Blinde haben einen wesentlich feineren Tastsinn. Der deutsche Gynäkologe Frank Hoffmann hatte die Idee, sie in der Brustkrebs-Früherkennung einzusetzen
STANDARD: Wie kamen Sie auf die Idee, blinde Frauen zur
Untersuchung der weiblichen Brust im Rahmen der Brustkrebs-Früherkennung
auszubilden?
Hoffmann: Die Idee ist aus meinem täglichen Tun als
Gynäkologe entstanden. Im Rahmen der Brustkrebsvorsorge ist für alle
Frauen ab dem 30. Lebensjahr beim Routine-Check eine Tastuntersuchung
der Brust vorgesehen. Dabei geht es darum, Knoten in der Brust sehr früh
zu erkennen, um so die lebensgefährliche Metastasierung zu verhindern.
Die Tastuntersuchung ist bei Frauen unter 50 Jahren dafür die Basis der
Vorsorge. Mich hat als Arzt geärgert, dass ich in der relativ kurzen
Zeit, die mir bei einer Untersuchung in der Praxis zur Verfügung steht,
ein abschließendes Urteil darüber fällen soll, ob die Brust nun in
Ordnung ist oder nicht. Mein Gedanke war also: Wie lässt sich diese
Tastuntersuchung optimieren. Mein Ziel war, hier ein strukturiertes
Verfahren zu entwickeln, bei der ausreichend Zeit zur Verfügung steht
und der Untersucher über bestmögliche Tastfähigkeiten verfügt. So kam
ich auf Blinde. Ihre Behinderung ist in diesem Kontext also eine
Begabung.
STANDARD: Wie schwierig ist es, Brustkrebs zu erkennen?
Hoffmann: Der Tasteindruck, den so eine Untersuchung vermittelt, ist so
individuell wie jede Frau selbst. Es gibt keinen einheitlichen
Tasteindruck. Er ist abhängig vom Zyklus, der Hormonsituation, vom
Bindegewebsstatus selbst, von der Größe der Brust. Die Herausforderung
bei einer Tastuntersuchung ist, zu erkennen, was im Rahmen dessen, was
normal ist, das Besondere, das Auffällige ist. Man achtet auf die
Unregelmäßigkeit. Brustkrebs kann sich wie ein harter Knoten oder eine
Verdichtung anfühlen, er kann aber auch eine Art Architekturstörung
sein, dass also im Gesamtverbund der Brust eine bestimmte Stelle sich
vom Rest unterscheidet. Oft sind solche Tastbefunde auch gutartige
Veränderungen.
STANDARD: Wie lange dauert diese Untersuchung durch den Arzt?
Hoffmann: Wir Gynäkologen haben nicht mehr als ein paar Minuten Zeit für diese
Untersuchung. Das ist nicht optimal und lässt sich mittlerweile auch
belegen. Ärzte finden im Rahmen der routinemäßigen Tastuntersuchung
Tumoren üblicherweise ab einem Durchmesser von 1,5 bis zwei Zentimetern.
Die Tastauffälligkeiten, die Blinde entdecken, liegen zwischen sechs
und acht Millimetern. Das haben unsere Erfahrungen der letzten Monate
gezeigt. Das heißt also: Das, was wir als Ärzte leisten, ist nicht gut
genug. Generell wissen wir ja auch, dass 80 Prozent der
Tastauffälligkeiten von den Frauen selbst entdeckt werden.
STANDARD: Die Gynäkologin Maria Hengstberger in Wien hat eine ähnliche Methode vor 25 Jahren entwickelt.
Hoffmann: Genau, das stellte ich bei meinen ersten Internetrecherchen zum Thema
im Jahre 2004 ebenfalls fest. Soweit mir bekannt, ist sie die Einzige
weltweit, die in diese Richtung gedacht hat. Wir haben uns vor Jahren
auch getroffen. Mittlerweile engagiert sich Maria Hengstberger stark in
der Entwicklungshilfe. Meine Methode unterscheidet sich von ihrer
damaligen.
STANDARD: Inwiefern?
Hoffmann: Für Maria
Hengstberger war die Untersuchung der Brust durch die sogenannten
"blinden Brustschwestern" eine Alternative zur Selbstdiagnose. Meine
Idee war aber, Blinde zu ärztlichen Hilfskräften ausbilden. Maria
Hengstberger hat diese Frauen in ihrer Praxis eingesetzt, aber niemals
ein strukturiertes Ausbildungsprogramm aufgesetzt.
STANDARD: Wie ist Ihr Ausbildungskonzept?
Hoffmann: Wir haben ein eigenes Tastverfahren entwickelt. Dabei war mir eine
belegbare Untersuchungsmethodik wichtig, die den Befund
quadratzentimetergenau auch im Nachhinein ortbar macht. Wir haben also
mit öffentlicher Unterstützung ein Curriculum für die Ausbildung
zusammen mit dem Berufsförderungswerk entwickelt. So konnten wir die
Lehrmittel und patentierte Orientierungsstreifen für die Klinische
Brustuntersuchung durch Blinde erarbeiten.
STANDARD: Wozu Orienterungsstreifen?
Hoffmann: Sie sind mit haptischen Markierungen ausgestattet und werden an
Brustbein, Mamille und an der seitlichen Brustwand aufgeklebt. Sie sind
eine Orientierungshilfe, ein Koordinatensystem, das die Untersuchung
nicht nur sehr exakt, sondern auch für andere zu jedem Zeitpunkt
nachvollziehbar macht. Das gewährleistet die fehlerfreie Kommunikation
zwischen der Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) und dem Arzt. Derzeit
sind 14 MTUs in Deutschland im Einsatz. Sie sind zum Teil fest in
Praxen angestellt oder arbeiten als Freelancer. Eine Unter- suchung
kostet 35 Euro und wird von vier deutschen Krankenkassen bereits
über-nommen.
STANDARD: Wer trägt die Verantwortung?
Hoffmann: Der Arzt verantwortet die Untersuchung. Das ist schon aus
Haftungsgründen notwendig. MTUs erweitern die diagnostischen
Möglichkeiten des Gynäkologen und sind für Patientinnen ein Zeichen
dafür, dass mit großer Sorgfalt untersucht wird. Natürlich wissen die
MTUs sehr genau über Brustkrebs Bescheid, können während der 30- bis
60-minütigen Untersuchung auch vieles erklären - zum Beispiel zu
Mammografie-Screenings. Für Patientinnen ist das nicht alles immer so
einfach zu verstehen.
STANDARD: Ist diese Art der Untersuchung eine Konkurrenz zur Mammografie?
Hoffmann: Nein, wir wollen nur die Tastuntersuchung verbessern. Wenn es da einen
Befund gibt, folgen Ultraschall und Mammografie. Abgesehen davon gibt es
Formen von Mikroverkalkungen, die auch die MTUs nicht ertasten können.
Alle drei Diagnose-Optionen sind wichtig: Tasten, Ultraschall und
Röntgen beziehungsweise Mammografien im Rahmen von
Brustkrebs-Screenings. Wenn Zweifel bestehen, wird eine Biopsie gemacht.
Die endgültige Krebsdiagnose stellt der Pathologe. Wir haben hierfür
präzise Leitlinien. Die Tastuntersuchung ändert daran nichts.
STANDARD: Wollen Sie die Idee auch nach Österreich bringen?
Hoffmann: Natürlich. Wir haben allerdings gerade erst eine Basis in Deutschland
geschaffen und sind dabei, unsere Idee populär zu machen. Dabei geht es
auch um Überzeugungsarbeit bei den Kollegen. Grundsätzlich gilt aber:
Das komplette Lehrmaterial und die Unterlagen gibt es auf Deutsch, es
wäre also naheliegend, den Schritt über die Grenze zu wagen. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2012)