Djokovic gewinnt Halb­finalschlacht gegen Murray

Florian Vetter, 27. Jänner 2012, 14:38

Serbe gewinnt eine hochklassige Partie in fünf Sätzen und zieht in das Endspiel gegen Rafael Nadal ein

Melbourne - Das Herren-Finale der mit 20,9 Mio. Euro dotierten Australian Open in Melbourne heißt Novak Djokovic gegen Rafael Nadal. Djokovic rang am Freitag in einem spannenden und hochklassigen Fünf-Satz-Thriller den Schotten Andy Murray nach einem 1:2-Satzrückstand und 4:46 Stunden mit 6:3,3:6,6:7(4),6:1,7:5 nieder. Der Titelverteidiger aus Serbien, der im Head-to-Head mit Murray auf 7:4 stellte, trifft nun am Sonntag (9.30 Uhr MEZ/live Eurosport) auf den als Nummer zwei gesetzten Rafael Nadal. Der Spanier hatte bereits am Donnerstag Roger Federer in vier Sätzen ausgeschaltet.

Die lange Reise der Filzkugel

Es war die Finalreprise des letzten Jahres und die Sportwelt durfte sich neuerlich fragen: Kann Andy Murray in einem wichtigen Grand Slam-Spiel einen der Top-Four überwinden? Nun ja, er konnte nicht. Es war eine durchaus persönliche Geschichte für den Schotten, wurde er doch von Djokovic im vergangenen Jahr im Finale ziemlich unspektakulär abgezogen - das war allerdings keine Schande.

Den ersten kleinen Sieg verbuchte  Murray bei der Platzwahl, er entschied sich für Rückschlag. Und bereits in den ersten Games zeichnete sich ab, was an diesem australischen Abend zu erwarten war: Die Filzkugel ging sehr lange auf Reisen - weder Djokovic noch Murray haben ja eine Affinität zum schnellen Punktgewinn. Letzterer hatte bereits im zweiten Game zwei Breakchancen wegzuspielen, das aber mit souveränen, knallharten und langen Schlägen. Das musste Selbstvertrauen bringen.

Murray im ersten Satz zu fehleranfällig

Nach einer Viertelstunde, einem ersten Murray'schen Netzangriff in die Maschen und einem Doppelfehler, macht der Serbe den ersten Satz auf: 3:1. Das vierte Rad am Weltranglisten-Wagen ließ sich aber nicht lumpen, wollte nicht ohne Umweg auf die Verliererstraße einbiegen: Murray erlief einen zu mutigen Djokovic-Stopp und zermürbte diesen anschließend in einer langen Rallye bis die Vorhand-Ecke frei war, Re-Break. Was natürlich nichts hilft, wenn das folgende Aufschlagspiel zu Null hergeschenkt wird und in der Folge alles für den Serben rennen sollte: Ein Ass, ein sensationeller Passierball nach einem zu kurz geratenen Angriffsball Murrays (Achtung, Rarität!) und ein böser Netzroller, ließen Djokovic tief Luft holen. 

Bei den Vorhand-Crossduellen zeigte sich die ganze bewunderswerte Solidität des Novak Djokovic - er blieb cool und servierte den ersten Satz aus: 6:3. Und schon war der Herausforderer im Eck: Murray machte zehn Punkte weniger (23 zu 33), ärgerte sich über 20 unerzwungene Fehler, auf seinen ersten Aufschlag konnte er sich nur teilweise verlassen (60 Prozent).

Konter im zweiten Satz

Den nächsten Stoß setzte gleich wieder der Serbe mit einem schmerzlichen Break zu Beginn des zweiten Satzes (ein Lehrstück moderner Tennis-Psychologie): einem Doppelfehler folgte der Ärger über ein gar nicht gnädiges Hawk-Eye und eine misslungene Backhand. Murray spielte nun wiedermal gegen sich selbst und überließ Djokovic ein leichtes Game: 0:2. Aber auch das ist Andy Murray: Einem Knaller-Aufschlag mit 210 km/h durch die Mitte folgte kurz darauf ein gelungener Smash. Kaum ein Spieler auf der Tour beherrscht den aggressiven Punktschlag mit der Rückhand als Antwort auf einen hohen Topspin so gut wie der schottische Duracell-Hase. Dieser Spezialschlag funktioniert in alle Richtungen. So auch im heiß umkämpften vierten Game. Zwölf Minuten sollte dieses dauern, und Murray kämpfte beherzt. Und pardauz: Sogar der Serbe begann, gelegentlich den Ball ins Out zu schießen. Oder einen Stopball ins Netz zu setzen. Nach mehreren Breakchancen war Murray wieder im Geschäft und sein Service verbessert: Nach einem lockeren Aufschlag gelang dem Schotten das nächste Break zum 4:2.

Was statistisch bis dahin für Murray sprach: Mehr als 50 Prozent der kurzen Ballwechsel gingen auf sein Punktekonto. Djokovic konnte den Vorwärtsdrang des Gegners aber leicht bremsen, entschied den Fight um das siebente Spiel für sich - und das obwohl Murray mit einem Ass, einem Stopp und einem sensationell erlaufenen Lob aufwarten konnte. Es wurde schwer geschuftet. Djokovic operierte vermehrt mit dem Slice, und beim Stand von 15:30 bei Aufschlag des Serben wurden die Laktat-Werte getestet. In einer endlos langen Rallye setzte Murray nach einer Killer-Vorhand seines Kontrahenten in höchster Not einen Flugball hinten ins Eck und sicherte sich in Folge nach einem Djokovic-Fehler das Break zum 5:3. Das Spiel wurde an der Zweistunden-Marke offiziell zum Drama, Djokovic war giftig und hatte selbst sogleich Breakchancen. Murray wehrte sich aber famos und Djokovic atmete schwer und stützte sich nach einem Ballwechsel in der Länge eines Kurzfilms erstmals am Schläger ab. Nach einer wuchtigen Rückhand war Murray endgültig im Spiel: Game, set, Murray. 6:3.

Zuerst der Jammer, dann die Coolness

Der Schotte wirkte zu diesem Zeitpunkt fitter und fokussierter. Das längste Game des Spiels (Beginn dritter Satz) dauerte 15 Minuten und Djokovic machte erstmals einen müden Eindruck, ließ den Kopf da und dort hängen. Und ist natürlich einer der besten Schauspieler auf der ATP-Tour. Ein Break holte er sich postwendend zurück,  quälte sich trotz Mängel auf der Vorhandseite zur 3:2-Führung und schrie sich den Gedankenstau aus seinem Unterbewusstsein und aus seinem Leib. Murray war trotzdem der bessere Spieler, hatte schon 29 Winner produziert und konnte sich nach Flüchtigkeitsfehlern auch mit zweiten Aufschlägen und ein bisschen mehr Risiko absetzen.

Djokovic ging bestimmt mehr Meter als Murray, der zunehmend von der Mitte des Platzes agierte, Druck machte und variierte - allein das Scoreboard zeigt ein anderes Ergebnis. Bei 4:5 und dem ersten Satzball Djokovics, zimmerte Murray eine Cross-Vorhand auf die Linie und ließ seinen Kontrahenten erstaunt zurück. In der zweiten brenzligen Situation ließ er einen Stop aus dem Handgelenk rollen und rettete sich nach drei Stunden zum Ausgleich, 5:5. Dass er wie so oft in der Vergangenheit das Risiko scheute, konnte man dem Briten diesmal nicht vorwerfen. Den Satz hatte er schon der Tasche, auch weil ein zögerlicher Djokovic seinen teils deftigen Angriffsschlägen nicht ans Netz hinterherging. Und doch kämpfte sich die quirlige Nummer eins mit einem Re-Break in den Tie-Break. Und auch dort war alles ausgeglichen, was denn sonst? Bis Murray mit einem Ass zuschlug. 4:3, 5:3, ein Vorhand-Schuss zum 6:3 und kurz darauf der Satzgewinn. 3:6, 6:3, 7:6.

Entscheidung im fünften Satz

Djokovic ging aber innerlich nicht in Tränen unter, sondern breakte Murray in der Fortsetzung sogleich einmal. Was den vierten Durchgang relativ bald zu einer Formalsache machte. Der bedrängte Titelverteidiger zog schnell auf 3:0 davon und sein Gegenüber ließ gewähren, kaum eine halbe Stunde dauerten die sieben Games. Die Ausfahrt hieß fünfter Satz. Im Finale dieser unvergesslichen Partie diktierte Djokovic die Ballwechsel, Murray verschuf sich aber etwas Luft mit starken Aufschlägen. Und plötzlich sahen die Zuschauer wieder den leidenden Novak Djokovic. Und Weltklasse-Tennis. Murray lockte Djokovic mit dem Stop, der spielt auf den Körper des Schotten, der sich nur mit einem Lob zu helfen wußte. Djokovic seinerseits überlobte Murray, der den Ball erlief - und zuschauen durfte, wie Djokovic ausgepumpt riskierte und den Ball ins Out beförderte.

Beim Stand von 2:1 für den Serben musste sich Murray heftig gegen eine Abnahme seines Aufschlags wehren, die beiden schenkten sich jetzt reinen Wein ein. Djokovic schlug harte Return-Winner, lauerte und setzte nach einem vergebenen Passierball einen Meilenstein in diesem Match: Break zum 4:2. Und dann war Murray wieder Beifahrer und Djokovic der derzeit beste Tennisspieler dieser Welt. Beim Stand von 5:3 für den Serben, wäre grundsätzlich kein Pfifferling mehr auf Murray zu setzen gewesen, doch abermals gelang ihm das Rebreak, ehe er doch noch mit 5:7 im letzten Satz als Verlierer vom Platz ging. (derStandard.at; 27. Jänner 2012)

Kommentar posten
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Makro 24/7
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29.1.2012, 15:38

Ich warte schon auf die ersten Ausreden der üblichen Verdächtigen ;)

Captain Smoker
00
29.1.2012, 15:46

Es lag ausschliesslich an der inhaltstechnischen Abwechslungslosigkeit Ihrer Postings. ;)

I can no more - I break equal together...
00
29.1.2012, 15:07
Djokovic scheinbar angeschlagen, ...

Nadal wiedermal aus dem Rhythmus.

R.Kipling
00
29.1.2012, 15:10

Das erste mal, dass ich Djokovic seine Gesten wirklich glaube ;)

Aber er wird weiterkämpfen, nicht nur bis zum umfallen, das hatten wir ja schon :)

Makro 24/7
00
29.1.2012, 15:29

"Das erste mal, dass ich Djokovic seine Gesten wirklich glaube ;)"

Definitiv das Posting der Australian Open :)

Makro 24/7
00
29.1.2012, 14:54

Hmmm, Break für Nadal. Mal schauen, wenn sich Djokovic jetzt rausziehen kann, dann ist er ein ganz großer Spieler!

tobi taktlos
00
29.1.2012, 14:36

ab in den fünften.
ich sterbe hier vor dem tv-gerät tausend tode.

R.Kipling
00
29.1.2012, 14:31

Mit dem Rücken zur Wand geht es ja dann doch wieder ;)

Die Partie lebt eindeutig von der Spannung und dem Kampfgeist von Nadal!

Makro 24/7
40
29.1.2012, 14:26

Hach, ohne schlagtechnische Abwechselung wird so einen mittlerweile im fünften Satz stehende Partie irgendwie fad ...

mukl
00
29.1.2012, 14:44

ohne inhaltliche abwechslung, wird so ein posting nach dem fünften mal wirklich fad.

Is doch alles...super!
00
29.1.2012, 14:24

Jawoll!!!!! Alles wieder offen :D

Arnold Strong
00
29.1.2012, 13:33

Oje. Djokovic ist einfach zu stark.

tobi taktlos
00
29.1.2012, 13:56

seh ich auch so. wüsste nicht wie der nadal das heute gewinnen sollte.

mukl
00
29.1.2012, 14:25

bistudeppat, nadal nutzt die bisher einzige chance zum satzgewinn. war vorher nie auch nur annähernd an einem break dran.

R.Kipling
00
29.1.2012, 11:53

Nadal steht bei den Returns wieder viel zu weit hinten und gibt Djokovic damit genug Zeit. Der ist dadurch auch gleich viel sicherer geworden!

Nadal gelingt es nicht ganz seine Strategie voll durchzuziehen, wird ein hartes Stück arbeit, gut für uns ;)

byronlord
00
29.1.2012, 11:06

nicht gerade traumtennis. dass die semifinali nicht am selben tag ausgetragen wurden ein offensichtlicher nachteil für den dschoker. keine fairen bedingungen also...

Matthias Huber22
00
29.1.2012, 11:21

das pech hatte nadal auch schon öfters! versteh ich eigentlich auch nicht wirklich!

byronlord
00
29.1.2012, 11:24

ist ja egal wen's trifft. man sollte jedenfalls beide semis an einem tag spielen.

R.Kipling
00
29.1.2012, 11:37

Wäre sicher fairer, aber sie hatten beide zumindest einen Tag Pause und das ist die Hauptsache, da ist die Regelung der US Open noch viel unfairer, bzw schwachsinniger..

Nadal war insgesamt auch länger auf dem Platz als Djokovic..

byronlord
00
29.1.2012, 12:03

wenn ein spieler länger für seine matches braucht, das ist eine andere geschichte.

R.Kipling
00
29.1.2012, 12:48

Genau, darum ist es auch dem Djoker sein Problem, dass er fast 5 Stunden brauchte im HF!

Er hatte einen Tag Pause und das muss reichen, tut es offenbar auch, denn er wirkt körperlich nicht sonderlich angeschlagen!

Letztes Jahr bei den FO meinten viele die zusätzliche Pause vor dem HF hätte Djokovic geschadet, weil er dadurch den Rhythmus verloren habe..

Ich finde das alles lächerlich, solange die Spieler mind einen Tag Pause haben, ist das mMn fair und ausreichend!

Matthias Huber22
00
29.1.2012, 11:36

Ja, da hast du absolut recht!

R.Kipling
00
29.1.2012, 10:35

Djokovic macht noch sehr viele Fehler, zT sind sie "erzwungen", weil Nadal versucht aggressiver zu spielen und Djokovic weniger Zeit hat als sonst gegen Nadal.

Manchmal sind aber auch extrem leichte ue Fehler dabei, viell muss er sich erst warm laufen;)

Aber faszinierend zu sehen, wie Nadal vor allem auch beim Return wieder passiver wird und drei Meter hinter der Linie steht seit er das Break hat und eigentl frei aufspielen könnte..

niki123
00
29.1.2012, 10:44

djoker wackelt die vorhand irgendwie rüber auf nadals rückhand. warum nadal das rebreak kassiert hat ist eigentlich unfassbar.

niki123
00
29.1.2012, 10:56

wenn djoko weiter so passiv spielt mit der vorhand, gewinnt nadal.

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