Wie weit sein Unternehmen mit dem Aufbau einer europäischen Ratingagentur ist, erklärt Berater Roland Berger
Berater Roland Berger schließt einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone nicht aus. Wie weit sein Unternehmen mit dem Aufbau einer europäischen Ratingagentur ist, erklärte Berger in Davos Alexandra Föderl-Schmid.
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STANDARD: Der Internationale Währungsfonds erwartet 2012 eine "milde Rezession" in der Eurozone. Ist das realistisch?
Berger: Ja, das ist durchaus realistisch. Einige Länder, unter anderem Deutschland, Österreich und Polen, werden im zweiten Halbjahr wieder anfangen zu wachsen. Wenn auch langsam.
STANDARD: War es klug, dass Deutschland in der Eurozone eine Schuldenbremse forciert?
Berger: Ja, das ist klug, aber es darf nicht das einzige Instrument bleiben. Wachstumsstimulierende Strukturmaßnahmen müssen jedes massive Sparprogramm begleiten.
STANDARD: Sehen Sie die?
Berger: Ja, etwa in Italien. Mario Monti hat sein Programm geteilt: einerseits Sparen und Steuern erhöhen, andererseits das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Nur Geld in die Wirtschaft zu pumpen hilft nur in einer Konjunkturkrise. Wir befinden uns aber in einer Struktur- und Vertrauenskrise. Deshalb braucht es strukturelle Einschnitte bei der Verschuldung und begleitend dazu Strukturreformen, um die Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Nur beides zusammen schafft das nötige Vertrauen bei Märkten, Investoren und Verbrauchern - und damit Wachstum.
STANDARD: Italien sehen Sie also auf einem guten Weg. Und Griechenland?
Berger: Griechenland ist de facto zahlungsunfähig, wenn auch nicht de jure. Deshalb ist es unerlässlich, dass Griechenland spart und restrukturiert und dabei durch die starken Euroländer zunächst weiter finanziert wird. Dabei geht es letztlich vor allem darum, weltweit das Vertrauen in die Eurozone wieder herzustellen. Besteht dieses Vertrauen wieder, muss Griechenland gehört werden: entweder Insolvenz und Austritt aus dem Euro oder längerfristige, tunlichst degressive Transfers.
STANDARD: Am 13. Jänner gab es eine Herabstufung von neun Eurostaaten, inklusive Österreich, durch Standard & Poor's. Können Sie die Kritik daran nachvollziehen?
Berger: Das kann ich. Bei den meisten Staaten hatte sich nichts Wesentliches geändert. Da fragt man sich schon, warum werden alle neun plus der Rettungsschirm ESFS ausgerechnet zu dem Zeitpunkt herabgestuft? Aus meiner Sicht hat diese Aktion zwar nicht zur Glaubwürdigkeit des Euro beigetragen, aber auch nicht zu der der Ratingagenturen.
STANDARD: Wie stark ist die Glaubwürdigkeit Österreichs durch den Verlust des Triple-A beschädigt?
Berger: Ratingagenturen beurteilen ja nicht einzelne Länder wie etwa Österreich, sondern die Sicherheit österreichischer Staatsschulden für Investoren. In der Tat hat sich in Österreich einiges an Schulden akkumuliert. Hinzu kommen eine nicht sehr fruchtbare Reform- und Spardebatte plus Zweifel an der Zahlungsfähigkeit in osteuropä-ischen Ländern, die für die österreichische Wirtschaft eine wesentliche Rolle spielen. Und natürlich die hohe Exposure der österreichischen Banken in dieser Region. Ferner ist das mit Österreich wirtschaftlich eng verflochtene Ungarn in Schwierigkeiten und beschädigt durch staatliche Eingriffe die österreichischen Banken. Insofern hat sich die Situation nicht zum Besseren gewendet.
STANDARD: Was davon ist hausgemacht?
Berger: Die österreichische Wirtschaft ist per se gesund. Aber Banken wie Unternehmer erleben im Moment, dass Risiken eintreten, die sie bewusst und richtigerweise eingegangen sind.
STANDARD: Und die Politik?
Berger: In solchen Zeiten ist es immer bedauerlich, wenn Koalition und Opposition aus parteipolitischen Gründen über die Notwendigkeit von Reformen streiten, um die tatsächlich keiner herumkommt. Das schränkt die Handlungsfähigkeit der Politik ein und schwächt das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der jeweiligen Regierung und des ganzen Landes. Letztlich riskiert man so unnötig das Wohlergehen der Bevölkerung.
STANDARD: Roland Berger baut eine europä-ische Ratingagentur auf. Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen?
Berger: Die Welt braucht nicht zwangsläufig eine europäische Ratingagentur, aber eine unabhängige, transparente, glaubwürdige, ohne eingebaute Interessenkonflikte, die in der Lage ist, mehr Wettbewerb herzustellen. Das Rating-Business ist nämlich ein gutes Geschäft. Die Gewinnmarge liegt in der Größenordnung von 40 Prozent vom Umsatz. Wobei das ökonomische Risiko beherrschbar ist.
STANDARD: Wie soll diese Unabhängigkeit hergestellt werden?
Berger: Durch ein neues Geschäftsmodell: Die künftige Agentur zahlen nicht die, die die Finanzprodukte herstellen, sondern die, die sie kaufen. Ein Automobilkonzern finanziert ja auch nicht seine Tests selbst, sondern lässt seine Fahrzeuge von Unabhängigen mit den Augen der Kunden prüfen. Hinzu kommt ein modernes methodisches Bewertungsmodell, ähnlich dem, das Banken heute für ihr Risikomanagement nutzen.
Außerdem wird die neue Ratingagentur für ihre Ergebnisse haften. Der Kunde kann, wenn er Geld verliert, in einem gewissen Rahmen Ansprüche geltend machen. Bisher gab es keine Produkthaftung: Das Rating der derzeitigen Anbieter gilt nur als Meinungsäußerung. Last, but not least wird die neue Agentur einer Stiftung gehören, keinen an Gewinnmaximierung durch begrenzten Wettbewerb interessierten privaten Investoren. Eine Stiftung unterliegt strengen Aufsichts- und Managementgesetzen, ihre Organe müssen unabhängig sein.
STANDARD: Wo soll der Sitz der Stiftung sein?
Berger: Wahrscheinlich in den Niederlanden. Zum Start werden 30 bis 50 Investoren wie etwa Banken, Versicherungen, Pensionsfonds diese europäische Ratingagentur in Form von Mezzanindarlehen (Anm.: Finanzierungsarten, die eine Mischform zwischen Eigen- und Fremdkapital darstellen) vorfinanzieren. Diese wird die Ratingagentur aus ihren Erlösen zurückzahlen und danach allein der Stiftung gehören. Namen möglicher Investoren dürfen wir derzeit noch nicht nennen.
STANDARD: Wann wird die Ratingagentur starten?
Berger: Wir haben mündliche Zusagen für das von uns als nötig erachtete Startkapital von 300 Millionen Euro. Die schriftliche Fixierung sollte bis zum Ende des zweiten Quartals möglich sein - oder eben später. Dann braucht man noch Infrastruktur, Personal. Losgehen könnte es also gegen Anfang nächsten Jahres. Roland Berger Strategy Consultants selbst hat dabei übrigens keine ökonomischen Interessen. Wir haben zwar das Modell entwickelt, und möglicherweise beraten wir beim Aufbau der Agentur, danach sind wir aber draußen.
STANDARD: Manche Politiker meinen, eine europäische Ratingagentur würde vieles in Europa milder beurteilen. Teilen Sie diese Erwartung?
Berger: Nein. Und der Anstrich, sie wäre von der Politik gewollt, um europäische Märkte milder zu beurteilen, wäre auch tödlich für diese neue Agentur. Sie muss und wird überzeugen durch Transparenz, Leistungsstärke und politische wie wirtschaftliche Unabhängigkeit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29.1.2012)
ROLAND BERGER (Jahrgang 1937) ist studierter Betriebswirt. Er ist
Gründer und Aufsichtsrat der gleichnamigen Beratungsgruppe sowie
Politikberater. Roland Berger Strategy Consultants unterhält 45 Büros in
33 Ländern und beschäftigt mehr als 2500 Mitarbeiter.