Rundschau: First We Lose Manhattan

Ansichtssache | Josefson
4. Februar 2012, 10:21
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coverfoto: heyne

Steve Alten: "Das Ende"

Broschiert, 720 Seiten, € 10,30, Heyne 2012 (Original: "Grim Reaper: End of Days", 2010)

Meistens ist das erste Buch in der Rundschau ein Vorzeigestück, das man gerne auch mal gut sichtbar auf dem Kaffeetischchen herumliegen lässt. Aber wir schreiben 2012, und das Jahr kann man natürlich nur so beginnen, wie es nicht enden wird: mit einer Apokalypse. Und Bestseller-Autor Steve Alten ist der richtige Mann für den Job, um reißerische Themen war er schließlich nie verlegen. Seine Schriftsteller-Karriere hatte der Amerikaner in den 90ern mit der "MEG"-Reihe gestartet; als Hauptattraktion fungierte darin der Riesenhai Megalodon, der zum Schrecken der Wale der Welt aus dem Himmel der ausgestorbenen Tiere zurückkehrt. Mit haarsträubenden Begleiterscheinungen. Eher zum Schrecken der LeserInnen hat Alten aber mittlerweile die Spiritualität und insbesondere die Kabbala für sich entdeckt. Bedeutungsschwangere Zahlen spielen in "Das Ende" daher eine große Rolle, und mit 2012 allein ist es nicht getan. Alten hat überdies - und sogar beinahe richtig - zurückgerechnet, dass das ominöse Maya-Datum genau 666(!!!) Jahre nach der als "Schwarzer Tod" in die Geschichte eingegangenen Pestepidemie des Spätmittelalters liegt. Da ist ein Zusammenhang doch wohl offensichtlich.

So bricht die Pest erneut aus, und zwar in Manhattan, wo Weltuntergänge meistens starten. Allerdings handelt es sich um eine Scythe genannte biotechnisch aufgemotzte Variante des alten Pestbakteriums. Einem Klüngel von Verschwörern aus höchsten US-Kreisen erschien die Freisetzung des Erregers als gute Idee (Stichwort "Politik der Angst"). Allerdings laufen ihnen dann die Ereignisse davon, weil sich eine am Scythe-Programm beteiligte Biologin, Mary Louise Klipot, in religiösem Wahn den Erreger schnappt und ihn eigenhändig - und somit nicht ganz den Planungen entsprechend - unter die Leute bringt. Manhattan wird abgeriegelt, und inmitten der wie die Fliegen umfallenden Menschenmassen sind neben Mary Louise auch die übrigen ProtagonistInnen gefangen: Leigh Nelson, Ärztin in einem Krankenhaus für Kriegsveteranen, und Patrick Shepherd, einer von dessen Insassen und die eigentliche Hauptfigur des Romans. Er ist ein traumatisierter Soldat, der über die Jahre hinweg von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz transferiert wurde und zuletzt seine Hand verloren hat - der Grund, warum er zu diesem allesentscheidenden Zeitpunkt in Leighs Umfeld gelandet ist. Patrick ist übrigens die Reinkarnation von Jim Morrison. Das war zwar jetzt ein Spoiler, aber das sag ich hier deshalb, weil es sich beim Doors-Sänger eh nur um die unwichtigste von Patricks früheren Existenzen handelt, es überdies erklärt, warum Alten ständig Doors-Lyrics zitiert ... und vor allem, weil es schon im Kleinen ganz gut illustriert, in welche Untiefen Alten sich im Verlauf seines Romans begibt.

Bleibt als letzte Hauptfigur Bertrand DeBorn, langjähriger Sicherheitsberater der US-Regierung und gewissermaßen das personifizierte Böse. Wir erfahren, dass DeBorn - einmal fällt das Wort "Illuminati" - bei nahezu allen brisanten Ereignissen der vergangenen Jahrzehnte an den Strippen gezogen hat, vom Sturz des Schahs über den Georgien-Krieg von 2008 bis zum Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko. Einen Grundzug von Verschwörungstheorien bringt dies hervorragend auf den Punkt: Multikausale Ereignisfolgen werden auf eine einzige Ursache zurückgeführt, und schon ist die komplizierte Welt für jedermann verständlich geworden. Dabei sind die Übergänge in "Das Ende", das auf eine explizit politische Note setzt, fließend. Am einen Ende des Spektrums steht Altens Kritik an unleugbaren Missständen - zum Beispiel dem allgemeinen Desinteresse gegenüber den invaliden KriegsheimkehrerInnen. Das setzt sich fort in weder beweis- noch widerlegbaren Aussagen, etwa dass die zumindest gerne als "Nebenwirkung" in Kauf genommene Erdöl-Erschließung des Irak das eigentliche Kriegsziel gewesen sei. Und mündet schließlich in das volle 9/11-Verschwörungsprogramm. Europäische LeserInnen dürfte dies allerdings weniger polarisieren als die US-amerikanischen, unter denen Altens Buch einen Sturm ausgelöst hat.

Was setzt man nun einem verschwörerischen Geheimbund entgegen? Aufklärung etwa und umfassende Informierung der Öffentlichkeit? Nein, einen anderen Geheimbund natürlich - der aber ein guter ist. Was man unter anderem daran merkt, dass er übernatürlichen Segen erhalten hat. Im konkreten Fall handelt es sich um eine Neunzahl weiser Männer, die seit Jahrhunderten über die Menschheit wacht und der Alten einige positiv besetzte Figuren der Historie angehören ließ. Unter anderem auch Aristoteles, der zwar ein Jahrhundert vor der Zeit lebte, in der der Bund laut Roman gegründet wurde, aber wer wird das schon so genau nehmen. Immerhin lässt Alten auch sämtliche Iraker Farsi sprechen. Aber zurück zur Spiritualität: Sie bildet neben der Thriller-Handlung und der politischen Message das dritte der Elemente, die Alten in seinem Roman zusammenführt oder besser gesagt mit Ach und Krach ineinander verkeilt. Drei sind mindestens eines zuviel, und ich würde beim Streichen für den Mystizismus stimmen. Alleine schon deshalb, weil er die anfangs noch spannende Handlung zunehmend verschwurbelt und schließlich ganz aus dem Ruder laufen lässt.

Die Kabbala mag Alten fasziniert haben, aber mit welcher Für-gelangweilte-Westler-Modevariante hat er sich befasst? Selbst wenn man die spirituellen Elemente akzeptiert, stolpert man immer wieder darüber, dass sie in sich völlig unzusammenhängend sind. Beispiel aus dem Mund eines der Weisen: "Wenn eine kritische Masse erkennt, dass wir alle Brüder und Schwestern sind, dann wird die Welt von Grund auf verändert werden, und wir werden Unsterblichkeit erlangen." Grade war noch vom Kampf zwischen "Gut" und "Böse" die Rede, wie kommt da plötzlich die Unsterblichkeit ins Spiel? Leider ist das nur willkürlich zusammengeklaubtes Gefasel aus dem esoterischen Supermarkt, bla bla Licht Gottes und Negativität bla. Und hinter dem Licht verbergen sich keineswegs so menschenfreundliche Urteile über andere: Wenn ein Haufen reicher BürgerInnen auf einem Floß aus Manhattan fliehen will und von einer Militärdrohne totgebombt wird, heißt es kühl: Die hatten ja auch ein negatives Leben geführt. Dass deren Kinder und Dienstboten ebenfalls an Bord waren, relativiert das Urteil nicht; offenbar gibt es so etwas wie spirituelle Sippenhaftung. Und irgendwie symbolisch für die größenwahnsinnige Anmaßung, die aus dem Glauben, die Wahrheit gesehen zu haben, entspringen kann, schlüpft Patrick am Ende in eine gelinde gesagt PROMINENTE neue Rolle. Das zu verraten wäre jetzt allerdings ein unzulässiger Spoiler.

Meistens ist es keine gute Idee, einen großen Roman schreiben zu wollen. "Am Ende" enthält allerlei Halbgares, das die Kernhandlung - immer noch der gelungenste Teil des Ganzen - wohl aufwerten sollte. Seien es Auszüge aus einer mittelalterlichen Chronik, Doors-Zitate oder extensive Verweise auf Dante Alighieris "Inferno". Da werden die Romankapitel gemäß den Höllenkreisen eingeteilt, und wo bei Dante Vergil durch die Unterwelt führte, da hat Patrick einen Virgil Shechinah als Begleiter. Alles ein bisschen dick aufgetragen. Im Vorwort des Romans schreibt Alten: Außerdem wurde mir klar, dass "Das Ende" weit mehr sein sollte als bloß ein Thriller. Und das ist es auch geworden, nämlich ein zu langer und mit viel zu viel unnötigem Ballast vollgestopfter Thriller. Das ultimative Urteil über das Buch hat aber Altens Ko-Autor Nick Nunziata im Nachwort gesprochen und rundet damit den Themenkreis Anmaßung aufs Schönste ab: Dantes "Hölle" aus der "Göttlichen Komödie" ist bereits für sich genommen ein tiefes und dunkles und zeitloses Werk, doch seine Kombination mit realen Gefahren spezifisch moderner Ausprägung verleihen ihm noch eine weitaus tiefere Bedeutung. Mit anderen Worten: Steve Alten hat Dante besser gemacht. Endlich.

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Danke für die Warnung vor dem Simmons-Roman. Als großer Fan der Hyperion-Serie hätte mir der auch "passieren" können. Obwohl, spätestens seit "Ilium" würde ich bei Simmons eh nicht mehr blind zugreifen.

Aaaarrrghhhh!!!

Da ist mir Simmons' "Flashback" in die Haende gefallen, beim letzten Kaufrausch im Buchgeschaeft. Bloeder Weise war ich mir nicht mehr sicher, ob ich darueber jetzt in dieser meiner Lieblingskolumne gelesen hatte oder nicht, und -

- und es ist ja noch VIEL SCHLIMMER als im Artikel (zu recht) bekrittelt. Was fuer ein oeder, reaktionaerer, eindimensionaler Schwachsinn. Das muss doch selbst dem dumpfbackigsten Redneck zu dumm sein.

Schad' um's Geld. *michselbstohrfeig*

Bewertung von "Kaiserkrieger" und Nachfolger

Die Geschichte insgesamt finde ich interessant, gut recherchiert und spannend geschrieben. Das Preis-Leistungsverhältnis der wenigen Seiten ist allerdings nicht stimmig. Drei Folgen von je rund 200 Seiten würden zusammengefasst ein normales Taschenbuch ergeben.

kurze Frage zu Dirk van den Boom:

hat die Bücher schon wer gelesen? Ich habe mit der Tentakel-Trilogie schlechte Erfahrungen gemacht, guter Anfang, unnötiger 2. Teil und absolut dämliches Ende. Klar, Geschmäcker sind veschieden aber wenn sich die Kaiserkrieger-Bücher auf gleichem Niveau befinden, dann kann ich sie mir ersparen.

*räusper* ...

J. Josefson
06
12.3.2012, 14:06

Wahrscheinlich werd ich jetzt rotbestrichelt, aber das dauert noch bis 24. War zuletzt leider anderweitig beschäftigt!

immerhin

eine klare Aussage, so weiß man woran man ist :-)

Ich freu mich schon!

wann kommt ENDLICH die nächste rundschau, ich sitz schon auf nadeln!!!

;-)

Suche dringend eine neuronale Borte

Als ich den letzten Banks gelesen habe, wähnte ich mich zuerst bei Alastair Reynolds (das lag an den Schiffsnamen) Als dann die KI's kamen, wartete ich auf Ian Cormac, aber der kam nicht. In den virtuellen Welten kann man tun und lassen was man will, aber es war kein Charles Stross...

Vielleicht ist das ja meinem fortschreitenden Alter und der dazu korellierenden Demenz geschuldet - aber ich hab inzw. Mühe mich in den ganzen Zyklen zurecht zu finden.

Wo sind nur die Fluss- und Ringwelten geblieben, an denen man einen Autor erkannte? Gibt's denn keine neuen Ideen mehr, wurden alle Ideen schon beschrieben? Vernor Vinge schrieb wenig, Rudelwesen hab ich aber nie mehr angetroffen!

Ich tröste mich jetzt mal mit "Help a Bear is..."

Hmm, aber nen Neal Asher kann man immer noch gut von einem Reynolds unterscheiden. Kein anderer hat so einen hohen Hard - und Bioware Verbrauch wie der gute Neal ;)

Daran ist viel Wahres ... ;-)

Rudelwesen...

Es gibt eine Nachfolge von "Deepness in the Sky".

http://www.amazon.com/Children-... 272&sr=8-6

enjoy!

Vorsicht bitte, der ist eine

"Fortsetzung" von "Ein Feuer auf der Tiefe" (NICHT von "Eine Tiefe am Himmel")!

Wer "Ein Feuer auf der Tiefe" noch nicht kennt, verhaut sich sonst den Zyklus komplett.

Da ist die Reihenfolge nicht egal, denn "The Children of the Sky" spoilt indirekt natürlich ziemlich intensiv "Ein Feuer auf der Tiefe"; sich gerade dieses Juwel zu "verderben" wäre extrem schade.

Diese Reihenfolge erscheint mir sinnvoll.

1.) A Fire Upon the Deep (deutsch: Ein Feuer auf der Tiefe)

2.) The Children of the Sky

A Deepness in the Sky (deutsch: Eine Tiefe am Himmel) ist zwar in der Geschichte des Zonen-des-Denkens-Universums am frühesten angesetzt, kann aber genauso gut vor oder nach 1.) (Idealfall) bzw. 2.) gelesen werden.

Monate später - danke...

...für den Hinweis auf "A Fire Upon The Deep".

Ein wirklich sehr unterhaltsames Lesevergnügen.

Sorry, bin zerknirscht...

Ja, sie haben recht....

Kein Grund für ein "Sorry", ist ja nur ein Hinweis meinerseits. Wer etwa auf Amazon recherchiert, bekommt ja auch alles gespoilert ... :-)

Hans Dominik - Das Erbe der Uraniden

mal ein SF Roman aus Deutschland so um 1926 herum.
schön zu lesen, vorallem was der Autor als zukünftige technologien gesehen hat.

Wenn man seine rassistischen Passagen und Ansichten ignorieren kann, hat er durchaus spannende und interessante Bücher geschrieben. Diese unerträgliche hetzerischen Teile haben mich aber schon als Kind massiv gestört.

Leseratten und die Moderne

Wollte mal fragen ob von euch Leseratten vielleicht jemand einen Kindle oder sonstigen eBook reader benutzt?

Aldiko unter Android auf meinem Smartphone. Immer dabei, mit 4" genügend großer Schirm bei gleichzeitiger Hosentaschentauglichkeit. Nachteil: Stromverbrauch.

Kindle am iPad.

FBReader und Foxit Reader (PDF) unter Android.

Läuft auf Smartphone und Tablet.

Ich verwende Kindle über das iPad. Vorteil: Man bekommt das sofort Sekunden nach dem Einkauf elektronisch gesendet. Weiters spart man Platz im Bücherschrank.

Nachteil:
Im Sommer draussen im Freien lesen bzw am Strand ist nicht empfehlenswert (Blendung durch die Sonne Verschmutzung/Beschädigung des Ipad) und man kann es zB am Strand nicht einfach liegen lassen (Klaugefahr)
Die ebook Versionen gibt es fast nur auf Englisch auf amazon.com, deutsche Übersetzungen sind Mangelware.

Hab Lust bekommen Bedenke Pheblas noch einmal zu lesen (letztes Mal ist fast 20 J her!), um 5$ auf Amazon.com gekauft und ca 2 min nach der Bezahlung angefangen zu lesen :D

Öhhm. Da fällt mich nur Reich-Ranicki ein:

Wozu soll ich das lesen? Als Warnung würd ich es ja verstehen.
Zum letzten Beitrag fällt mir gleich S. M. Stirlings "Island in the sea of time" ein. Aber auch dort verzettelt sich Stirling im Laufe seiner Nachfolgebände.
Auch von Simon R. Green bin ich bessres gewöhnt, wie z. B. der hinreißende "Blue moon rising"
Gelegentliches wiederlesen zahlt sich auch aus. So z. B. "Dark is the sun" von Philip Jose Farmer. Gegen das ist heutzutage dargebotenes nur lauwarmer Tee!

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