Männer ohne Ausfallshaftung

31. Jänner 2012, 19:00
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Karenzwillige Väter erleben Szenen, wie sie sonst nur diskriminierte Frauen kennen - Doch es gibt sie, die Vorzeigemänner

Noch gehört es für Unternehmen nicht zum guten Ton, ihre männlichen Mitarbeiter in Karenz zu schicken. Viele Arbeitgeber mobbten karenzwillige Männer sogar, kritisierte vor kurzem die Arbeiterkammer und ortete darin einen der Gründe für das schleppende väterliche Engagement. 

"An den Zahlen hat sich in den letzten Jahren nichts Dramatisches zum Positiven geändert", bestätigt Ingrid Mairhuber von der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (Forba). Die Monatsstatistik von Dezember 2011 zeige, dass gar nur 4,3 Prozent der Väter in Karenz waren. Bei der einkommensabhängigen Variante des Kindergelds waren es 6,4 Prozent. Gleichzeitig betreffen zehn Prozent der Diskriminierungsfälle, die der Senat 1 der Gleichbehandlungskommission seit 2009 behandelt hat, Männer, berichtet deren Vorsitzende Eva Matt. Dazu gehören auch Verschlechterungen der Arbeitssituation in Zusammenhang mit Väterkarenz.

derStandard.at hat mit vier Vätern hinter der Statistik gesprochen. Sie haben komplett unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Vom freien Mitarbeiter zum Selbstständigen

Stefan Mayer war bei seinem zweiten Sohn ein ganzes Jahr in Karenz. Damals arbeitete er als freier Mitarbeiter bei einem Cateringunternehmen in der Softwareentwicklung. "Ich wusste, mein Vorhaben wird nicht gern gesehen. Daher habe ich, wie viele Männer in dieser Situation, erst im letzten Moment die Karten offen auf den Tisch gelegt." Er hat nicht schon während der Schwangerschaft seiner Frau mit dem Chef gesprochen, sondern erst kurz vor Karenzantritt.

Während der Karenz hat er unter der Zuverdienstgrenze weitergearbeitet. Sein Arbeitgeber sei aber mit seiner Verfügbarkeit nicht zufrieden gewesen. Zudem habe man keine Ersatzarbeitskraft gefunden. Begleitet war die Stimmung von prinzipiellem Unverständnis und Unwillen, so Mayer. Als er dann auch noch gegen Ende der Karenzzeit krank wurde, sei das Arbeitsverhältnis unmittelbar zum erstmöglichen Termin nach der Karenz aufgelöst worden. 

Kurse auf Frauen zugeschnitten

Die Härte des Wiedereinstiegs in den Beruf bekam Stefan Mayer nach Auflösung seines Dienstverhältnisses ähnlich wie viele Mütter zu spüren. Nur mit anderen Vorzeichen, denn das Förderprogramm des AMS sei verständlicherweise sehr auf Frauen zugeschnitten gewesen, berichtet er. Wolle man mehr Väter motivieren, müsse man aber auch im Schulungsbereich umdenken und etwa auch Kurse für Software-Entwickler anbieten, so Mayer, der gerne so eine Weiterbildung gemacht hätte, sie aber nicht genehmigt bekam. Schlussendlich hat er am Unternehmensgründungsprogramm des AMS teilgenommen und sich selbstständig gemacht. Seit Oktober 2011 ist er nun sein eigener Chef. 

Fall vor Gericht

Für Hermann A. (Name der Redaktion bekannt) mündete seine Karenzzeit gar vor Gericht. Von seinem Arbeitgeber, einem Finanzdienstleister, fühlt er sich massiv diskriminiert: "Bereits mit der Ankündigung meines Wunsches auf Väterkarenz wurde ich de facto meine Gruppenleiterposition los." Danach folgten zwei Interventionen der Gleichbehandlungsanwaltschaft beim Arbeitgeber sowie eine seitens der AK. 

Die Vorgeschichte: Im Zuge seines Jahresgesprächs mit seinem Vorgesetzten - er berichtete direkt an den Vorstand - hatte A. im Oktober 2008 seine Absicht geäußert, mit Anfang Februar 2009 in Karenz zu gehen. Danach ging er zwei Wochen auf Urlaub. Nach seiner Rückkehr erfuhr er, dass sein dreiköpfiges Team mit einer anderen unternehmensinternen Gruppe zusammengelegt werde. Ein anderer übernahm die Leitung. Das sei eine eindeutige Strafaktion gewesen, ist A. überzeugt. "Man hat mich auch gezielt aus Besprechungen ausgeschlossen und die Kommunikation über meinen Kopf hinweg erledigt."

Im Februar 2011 brachte er Klage beim Arbeits- und Sozialgerichtshof ein. "Während das Gericht den Verlust meiner Führungsposition als Verletzung meines Dienstvertrages anerkannte, sah es den Tatbestand der Diskriminierung nicht bestätigt." Sowohl der Arbeitgeber als auch A. haben Teilberufungen eingebracht. Die Sache liegt nun beim Wiener Landesgericht. Eine einvernehmliche Lösung hat Herr A. abgelehnt. Das Arbeitsklima ist dementsprechend schlecht. 

Absurde Form der Gleichberechtigung

Eva Matt von der Gleichbehandlungskommission kennt einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 2010. Ein Mann wurde nach der Bekanntgabe, dass er eine Elternteilzeit in Anspruch nehmen wird, systematisch von seinem Arbeitsplatz isoliert, von Informationen und Kommunikationsmöglichkeiten wie Handy und Internet abgeschnitten. Ihm wurde angeboten, als normaler Teilzeitmitarbeiter im Verkauf mit 15 Wochenstunden und "angepasstem" Gehalt zu arbeiten. Er war zu diesem Zeitpunkt Verkaufsleiter, die Nummer zwei nach der Geschäftsführung, und wollte nur seine Wochenstundenzahl verringern, um einen Nachmittag bei seinem Kind zu sein, da seine Frau ihre Berufstätigkeit eingeschränkt wieder aufnehmen wollte. 

Diskriminierungen, mit denen Frauen seit Jahrzehnten in Zusammenhang mit ihrer Elternschaft konfrontiert sind, träfen nun auch Männer, die ihre Rolle als Väter aktiver gestalten, so Eva Matt. Sie meint damit die Inanspruchnahme von Karenzen, Elternteilzeit oder aber Pflegefreistellungen. Die bisherigen Erfahrungen zeigten, dass sich - im Verhältnis betrachtet - ähnlich viele Männer wie Frauen wegen Diskriminierungen im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme einer Karenz an die Gleichbehandlungskommission wandten. Die Wiener Rechtsanwältin Doris Einwallner glaubt aber, dass sich Betroffene, egal ob Männer oder Frauen, nur selten trauen, rechtliche Schritte einzuleiten, "aus Angst um den Arbeitsplatz und vor finanziellen Konsequenzen".

Dass Männer - quasi als absurde Negativbeispiele der Gleichberechtigung - am Arbeitsplatz mit massiver Diskriminierung rechnen müssen, kann sich nicht förderlich auf die Männerbeteiligung an der Kinderbetreuung auswirken. Rund 50 Prozent aller Männer, die zu den Beratungsgesprächen kämen, würden in irgendeiner Form ungerecht behandelt, heißt es von der AK.

Konträre Erfahrungen hat Arbeitsmarktforscherin Ingrid Mairhuber im Rahmen einer qualitativen, allerdings nicht repräsentativen Befragung unter acht Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen im Raum Wien gemacht: Verglichen damit, wie dieselben Firmen mit Frauen, die in Karenz gehen, umgingen, hätten es die Männer noch besser. "Manche werden als Vorzeigemänner vom Unternehmen herausgehoben", sagt die Forscherin. Anhand einer Studie habe man zudem beobachtet, dass Männer sich die Bedingungen rund um die Karenz besser mit ihrem Arbeitgeber aushandelten, was aber auch damit zu tun haben könnte, dass die Karenzzeiten durchwegs viel kürzer sind als bei Frauen.

Personalleiter in Karenz

Eines der Positivbeispiele ist Stephan Spatt. Er ist Personalleiter beim Verein Licht für die Welt und gehört genau jener Berufsgruppe an, deren Vertreter karenzwilligen Männern mitunter zu schaffen machen. Spatt hat sein Vorhaben von Anfang an offen ausgesprochen. "Die Vorlaufzeit war bei mir sehr lange: Die gesamte Schwangerschaft und danach noch die einjährige Karenzzeit meiner Partnerin hatte ich gemeinsam mit meinem Arbeitgeber Zeit, meine Karenz zu planen."

Die Lösung sah folgendermaßen aus: Eine zusätzliche Kollegin wurde für 25 Wochenstunden eingestellt. Spatt selbst arbeitete weiterhin auf geringfügiger Basis. So konnte er am Job dranbleiben, behielt den Kontakt zu den Kollegen und verlor den Anschluss nicht. "Fairerweise muss ich aber schon sagen, dass einiges aufgeschoben werden musste."
Die Methode hat sich scheinbar bewährt, denn Spatt geht mit 15. April dieses Jahres erneut für ein halbes Jahr in Karenz. Bis jetzt hätten hundert Prozent seiner Kollegen diese Möglichkeit in Anspruch genommen. Sogar der Geschäftsführer sei fünf Monate in Elternteilzeit gewesen.

Ein Vorzeigeunternehmen für Karenzväter quasi. Spatt ist sich durchaus bewusst, dass Karenzväter nicht in allen Firmen so gern gesehen sind: "Die meisten Arbeitgeber glauben, Väterkarenz zu organisieren sei kompliziert. Das ist es auch, aber Unternehmen profitieren auch davon, wenn der Anspruch einer guten Work-Life-Balance ernsthaft gelebt wird." Der Personaler ist absolut davon überzeugt, dass die Möglichkeit für Männer, in Karenz zu gehen, eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit hat.

Der erste Karenzvater im 1.000-Personen-Betrieb

Eine durchwegs positive Geschichte hat auch der dreifache Vater Thomas Mitmannsgruber zu erzählen. Er hat als Planer für haustechnische Anlagen bei einem niederösterreichischen Fertigteil-Hausbauer gearbeitet. "Ich informierte meinen Arbeitgeber lediglich vom Termin meines Karenzantrittes und bat um ein Gespräch mit dem Werksleiter zur Klärung der Modalitäten", erzählt er. Rasch wurde damals die Lösung in Form einer Teilkarenz gefunden. "Allerdings musste ich in den 20 Wochenstunden doch mehr als die Hälfte meiner bisherigen Arbeit erledigen. Damit hatte ich aber durchaus gerechnet - und ich war durch den hohen persönlichen Nutzen meiner Regelung auch hoch motiviert", so Mitmannsgruber.

Nach etwa einem Jahr wurde er von einem früheren Arbeitgeber - einer Planungsfirma - abgeworben und wechselte sogar mitten in der Karenz die Stelle. Der neue Arbeitgeber übernahm die Teilkarenzregelung, und die Möglichkeit einer weiteren Teilkarenz für weitere Kinder wurde vereinbart. "Ich hatte wohl unglaubliches Glück, habe aber auch konsensorientiert verhandelt und mit meinen Vorgesetzten immer eine Lösung gesucht, die Lücke so klein wie möglich zu halten." Mitmannsgrubers Rat an andere Väter: "Genau überlegen, was man will, und dieses Ziel dann selbstbewusst verfolgen." Vielleicht sogar mit dem Resultat, ein Vorreiter im eigenen Betrieb zu sein: Er selbst sei der erste Karenzvater in einem Tausend-Personen-Betrieb gewesen - und das im ländlichen Raum.

Weg des geringen Widerstands

Bleibt das Gedankenspiel, was passieren würde, wenn so ein Vorzeigemann zum Standardmann würde. "Was würde passieren, wenn plötzlich viel mehr Männer beschließen würden, in Karenz zu gehen?", fragt sich auch Arbeitsmarktforscherin Ingrid Mairhuber. Denn derzeit sei es immer noch so, dass die meisten Männer einen Rückzieher machen würden, sobald sie merken, dass es schwierig wird oder dass es gröbere finanzielle und karrieretechnische Einbußen geben könnte. Mit anderen Worten, so Mairhuber: "Die Frau hat noch immer die Ausfallshaftung." (Marietta Türk, derStandard.at, 1.2.2012)

  • Karenzvater Thomas Mitmannsgruber mit seinen fünfjährigen Zwillingsmädchen und seinem achtjährigen Sohn.
    foto: privat

    Karenzvater Thomas Mitmannsgruber mit seinen fünfjährigen Zwillingsmädchen und seinem achtjährigen Sohn.

  • Er hat sogar mitten in der Karenzzeit den Arbeitgeber gewechselt.
    foto: privat

    Er hat sogar mitten in der Karenzzeit den Arbeitgeber gewechselt.

  • Personalleiter Stephan Spatt war 2010 sechs Monate bei seiner Tochter  in Karenz und wird es heuer bei seinem Sohn wieder tun.
    foto: privat

    Personalleiter Stephan Spatt war 2010 sechs Monate bei seiner Tochter in Karenz und wird es heuer bei seinem Sohn wieder tun.

  • Stephan Spatt mit Kindern.
    foto: privat

    Stephan Spatt mit Kindern.

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