US-Finanzminister Timothy Geithner hält die Bemühungen für einseitig, Davos-Gegner Jean Ziegler das Weltwirtschaftsforum für einen Zirkus
Davos - US-Finanzminister Timothy Geithner hat das europäische Krisenmanagement als zu einseitig kritisiert. "Wer glaubt, mit Sparmaßnahmen alleine erfolgreich sein zu können, liegt in der Regel falsch", sagte Geithner am Freitag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Solange nicht stärker daraufgesetzt werde, das Wachstum zu stimulieren, seien die Probleme nicht zu lösen.
Geithner betonte jedoch, dass zuletzt Fortschritte in Europa gemacht worden seien. Mit den neuen Regierungen in Italien, Spanien und Griechenland sei man ein Stück weit vorangekommen. Auch die Schritte in Richtung einer fiskalischen Union bewertete der US-Finanzminister als positiv. In den USA gilt die europäische Schuldenkrise derzeit als größtes Risiko für die eigene Wirtschaft.
Rundes Wachstum - große Herausforderungen
Trotz des globalen Abschwungs wächst die US-Wirtschaft nach Einschätzung Geithners mit einer Jahresrate von zwei bis drei Prozent wieder relativ rund. Dennoch sei die größte Wirtschaftsmacht noch länger mit Aufräumarbeiten der Schäden aus der Finanzkrise beschäftigt, sagte Geithner. "Wir stehen vor großen Herausforderungen in den USA", warnte der Minister wenige Stunden vor der Veröffentlichung der offiziellen Wachstums-Zahlen.
Auch Notenbankchef Ben Bernanke konnte dem Land trotz der leichten Aufwärtstendenzen keine wirtschaftlich stärkere Phase bescheinigen. Insbesondere der langsame Abbau der für US-Verhältnisse hohen Arbeitslosigkeit macht dem Fed-Boss zu schaffen. Die Notenbank geht davon aus, dass die Erwerbslosenquote auch dieses Jahr mit 8,2 bis 8,5 Prozent weiterhin für US-Verhältnisse hoch bleiben wird und selbst im Jahr 2014 noch um die sieben Prozent aller Amerikaner ohne Job sein werden.
Auch der Wohnungsmarkt, auf dem die Finanzkrise mit einer geplatzten Immobilienblase ihren Ausgang nahm, bleibt Achillesferse der Wirtschaft: Die Zahl der verkauften Eigenheime ging im Dezember um 2,2 Prozent zurück. Der Schätzung des Handelsministerium zufolge wurden aufs Jahr hochgerechnet nur 307.000 Neubauten verkauft. Experten hatten mit 320.000 gerechnet. Die Notenbank erwägt, der Wirtschaft mit weiteren Geldspritzen Beine zu machen, sollte sich die Erholung zu lange hinziehen. Sie hat sich zudem dazu bekannt, ihre extrem konjunkturstimulierende Nullzinspolitik noch bis mindestens Ende 2014 beizubehalten.
Jean Ziegler: "Es geht nur um Macht"
Der Schweizer Soziologieprofessor Jean Ziegler hat indes das Weltwirtschaftsforum scharf kritisiert. Beim alljährlichen "WEF-Zirkus" in den Alpen gehe es "nicht um Dialoge, sondern um Machtbeziehungen", sagte der bekannte 77-jährige Globalisierungskritiker in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der Schweizer Online-Zeitung "20 Minuten".
Davos biete den Mächtigen eine Art "korrektive Psychotherapie": "Die Herren der Welt, die Kosmokraten, die am Forum teilnehmen, haben einen schlechten Ruf und leiden darunter." WEF-Impresario Klaus Schwab richte sie wieder auf, sagte Ziegler. Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Gründer des Forums sei ein kluger und brillanter Mann. "Ihm gelingt es, mit seinem WEF-Zirkus, der nichts anderes ist als heiße Luft, ein Millionenvermögen zu machen."
Ziegler warf dem WEF vor, als "Ideologiefabrik der Kosmokraten" immer wieder Ziele zu setzen, auf die man dann nicht mehr zurückkomme. So sei 2011 als ein Ziel die Kontrolle der weltweiten Nahrungsmittelspekulation genannt worden, die einer der Hauptgründe für den Hunger sei. Doch es sei nichts getan worden. Stattdessen sei die Nahrungsmittelspekulation 2011 explodiert und die Preise für Reis und Weizen seien dramatisch gestiegen.
"Das WEF fabriziert die Legitimationstheorie für die kannibalische Weltordnung", erklärte Ziegler. Der Genfer Professor war von 2000 bis 2008 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Er engagiert sich im Organisationskomitee des Weltsozialforums, das 2001 als Gegenbewegung zum WEF geschaffen wurde. (APA)