Technische Uni im Porträt

Strahlende Werke und hohe Werte

27. Jänner 2012, 18:20
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    Ja, die (Werkstoff-)Wissenschaft fehlt Sabine Seidler, "aber sie ist auch der Grund, warum ich hier bin" - seit 2011 als Rektorin.

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    Wasser, 83 Brennstäbe mit Uran rund um das "ZBR".

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    Das zentrale Bestrahlungsrohr: der Kernreaktor der TU Wien.

Schnee und Stahl, Keramik und Kernkraft, PET und Pisa: die Technische Uni Wien im Porträt

Wien - Andere bringen aus dem Urlaub irgendwelchen Nippes oder lokalkoloriertes Zeugs mit nach Hause, Georg Steinhauser packt Schnee ein. Georg Steinhauser ist aber auch kein gewöhnlicher Tourist, sondern Wissenschafter. Und ein Wissenschafter ist ein Wissenschafter ist ein Wissenschafter. Auch im Urlaub.

Damit verkörpert der Radiochemiker das Selbstverständnis seiner Uni. Er forscht und lehrt an der Technischen Universität (TU) Wien, am Atominstitut. Und die TU versteht sich sehr bewusst und offensiv als "Forschungsuniversität" sagt Rektorin Sabine Seidler beim "Hausbesuch" des Standard: "Forschung ist ein wichtiges Gut für diese Universität."

Die Sache mit dem Schnee war die: Der junge Forscher verbrachte den Jahreswechsel 2007/2008 in Saalbach. Im Gepäck eine These. Das schöne Feuerwerk kann sich nicht komplett in Luft auflösen. Der schöne Schein sollte entzaubert werden. Gesagt, getan. Schnee analysieren auf Schwermetallbelastung durch das Silvesterfeuerwerk. Zum Vergleich: Der Schnee in der Wiener City, auf die zu Silvester viele Tausend gezündete Euro rieseln. Das Ergebnis: Massive Barium-Belastung. Barium ist giftig, ein Herzgift, bronchienverengend. Aus der medizinischen Forschung ist bekannt, dass es in der Nacht auf Neujahr einen signifikanten Zuwachs an Asthmafällen gibt.

Und dafür braucht man ein Atominstitut? Ja, unter anderem. Der Silvester-Fallout musste in einer Glasphiole hinunter in das fünfeinhalb Meter tiefe, türkis schimmernde Wasserbecken des Reaktors zur Bestrahlung.

Österreich hat sich zwar 1978 gegen das Atomkraftwerk in Zwentendorf entschieden, ein anderer Kernreaktor war da aber schon 16 Jahre in Betrieb - und ist es bis heute: jener im Atominstitut der TU im zweiten Bezirk Wiens. Mit 220 Aktivtagen "einer der meistgenützten Forschungsreaktoren in Europa", sagt Steinhauser, und mit einem "sehr geringen Uran-Verbrauch", etwa 10 Gramm pro Jahr, macht 250 Kilowatt Energie, entspricht der Leistung eines Autos.

Der geringe Uran-Verbrauch ist ablesbar an nummerierten Scheiben, die in der Reaktorhalle an der Wand hängen. Die meisten der 83 Brennelemente arbeiten seit 7. März 1962, als der Reaktor in Betrieb ging. Es sind die mit einem Zweier vorn. (Fotos oben). Die Neutronenquelle ist quasi der Motor für die Arbeit am Atominstitut, wo Physiker und Chemiker Grundlagenforschung betreiben.

Manchmal tauchen sie auch in TV-Studios und Zeitungen auf, um Katastrophen wie jene nach dem Tsunami in Fukushima zu erklären. Unaufgeregt, wissenschaftlich fundiert und hart im Nehmen, was aggressive E-Mails von Anti-Atom-Aktivisten anlangt. Aber auch diese offene Kommunikation mit der Öffentlichkeit gehöre zu den Aufgaben einer Uni, sagt Rektorin Seidler.

Forschung an der TU ist in vielen Fällen disziplinüberschreitend. Der Physiker Johannes H. Sterba etwa arbeitet mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Bereich Archäometrie zusammen. Er wendet naturwissenschaftliche Methoden auf Probleme der Archäologie an, zum Beispiel Herkunftsbestimmungen von Keramiken.

Die Rektorin, selbst eine Werkstoffwissenschafterin, pocht auf exzellente Forschung bzw. Forscher/-innen als attraktives Anziehungsmittel für Studierende. Und es funktioniert. Denn die TU Wien verzeichnet im Wintersemester 2011/12 von allen Unis das größte Plus bei der Gesamtstudierendenzahl. Mit plus acht Prozent seien "die Kapazitätsgrenzen in allen Studienrichtungen erreicht", sagt Seidler. Architektur ist zu 100 Prozent überbucht. Maximal 500 Studierende könnte die TU "in guter Qualität ausbilden", 1000 sind gekommen und müssen aufgenommen werden (auswählen dürfen nur die Angewandte und die Akademie der bildenden Künste). 4655 Studienanfänger erhöhten die Gesamtzahl auf 27.432. Der Frauenanteil beträgt 26,4 Prozent. Die Studentinnen sind aber auf dem Vormarsch, 32 Prozent der Anfänger waren weiblich.

In der Professorenschaft dauert das noch. 131 Männer stehen 12 Frauen gegenüber. Insgesamt hat TU-Wien-Chefin Seidler 4793 Mitarbeiter und muss ein 300-Millionen-Euro-Budget verwalten.

Ja, die Professorenzahl, hört man Rektorin Sabine Seidler seufzen. Dann erzählt die gebürtige Deutsche von ihrem Amtskollegen an der Technischen Hochschule Aachen, der auch so viele Studierende wie die Wiener TU-Chefin hat, aber dreimal so viele Professoren, nämlich 450.

Über das Budget will Seidler mit ihm lieber gleich gar nicht reden. Ihre Antwort auf die Frage nach der Zukunft der TU Wien lautet denn auch sarkastisch-lachend: "Überleben!" Als etablierte Forschungsuniversität.

Überleben und dann feiern. In drei Jahren wird die TU Wien 200 Jahre. 1815 wurde das "k. k. polytechnische Institut in Wien" gegründet. Drei Professoren unterrichteten damals 47 Studierende. Die Habsburgermonarchie wollte mit der Technikerschmiede in Wien an das industriell führende England anschließen.

Stahl und PET-Flaschen

Heute werden 60 Prozent des weltweit erzeugten Stahls nach Know-how aus Österreich (Linz-Donawitz-Verfahren) erzeugt, erzählt Professor Jürgen Stampfl vom Institut für Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnologie. Dieser Forschungsdisziplin ist zum Beispiel auch zu verdanken, dass die PET-Flaschen immer dünner werden: spart Gewicht, spart Ressourcen, schont die Umwelt.

Seidlers und Stampfls Profession ist es aber auch, die Österreich Exzellenz beschert. Beim "Pisa für Werkstoffwissenschafter", erzählt Stampfl, wurde belegt: Es sind die österreichischen Werkstoffwissenschafter, deren Publikationen weltweit am meisten zitiert werden (www.scimagojr.com).

Es gibt ihn also doch, den strahlenden "Pisa-Sieger" Österreich. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.1.2012)

Wissen:

Ganze zwei Dutzend Standorte "bespielt" die Technische Universität (TU) Wien derzeit in der Stadt. Und in der City will sie auch bleiben, das wurde bereits 2006 beschlossen. Um die Wege im urbanen Standortgeflecht zu verkürzen, möchte die TU laut ihrem Bau- und Sanierungskonzept mit dem programmatischen Namen "TU Univercity 2015" - pünktlich zur 200-Jahr-Feier - ihre acht Fakultäten auf die vier innerstädtischen Hauptstandorte konzentrieren:

  • Q Karlsplatz Architektur und Raumplanung, Bauingenieurwesen - und das Rektorat
  • Getreidemarkt Maschinenwesen und Betriebswissenschaften, Technische Chemie
  • Freihaus Physik, Mathematik und Geoinformation
  • Gußhaus Informatik, Elektrotechnik und Informationstechnik
  • TU Arsenal Science Center Am Arsenal werden auf 20.000 m² mehr als 40 Millionen Euro investiert, um dort Groß- und Sonderlabors sowie die nächste Generation des Superrechenzentrums Vienna Scientific Cluster (Kooperationsprojekt von Uni Wien, TU Wien und Boku) unterzubringen.
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21 Postings
kasperl-und- Petzi
01
Ganz netter Artikel!

macht derstandard da jetzt eine Serie ueber alle Unis?

Got Your Nose!
01

in sehr sehr loser folge;) hab zwischen diesem und dem artikel über die vetmed schon wieder drauf vergessen.

kasperl-und- Petzi
01

Ja ich auch.
Wenn die so weiter machen brauchens 20 Jahre bis durch alle 70000 Oesterreichischen Unis sind ;)

Der Steiner
01

Du hast es erfasst!

watzlilaus "walmoerder" wondratschek
 
12
30.1.2012, 10:49
Nette PR-Einschaltung...

Hoffe, man hat der Autorin im Rektorsbuero wenigstens einen guten Portwein angeboten (falls sich die TU noch so einen leisten kann...).
Aber sonst - nichts, was etwas aufwendiger Recherche bedurft haette: Da gaebe es einige Punkte um die TUW, die diskussionswuerdig waeren:
Etwa, dass die TUW seit Jahrzehnten in allen internationalen rankings faellt (im selben Ausmass wie der oesterreichische Fussball)
Etwa, dass fuehrende Unis- wie CalTech, MIT, EPF - Lausanne voll auf Biowissenschaften setzen, waehrend es an der TU - auch geldbedingt, aber auch wegen des Widerstandes der "klassischen Ingenieure" - kaum Bewegung gibt..
Warum verlor die TUW in den letzten Jahrzehnten laufed die besten Wissenschafter - Schachermayer, Gottlob, Krausz...?

f l o
 
01

1) keine PR-einschaltung, sondern eine standard-uni-serie

2) bio-tech gibt es natürlich an der TU Wien - sogar mit hoher qualität und internationaler sichtbarkeit:
http://www.tuwien.ac.at/aktuelles... icle/7272/

3) die TU Wien wird nicht schlechter - es werden nur viele andere unis auf der welt rascher besser als die österreichischen und überholen uns. das hängt 1:1 mit dem staatlichen uni-budget zusammen.

4) um wissenschaftler wie krausz zu halten, müsste man ihnen in österreich labors und forschungsmöglichkeiten geben, die weltspitze sind. in manchen bereichen gelingt das, in anderen fehlt das geld. auch das ist ausschließlich eine frage des politischen willens.

watzlilaus "walmoerder" wondratschek
 
01
Was ist PR?

Wenn die Zeitung die Aussagen der TU ohne Kritik uebernimmt? Deutet darauf hin. Oder die Redakteurin wollte sich einfach die Arbeit ersparen.

2. Es gibt an der TUW Biotech, als Anhaengsel der Chemie - und nicht in einer entsprechenden Groessenordnung.

3. Dieses Argument ist halblustig: Stellen Sie sich eine Computerfirma vor, die noch 386-er Prozessoren verwendet - und deren Vorstand den mangelnden Erfolg mit Ihrem Argument zu erlklaeren versucht.

Auch Ihr Statement bestaetigt, dass die TUW eben zurueckfaellt - warum auch immer. Und die Gruende dafuer sollten bei einem Artikel ueber die TUW im Vordergrund stehen. Das bedeutet natuerlich Arbeit fuer die Redakteurin...

4. Welche Spitzenforscher konnte man halten?

Der Chronist
51
30.1.2012, 08:30

Die Frau verwechselt Forschung mit Ingenieurswissenschaft. Damit ist sie leider in guter Gesellschaft. Aber was solls, wie gross wird der Jammer sein, wenn erst mal klar wird, dass die MINT-Fächer die Wirtschaft nicht retten.

Degerl
11
Ingenieurwissenschaft = Wissenschaft

Wenige Ingenieure bilden sich zu Wissenschaftern weiter, aber die es tun erweitern unsere Weltsicht und dazu braucht es das TUW-Motto: forschungsorientierte Lehre. Die Anwendungsorientierung kann dazukommen: um naturwissenschaftlich-technische und gesellschaftlich-wirtschaftliche Phänomene zu verstehen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, um diese auch in Richtung Anwendung zu erforschen, um die Anwendungen effizienter, ökologischer, wirschaftlicher zu machen. Lasst unsere anerkannten IngenieurInnen weiter durch die HTL und FH für ihren Beruf ausbilden.

Der Steiner
08
27.1.2012, 22:35

Die Kapazitätsgrenzen sind nicht erreicht sondern Überschritten. Dazu kommt noch, dass in den letzten 8 Jahren anscheinend die Hälte der Professoren abgebaut wurde.
Ich finde es ja toll, dass das Wissenschaftsministerium für nicht wenig Geld eine MINT Kampagne gestartet hat, dann aber den technischen Universitäten keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung stellt.

smea_gol
32
28.1.2012, 11:51

bla, bla, bla.

in den 80ern und 90ern hats teilweise noch größere anmeldezahlen gegeben.

die tu gehört einfach mit entsprechenden mitteln ausgestattet.

fr. seidler ist eigentlich ja nicht dafür bekannt, dass sie unbedingt zugangsschranken wolle...

Der Steiner
02
28.1.2012, 13:47

Echt? Die TU war schon mal größer? War mir gar nicht bewusst, dass in den 80 und 90 Jahren MINT so Populär war.
Ich bin mir nicht sicher, aber hat sie nicht mal gemeint, ein qualitatives Aufnahmeverfahren könnte sie sich vorstellen?
Wär eh kein Fehler in meinen Augen. Ich wär dann wahrscheinlich auch erst ein Jahr später aufgenommen worden, aber für viele wäre es einfach notwendig. Da laufen schon einige mit vom Papa gekauften Maturen (?) herum.

fizcaraldo
00
28.1.2012, 10:27

Dem Wissenschaftsministerium geht es auch nicht um Bildung, sondern um Statistiken. Die Akademikerquote muss erhöht werden und dazu reicht es wenn man möglichst viele Studenten durch den Bachelor hetzt. Ob die nach ihrem Abschluss etwas können ist nicht mehr das Problem des Wissenschaftsministeriums.

Der Steiner
01
28.1.2012, 13:40

Dann würde es dem Ministerium aber herzlich egal sein, in welchen Studienrichtungen die Abschlüsse gemacht werden. Weiters hieße das, die Massenfächer sind ein gutes Geschäft im Gegensatz zu den MINT-Fächern, weil hier minimum 50% Drop-Out sind.

Erwin Wolfram
10
28.1.2012, 10:37
...

doch, wenn es darum geht politikern einen abschluss zu verschaffen... laeuft uebrigends wie geschmiert...

Fritz Meyer
00
29.1.2012, 10:53
"System Guttenberg" haben nicht die Deutschen erfunden. ;)

Stuff
61
27.1.2012, 21:57
Biidung

"…macht 250 Kilowatt Energie, entspricht der Leistung eines Autos"
Oder Badewannen? Fussballfelder vielleicht? Wieviele Waschmaschinenstunden?
Wie lang fährt das Auto, im Vergleich zu Reaktor?

mikkki
00
28.1.2012, 18:24
ups :)

mikkki
03
28.1.2012, 18:23
jo gebildete können sinnerfassend lesen

da steht "250kW LEISTUNG."

die 250kW entsprechen ca. 340PS - als ein vernünftiges Auto.

kW von kWh unterscheiden - ersters Leistung zweiteres Leistung * Zeit = Energie.

cya

dr-Markus
00
30.1.2012, 00:11
Thermische leistung

die 250 sind Thermische Leistung
das entspricht gut 100PS je nach Effizienz des Autos

zum Vergleich Fukushima hatte ca 3.000.000 KW Thermische Leistung

Lageos
00
28.1.2012, 14:05

Ein "Na-Bumm" Auto :-)

Und nicht dass es im 2. zu einen KAU kommen würde.

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