Rundschau: First We Lose Manhattan

Ansichtssache |
Bild 1 von 11»
coverfoto: heyne

Steve Alten: "Das Ende"

Broschiert, 720 Seiten, € 10,30, Heyne 2012 (Original: "Grim Reaper: End of Days", 2010)

Meistens ist das erste Buch in der Rundschau ein Vorzeigestück, das man gerne auch mal gut sichtbar auf dem Kaffeetischchen herumliegen lässt. Aber wir schreiben 2012, und das Jahr kann man natürlich nur so beginnen, wie es nicht enden wird: mit einer Apokalypse. Und Bestseller-Autor Steve Alten ist der richtige Mann für den Job, um reißerische Themen war er schließlich nie verlegen. Seine Schriftsteller-Karriere hatte der Amerikaner in den 90ern mit der "MEG"-Reihe gestartet; als Hauptattraktion fungierte darin der Riesenhai Megalodon, der zum Schrecken der Wale der Welt aus dem Himmel der ausgestorbenen Tiere zurückkehrt. Mit haarsträubenden Begleiterscheinungen. Eher zum Schrecken der LeserInnen hat Alten aber mittlerweile die Spiritualität und insbesondere die Kabbala für sich entdeckt. Bedeutungsschwangere Zahlen spielen in "Das Ende" daher eine große Rolle, und mit 2012 allein ist es nicht getan. Alten hat überdies - und sogar beinahe richtig - zurückgerechnet, dass das ominöse Maya-Datum genau 666(!!!) Jahre nach der als "Schwarzer Tod" in die Geschichte eingegangenen Pestepidemie des Spätmittelalters liegt. Da ist ein Zusammenhang doch wohl offensichtlich.

So bricht die Pest erneut aus, und zwar in Manhattan, wo Weltuntergänge meistens starten. Allerdings handelt es sich um eine Scythe genannte biotechnisch aufgemotzte Variante des alten Pestbakteriums. Einem Klüngel von Verschwörern aus höchsten US-Kreisen erschien die Freisetzung des Erregers als gute Idee (Stichwort "Politik der Angst"). Allerdings laufen ihnen dann die Ereignisse davon, weil sich eine am Scythe-Programm beteiligte Biologin, Mary Louise Klipot, in religiösem Wahn den Erreger schnappt und ihn eigenhändig - und somit nicht ganz den Planungen entsprechend - unter die Leute bringt. Manhattan wird abgeriegelt, und inmitten der wie die Fliegen umfallenden Menschenmassen sind neben Mary Louise auch die übrigen ProtagonistInnen gefangen: Leigh Nelson, Ärztin in einem Krankenhaus für Kriegsveteranen, und Patrick Shepherd, einer von dessen Insassen und die eigentliche Hauptfigur des Romans. Er ist ein traumatisierter Soldat, der über die Jahre hinweg von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz transferiert wurde und zuletzt seine Hand verloren hat - der Grund, warum er zu diesem allesentscheidenden Zeitpunkt in Leighs Umfeld gelandet ist. Patrick ist übrigens die Reinkarnation von Jim Morrison. Das war zwar jetzt ein Spoiler, aber das sag ich hier deshalb, weil es sich beim Doors-Sänger eh nur um die unwichtigste von Patricks früheren Existenzen handelt, es überdies erklärt, warum Alten ständig Doors-Lyrics zitiert ... und vor allem, weil es schon im Kleinen ganz gut illustriert, in welche Untiefen Alten sich im Verlauf seines Romans begibt.

Bleibt als letzte Hauptfigur Bertrand DeBorn, langjähriger Sicherheitsberater der US-Regierung und gewissermaßen das personifizierte Böse. Wir erfahren, dass DeBorn - einmal fällt das Wort "Illuminati" - bei nahezu allen brisanten Ereignissen der vergangenen Jahrzehnte an den Strippen gezogen hat, vom Sturz des Schahs über den Georgien-Krieg von 2008 bis zum Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko. Einen Grundzug von Verschwörungstheorien bringt dies hervorragend auf den Punkt: Multikausale Ereignisfolgen werden auf eine einzige Ursache zurückgeführt, und schon ist die komplizierte Welt für jedermann verständlich geworden. Dabei sind die Übergänge in "Das Ende", das auf eine explizit politische Note setzt, fließend. Am einen Ende des Spektrums steht Altens Kritik an unleugbaren Missständen - zum Beispiel dem allgemeinen Desinteresse gegenüber den invaliden KriegsheimkehrerInnen. Das setzt sich fort in weder beweis- noch widerlegbaren Aussagen, etwa dass die zumindest gerne als "Nebenwirkung" in Kauf genommene Erdöl-Erschließung des Irak das eigentliche Kriegsziel gewesen sei. Und mündet schließlich in das volle 9/11-Verschwörungsprogramm. Europäische LeserInnen dürfte dies allerdings weniger polarisieren als die US-amerikanischen, unter denen Altens Buch einen Sturm ausgelöst hat.

Was setzt man nun einem verschwörerischen Geheimbund entgegen? Aufklärung etwa und umfassende Informierung der Öffentlichkeit? Nein, einen anderen Geheimbund natürlich - der aber ein guter ist. Was man unter anderem daran merkt, dass er übernatürlichen Segen erhalten hat. Im konkreten Fall handelt es sich um eine Neunzahl weiser Männer, die seit Jahrhunderten über die Menschheit wacht und der Alten einige positiv besetzte Figuren der Historie angehören ließ. Unter anderem auch Aristoteles, der zwar ein Jahrhundert vor der Zeit lebte, in der der Bund laut Roman gegründet wurde, aber wer wird das schon so genau nehmen. Immerhin lässt Alten auch sämtliche Iraker Farsi sprechen. Aber zurück zur Spiritualität: Sie bildet neben der Thriller-Handlung und der politischen Message das dritte der Elemente, die Alten in seinem Roman zusammenführt oder besser gesagt mit Ach und Krach ineinander verkeilt. Drei sind mindestens eines zuviel, und ich würde beim Streichen für den Mystizismus stimmen. Alleine schon deshalb, weil er die anfangs noch spannende Handlung zunehmend verschwurbelt und schließlich ganz aus dem Ruder laufen lässt.

Die Kabbala mag Alten fasziniert haben, aber mit welcher Für-gelangweilte-Westler-Modevariante hat er sich befasst? Selbst wenn man die spirituellen Elemente akzeptiert, stolpert man immer wieder darüber, dass sie in sich völlig unzusammenhängend sind. Beispiel aus dem Mund eines der Weisen: "Wenn eine kritische Masse erkennt, dass wir alle Brüder und Schwestern sind, dann wird die Welt von Grund auf verändert werden, und wir werden Unsterblichkeit erlangen." Grade war noch vom Kampf zwischen "Gut" und "Böse" die Rede, wie kommt da plötzlich die Unsterblichkeit ins Spiel? Leider ist das nur willkürlich zusammengeklaubtes Gefasel aus dem esoterischen Supermarkt, bla bla Licht Gottes und Negativität bla. Und hinter dem Licht verbergen sich keineswegs so menschenfreundliche Urteile über andere: Wenn ein Haufen reicher BürgerInnen auf einem Floß aus Manhattan fliehen will und von einer Militärdrohne totgebombt wird, heißt es kühl: Die hatten ja auch ein negatives Leben geführt. Dass deren Kinder und Dienstboten ebenfalls an Bord waren, relativiert das Urteil nicht; offenbar gibt es so etwas wie spirituelle Sippenhaftung. Und irgendwie symbolisch für die größenwahnsinnige Anmaßung, die aus dem Glauben, die Wahrheit gesehen zu haben, entspringen kann, schlüpft Patrick am Ende in eine gelinde gesagt PROMINENTE neue Rolle. Das zu verraten wäre jetzt allerdings ein unzulässiger Spoiler.

Meistens ist es keine gute Idee, einen großen Roman schreiben zu wollen. "Am Ende" enthält allerlei Halbgares, das die Kernhandlung - immer noch der gelungenste Teil des Ganzen - wohl aufwerten sollte. Seien es Auszüge aus einer mittelalterlichen Chronik, Doors-Zitate oder extensive Verweise auf Dante Alighieris "Inferno". Da werden die Romankapitel gemäß den Höllenkreisen eingeteilt, und wo bei Dante Vergil durch die Unterwelt führte, da hat Patrick einen Virgil Shechinah als Begleiter. Alles ein bisschen dick aufgetragen. Im Vorwort des Romans schreibt Alten: Außerdem wurde mir klar, dass "Das Ende" weit mehr sein sollte als bloß ein Thriller. Und das ist es auch geworden, nämlich ein zu langer und mit viel zu viel unnötigem Ballast vollgestopfter Thriller. Das ultimative Urteil über das Buch hat aber Altens Ko-Autor Nick Nunziata im Nachwort gesprochen und rundet damit den Themenkreis Anmaßung aufs Schönste ab: Dantes "Hölle" aus der "Göttlichen Komödie" ist bereits für sich genommen ein tiefes und dunkles und zeitloses Werk, doch seine Kombination mit realen Gefahren spezifisch moderner Ausprägung verleihen ihm noch eine weitaus tiefere Bedeutung. Mit anderen Worten: Steve Alten hat Dante besser gemacht. Endlich.

weiter ›
Share if you care