermögenssteuer" sagen muss, um in jedem VP-Gehirn exakt dasselbe zu bewirken.

Auch durch die Literatur geistert der Leck-mich-Gedanke. Ödon von Horvath schildert in seinem Roman Der ewige Spießer folgende Szene: Zwei Herren, Alfons Kobler und Rudolf Schmitz, wollen in einem französischen Zugabteil eine (vermeintliche) Französin anbaggern, wobei Kobler aber dadurch gehandicapt ist, dass er, anders als Schmitz, kein Französisch spricht.

Die Dame verlässt kurz das Abteil. Zitat Ewiger Spießer: "'Eine Vollblutpariserin!', flüsterte Schmitz und tat sehr begeistert. 'Das kenn ich an den Bewegungen.' Geh, leck mich doch am Arsch!, dachte Kobler verstimmt." Ich finde: Schöner kann man die untergründige Psychodynamik zwischen zwei Männern in einer sexuellen Konkurrenzsituation nicht beschreiben. (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)

Share if you care.