"Wer liest heute noch anstrengende Werke?"

28. Jänner 2012, 19:13
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    foto: standard/heribert corn

    Michael Stavaric, geb. 1972 in Brno, ist österreichisch-tschechischer Schriftsteller und Übersetzer. Er kam 1979 nach Österreich und lebt heute in Wien. Zuletzt erschien sein Roman "Brenntage" (C. H. Beck, 2011). Stavaric wurde eben erst mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet.

Literatur ist heute ein Minderheitenprogramm - Damit komme ich zu dem, was mir am Herzen liegt: Wer liest heutzutage noch belletristische Titel? Von Michael Stavarič

Ich frage mich schon lange, warum das Leben so ist, wie es ist, der Mensch das bleibt, was er bleibt (siehe: Weltgeschehen!), und ich mitten drin, um nichts besser, viel schlimmer noch, nur einer von vielen "Besserwissern", die wir nun mal alle sind, wo wir doch meinen, etwas erfasst/begriffen/verstanden zu haben, wir die Egoisten und Egomanen, wir, die (leider) denkenden und immerzu absichtsbezogenen Tiere; und gerne werden wir (meist von der Geschichte) eines Besseren belehrt und landen beim Glauben oder Ideologien oder Schlimmerem (schon wieder!). Alles wird besser, alles wird schon irgendwie, schau ma mal, alles wird gut! Amen! Oder auch: Was uns so sehr fehlt, sind Ironie und Milde!

Sie sehen schon, werte Leserinnen und Leser, dieser Beitrag wird ein Sammelsurium an Geschnatter, das mich beschäftigt ... zwar weiß ich durchaus, "nobler" wäre es, die Klappe zu halten und sich das Seine nur zu denken, es liegt einem Schreibenden allerdings schwer im Magen, zugegeben, die Klappe zu halten, das Leben ist ja auch kein Film.

Unterhaltsam ist der Mensch, kaum setze ich mich in die U-Bahn oder schlage ein Buch auf oder betrete einen Supermarkt oder nehme den Hörer ab (ich betätige den Knopf am Handy) oder sonst was in der Art, schon sehe ich eine Absurdität oder Anekdote auf mich einprasseln, Trommelfeuer, das macht so ein Leben paradoxerweise erträglich.

Erlauben Sie mir, Ihnen eine kleine und wahre Geschichte nahezubringen, die doch verdeutlicht, warum ich die Menschen liebe (DASS ich sie auch hasse, dessen seien Sie sich gewiss). Es handelt sich hierbei um ein überliefertes Gespräch zwischen dem einst gefürchteten Kaffeehausschachspieler, Herrn Burletzki, und dem süddeutschen Schachmeister, Herrn Köhnlein, wobei der Erstere - überaus motiviert und im Glauben an die eigenen Fähigkeiten - von einem klaren Sieg ausging.

Wie das Leben aber so spielt, es kam anders, als er dachte, denn die erste Schachpartie gewann tatsächlich Herr Köhnlein. Burletzki daraufhin: "Ich habe einen dummen Fehler gemacht." Die zweite Partie gewann ... ebenfalls Köhnlein. Burletzki: "Alle Partien kann man nicht gewinnen." Die dritte Partie gewann ... Köhnlein. Burletzki: "Ich bin heute in keiner guten Form." Die vierte Partie gewann, Sie werden es ahnen, Herr Köhnlein. Burletzki: "Er spielt nicht schlecht." Die fünfte Partie gewann Herr Köhnlein. Burletzki: "Ich habe ihn unterschätzt." Die sechste Partie gewann Köhnlein. Burletzki: "Ich glaube, er ist mir ebenbürtig." Sprach's und verließ den Spieltisch.

Oh ja, ich liebe die Menschen ... ich würde sie gewiss noch mehr lieben (und hassen), wenn sie (als Gesellschaft) etwas mehr für Literatur übrig hätten. Literatur ist längst ein Minderheitenprogramm. Und damit komme ich zu meiner eigentlichen Fragestellung oder dem, was mir am Herzen liegt ... Wer liest heutzutage noch belletristische Titel? Werke, die formal und inhaltlich anspruchsvoll, also "anstrengend" sind? Wer hat noch etwas für Poesie, experimentelle Prosa oder Romane über, die nicht dem üblichen "roten Faden" folgen, die keine Anbiederung an den Mainstream bedeuten, die etwas wagen / verrätseln / aus den Angeln heben?

Ich erinnere mich an ein Zitat von Milan Kundera, der so klug war zu behaupten, dass - ich zitiere sinngemäß - "einer, der heutzutage noch so verrückt ist, Bücher zu schreiben, dieser das doch gefälligst so tun soll, dass man den Inhalt nicht nacherzählen kann". Wenn man so will, ist dies eine Anleitung, sich der, verzeihen Sie mir den Ausdruck, "Klappentextprosa" zu entledigen. Bücher, die sich problemlos nacherzählen lassen ... ich meine, liegt es da nicht auf der Hand, dass mit denen etwas - im literarischen Sinne - nicht stimmt? Und überhaupt - warum ist die Literatur in unseren Gesellschaften so vernachlässigbar geworden? Liegt es an der heutigen Sozialisation? Am Aufkommen des Fernsehens, des Internets? Am Abbau der Mittelschicht? An dem kaum noch vorhandenen Willen der Politik, Bildung zur zentralen Vision des 21. Jahrhunderts zu machen? Wenn man so will: Gerade die Gegenwartsliteratur ist doch in unserer Gesellschaft kaum noch gegenwärtig!

Und was passiert hinter den Kulissen des Literaturbetriebs? Es gibt immer schlechter ausgebildete Buchhändler, die keine Ahnung mehr von ihrem Sortiment haben! Es gibt immer restriktivere Vertriebsmechanismen, die es kleineren Verlagen nahezu unmöglich machen, zu überleben. Es ist längst Realität, dass sich Verlage bei großen Buchketten "einmieten", dementsprechend ihre "Toptitel" stapelweise präsentieren dürfen. Es ist längst Realität, dass selbst viele der "Guten" unter den großen deutschen Verlagen leicht konsumierbare Titel in den Vordergrund stellen. Und der charismatische Verleger? Seine Zeit scheint zu Ende zu gehen - es kommen die Vertriebs-, PR- und Marketingmeister! Ist Ihnen aufgefallen, dass in Verlagen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, die - kapitalistisch betrachtet - auf der Strecke bleiben? Viele Wochenstunden, geringe Entlohnung ... oder lassen Sie es mich anders ausdrücken: Idealismus vorausgesetzt. Und die Autorinnen und Autoren? Selten werden ihre Titel zu Bestsellern - der Normalfall sieht demnach so aus, dass zwei bis vier Jahre Arbeit mit 6000 bis 15.000 Euro Honorarvorschuss "entlohnt" werden. Falls überhaupt; viele wären froh, wenn sie je so weit kämen. Ist das angemessen? Verdient nicht jeder Bauarbeiter oder Fußballspieler in irgendeiner belanglosen Regionalliga deutlich mehr?

Das kulturelle Fundament

Darüber hinaus frage ich mich, ob Ihnen eigentlich klar ist, wie wichtig das literarische Übersetzen und halbwegs anspruchsvolle Kinderliteratur sind? Das literarische Übersetzen selbst wird noch desaströser entlohnt als das Bücherschreiben. Warum überhaupt literarische Übersetzungen? Mir persönlich fallen schon Antworten ein: Weil (ich beziehe mich hier auf Peter Hanenbergs Buch Europa eine Seele geben) diese Übersetzungen das kulturelle Fundament Europas sind. Weil diese Übersetzungen die Voraussetzung für ein Gespräch bilden. Weil diese Übersetzungen das Bewusstsein für eine "Differenz" ausbilden - sie sind Mittel, mit deren Hilfe wir uns Wissen und Erfahrung anderer aneignen können. Solche "Differenzen" sind immer lebensbejahend! Weil das Übersetzen an sich die intensivste Form des Lesens ist. Lernen Sie (neue) europäische Sprachen! Ja, Sie meine ich! Wie wäre es mit denen Ihrer Nachbarländer?

Da fällt mir noch ein Zitat ein, von einem hohen Bonner Ministerialbeamten zu einem seiner Mitarbeiter: "SCHREIBEN Sie diesen deutschen Text ins Französische ab!" Es ging keinesfalls um Literatur, doch die sich darin manifestierende Ignoranz, wie essenziell Übersetzungen in und aus andere/n Sprachen sind, erschreckt mich nach wie vor. Und was die Kinderliteratur anlangt? Ich behaupte, dass sie die "vergessene Königsklasse" der Literatur ist. In Zeiten von Leseschwäche und Pisa-Studien sollte der Wert von ambitionierten Kinderbüchern außer Frage stehen. Meines Erachtens kann man Kinder schon früh an komplexe Themen wie Sprachenvielfalt, Tod, Beziehung, Umwelt, Demokratie etc. heranführen. Ob nun Kinder, die mit Büchern von Wolf Erlbruch, Linda Wolfsgruber und Co aufwachsen, später vermehrt zu belletristischen Titeln greifen, würde mich brennend interessieren - ich kann es mir vorstellen.

Aber genug davon ... um aus Ihnen einen "besseren" Menschen zu machen (so weit das noch möglich ist), empfehle ich die Lektüre folgender Werke: 1. Hans Lebert: Die Wolfshaut und Der Feuerkreis; 2. Bohumil Hrabal: Allzu laute Einsamkeit; 3. Les Murray: Fredy Neptune; 4. Anne Carson: Rot; 5. Karel Èapek: Das Absolutum oder die Gottesfabrik und Der Krieg mit den Molchen; 6. Joseph Conrad: Herz der Finsternis; 7. Wenedikt Jerofejew: Die Reise nach Petuschki; 8. Per Olof Enquist: Der gestürzte Engel; 9. Vladimir Holan: Nacht mit Hamlet; 10. Kevin Vennemann: Nahe Jedenew; 11. Christina Friedrich: Morgen muss ich fort von hier und 12. Patrik Ourednik: Europeana (die fremdsprachigen Titel sind alle hervorragend übersetzt).

Und falls Sie im Jahr 2012 ein Buch pro Monat lesen, dann schaffen Sie das Pensum halbwegs! Sie bleiben natürlich ein ganz normaler Besserwisser, Ihr Leben wird allerdings dadurch nicht schlechter werden, versprochen. Oder um es mit den bemerkenswert poetischen Worten eines kanadischen Eishockeyspielers zu sagen: "Es gab Zeiten, da habe ich den Schläger so fest gedrückt, dass Ahornsirup daraus hervorquoll." Ich versichere Ihnen, so gut sind diese Bücher! Und die Zeit, sie zu lesen, sollten Sie sich nehmen. Sei es auch nur, um mich davon zu überzeugen, dass die Welt gar nicht so schlecht ist, wie ICH meine.

Wer hat noch etwas für Poesie oder Romane über, die keine Anbiederung an den Mainstream bedeuten, die etwas wagen / verrätseln / aus den Angeln heben? (Michael Stavarič, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)

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  • Ich frage mich ...

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  • Ich frage mich ...

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  • "Wer liest heute noch anstrengende Werke?" [165]

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Kommentar posten
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Girgl Galgenstein
00
26.2.2012, 07:50
Man schreibt über den Wert der Literatur

mithin der geschriebenen Sprache und verhunzt sie im selben Augenblick. Es mag einer übertriebenen Political Correctness geschuldet sein, aber warum ist der Autor nicht in Brünn, sondern Brno geboren? Wir sprechen von Mailand, Rom und Brüssel. Warum also Brno? Und wie wäre dann die korrekte Bezeichnung für Erzeugnisse aus dieser Stadt? Brnoer Produkte? Sprache soll doch zur Erhellung beitragen.

Hans-Peter Waldbauer
00
19.3.2012, 15:33
das ist eine interessante frage....

... ich hab kürzlich versucht auf oebb.at einen zug von wien nach brünn ausfindig zu machen, was mir nicht gelang... erst von wien nach brno gab es diese.

Zdenko von Chlamtatsch
02
"Ein Werk der Erzählkunst ...

... ist es umso mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann." (Heimito von Doderer)

lesemaus
01
31.1.2012, 15:44
Ob nun Kinder später vermehrt zu belletristischen Titeln greifen, würde mich brennend interessieren - ich kann es mir vorstellen.

Meine Kimder sind mit Mira Lobe, Nöstlinger,  Michael Ende, ......aufgewachsen und lesen: 
 Kind 1 - gar nicht.bzw. Computerliteratur
Kind 2 -Donald Duck 
Kind 3 - Pilcher und dergleichen

so viel zum Thema, wie KinderIiteratur die Lesegewhmheit der Kinder später NICHT beeinflußt!

DarktowerX
00

wobei Donald Duck (besser noch Onkel Dagobert) von gutem Geschmack zeugt! :-)

Jehane
00

Lesegewohnheiten können sich auch ändern. Ich hab als Teenager Liebesromane z.B. von Victoria Holt toll gefunden, die rühr ich heute nicht mal mehr mit einer Zange an *brr*

baroli
21

Vielleicht hätten sie halt rechtzeitig auf Anspruchsvolleres umsteigen sollen und nicht bis 20 Lobe lesen.

methinks there is much reason in his sayings
00
30.1.2012, 17:44

mir fällt zu der debatte unten ein lichtenberg-zitat ein: wer nichts als chemie versteht, versteht auch die nicht recht.
lichtenberg war mathematiker & physiker.
es ist schon gut, dass es dinge gibt, die über bloße berechenbarkeit & vordergründige zweckmäßigkeit hinaus gehen, und das kann gute literatur leisen. ein hölderlin-gedicht im kopf zu haben ist nicht sinnlos.

überdies braucht sich der autor keine sorgen zu machen: "anstrengende" literatur wird auch weiterhin ihr publikum haben; vielleicht ist es heutzutage etwas kleiner als früher - aber nichtmal das glaube ich wirklich. es war nie groß.

chrilly donninger1
31
30.1.2012, 16:30
Die Seele einer neue Maschine

Es gibt m.W. im Deutschen keinen Roman der sich mit den Entwicklern z.B. eines neue Computer-Tomographen beschäftigt. Das ist eine auch sozial höchst interessante Geschichte, weil hochqualifizierte Experten und somit Individualisten in einem grossen Team diszipliniert zusammenarbeiten müssen. Es hat auch das Produkt massive Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Trotz ihrer sozialen Bedeutung kommt die Wissenschaftlich-Technische Intelligenz in der Literatur so gut wie nicht vor.
Weil die Autoren Germanisten et al. sind die von dieser Welt keine Ahnung haben. Die kleine Germanisten-Welt ist hingegen in den Werken stark überrepräsentiert.

Jehane
02

Lustig. Das Klischee, dass Autoren zwangsläufig Germanisten sind, hält sich also immer noch :))

Xulu Hulu
00

Sicher, es gibt auch keine Science Fiction, die sich detailliert mit Technik und deren möglichen Entwicklungen befasst, z.b. Gibson.

DarktowerX
02
30.1.2012, 15:14

Vielleicht sind "anstrengende" Werke deshalb anstrengend, weil sie einfach schlechte Geschichten erzählen?

Jehane
00

Das kommt drauf an, was man unter einer guten bzw. einer schlechten Geschichte erzählt. Es gibt Romane, die sind brilliant geschrieben, handlungstechnisch tut sich aber nur wenig bzw. ergehen sich die Autoren in langen Beschreibungen. Bret Easton Ellis kann das hervorragend. Ich les grade "Glamorama", bin im letzten Drittel angelangt und frage mich, ob man das Buch nicht etwas kürzen hätte können. Trotzdem macht's Spaß, das zu lesen.

pox vobiscum
00
30.1.2012, 21:11

Hmm, sicher.
Rosamunde Pilcher zum Beispiel.

Nick Tameer
02
30.1.2012, 20:58

Eine Geschichte ist so gut oder schlecht, wie sie erzählt wird. Die Idee dass dass es sich um eine dem literarischen Formen vorgängige Kategorie handelt, ist nicht nur naiv, sondern absurd.

chrilly donninger1
30
30.1.2012, 16:46
Sie haben ausser vom Schreiben von nix eine

Ahnung. Es wird die Ahnungslosigkeit nur formal aufgeblasen. Wenn wer etwas zu sagen hat, kann er es auch klar sagen.

cookieberlin
00
11.2.2012, 23:58

...Und wer nichts zu sagen hat, läßt besser alles im unklaren.

sandor gjalski
00
30.1.2012, 14:31

wenn wir davon ausgehen dass der aufstieg der märkte eine kleinbürgerliche yuppie-riege als elite defineirte für die deren bedürfnisse der massenmarkt geschaffen war und deren medium fernsehen ist.

dadurch wurde der staatlich subventionierte und strukturerhaltende hochbürger als kulturelite verdrängt;

und es bildete sich eine chimäre der bobo! der ganz eine andere ästhetik als der hochbürger hat!!

deren unterschiede auszuführen und kategorisieren könnte man auch aufgrund der vorangehender postings

chrilly donninger1
20
30.1.2012, 14:45
Es hat sich einfach der Anteil der

wissenschaftlich-technischen Intelligenz stark erhöht.
Man braucht das nicht mit yuppie-Termen beschreiben.
Bei Siemens-Österreich hackeln nur mehr relativ wenige Prolos, sondern überwiegend Ingenieure.
Die müssen auch was können. Dadurch verwendet man für ihre Ausbildung mehr Aufwand für Mathematik und weniger für unnützes Altgriechisch.
Und sie müssen sich im Gegensatz zur alten Bildungselite auch fachlich weiterbilden.
Das verändert die Anforderungen an die Kultur.
Wenn die Künstler diese elementaren gesell. Prozesse nicht verstehen, sind sie überhaupt unnötig. Es wäre ja Aufgabe der Kunst die Gesellschaft mit ihren Mitteln zu erfassen.

moroser poster
00
30.1.2012, 16:17
die wissenschaftlich-technische intelligenz

braucht also keine "klassische bildung"? der befund, dass es soziale veränderungen sind, welche den stellenwert der literatur ändern, ist das eine. man konsumiert eben eher krimis, fantasy und thriller. Okay. aber es sind doch zwei sachen zu unterscheiden, die hier in der diskussion wild durcheinander geworfen werden: schriftsteller,die von ihrer arbeit leben wollen, wie von einem anderen job, werden sich dem konsumverhalten anpassen - nichts neues da. Aber daneben gibt es die "hohe literatur" als heiligen gral, als wunsch nach aufnahme in den "olymp" der großen, die dauerhaftes schaffen (zumindest für ein jahrhundert). das ist ein legitimes ziel (auch wenn die moderne es fragwürdig gemacht hat und der wunsch nur gebrochen weiterlebt).

chrilly donninger1
21
30.1.2012, 16:44
Die Wissenschaftliche Technische Intelligenz

braucht keine klassische Bildung. Für den Bau eines Computer-Tomographen braucht man nicht Latein und Altgriechisch können. Das ist nur die Bildung der Leisure-Class. Sie demonstriert, dass man es sich leisten kann mit hohen Aufwand ein vollkommen unproduktives Wissen zu erwerben.
Man braucht auch nicht Goethes Faust oder Proust gelesen haben. Davon wird der Tomograph nicht besser.
T.Kidders "Die Seele einer neuen Maschine" könnte schon nützlich sein. Oder F.Brooks: The Mythical Man Month.
Wobei natürlich jeder Mensch auch seine Hobbies hat. Aber das ist sicher nicht irgendwelche hard-core Literatur. Dazu hat man nach einem Tag im Tomographen Labor keinen Schädel mehr.

moroser poster
00
31.1.2012, 11:45
jetzt hätte mich doch interessiert, ob chrilly

Computer-Tomographen baut oder sonst was hochtechnisches, oder seine Aussage auch nur auf Annahmen stützt, die er (sie?) wo gelesen hat!

Aung San Suu Tschi
 
11
31.1.2012, 12:09

Er baut/programmiert Schach-Computer, ist darin international sehr erfolgreich und engagiert sich in niederösterreichischer Lokalpolitik. Außerdem ist er ein Spezialist iS Versicherungsmathematik.

Es ist ganz eigenartig, dass sich ein so gescheiter Mensch so massiv gegen die Literatur wendet und erinnert ans Gymnasium. Da wurden - unreif - auch solche schädlichen geistigen Grenzen aufgebaut. Die Guten in Mathematik wurden gegen die Guten in Deutsch ausgespielt. Dass Textverständnis und mathematisches Denken sehr wohl viel gemeinsam haben, wissen jedoch Linguistik und Neurowissenschaften.

Außerdem haben sich Autoren wie Capek, Bulgakov, Stanislaw Lem, Jules Verne u.v.a. sehr mit der Technik beschäftigt. Die kennt er offenbar noch nicht.

Aung San Suu Tschi
 
03
30.1.2012, 23:06
"Intelligenz", die andere intelligente Werke ablehnt, ist (Bingo!) nicht intelligent

Niemand zwingt Sie, sich mit Proust auseinander zu setzen. Sie wollen es nicht & brauchen es nicht. Also lassen Sie's.

Es gibt aber Leute, die das sehr wohl wollen & davon geistig sehr profitieren. Durch Proust wird glasklar, was Erinnerung für uns alle bedeuten kann, es ist ein Werk über die Vergänglichkeit & die Schwierigkeit einer gelungenen Identitätsfindung.

Musil, der von der Ausbildung her Ingenieur + Philosoph war, hat uns allen tiefgehende Erkenntnisse vermittelt, hat die Absurdität in Beziehungen einmalig komisch vermittelt.

Sie beschäftigen sich mit dem Schach-Spiel. Auch das ist nicht unbedingt lebenswichtig, aber sehr wertvoll.

Schließlich, wirkliche Intelligenz kommt bescheiden daher. Sokrates: Scio me nihil scire.

Machtjan X
00
11.2.2012, 18:29

Ach, man liest was und manches Mal, wenn man auf ganz tiefe Weisheiten stößt oder auf unsterbliches Wissen, juckt´s einen halt. Gedachte, einen milden Scherz zu treiben. - Tut leid, dass ich Sie gekränkt habe.

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