"Russland wäre durch einen Fall des Regimes stark geschwächt"

Interview | Florian Gossy, 27. Jänner 2012, 14:44
  • Artikelbild
    foto: swp

    Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Expertin Margarete Klein über den Syrien-Kurs der russischen Regierung

Syriens Machthaber Bashar al-Assad hat praktisch all seine Verbündeten verloren. Lediglich Russland steht noch hinter dem Diktator und versorgt ihn sowohl mit Munition als auch mit neuen Kampfjets. Für kurze Zeit schien es, als könnte Russland von diesem Kurs abkommen. Der Nahost-Beauftragte von Russlands Präsident Dmitri Medwedew, Michail Margelow, forderte von Assad Reformen. Auch eine Annäherung Russlands an die westlichen Staaten im UNO-Sicherheitsrat stand im Raum. Doch am Freitag wurde bekannt, dass Russland auch den jüngsten UNO-Resolutionsvorstoß der Arabischen Liga blockieren würde. derStandard.at hat Russland-Expertin Margarete Klein von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik zum Syrien-Kurs der russischen Regierung befragt.

***

derStandard.at: Russland liefert Militärflugzeuge und Munition an das syrische Assad-Regime, gleichzeitig mehren sich die Zeichen, dass auch Russland nicht mehr bedingungslos hinter Assad steht. Wie ist die Position Russlands zu Syrien?

Klein: Für Russland ist es ein Drahtseilakt. Einerseits ist Russland die Schutzmacht des herrschenden Regimes. Die ökonomischen und politischen Interessen Moskaus sind sehr eng mit dem Überleben des Assad-Regimes verbunden. Auf der anderen Seite droht Russland in den Sog der Selbstisolation Syriens in der Region gezogen zu werden. Um das zu verhindern, ist Moskau auch gezwungen, zumindest nach außen einen gewissen Druck auf das syrische Regime auszuüben. Im Moment fährt Russland aber insgesamt noch einen starken Assad-Unterstützungskurs.

derStandard.at: Warum steht Russland zu Assad, während man Gaddafi sehr schnell fallen gelassen hat? Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen Syrien und Libyen?

Klein: Mit Libyens Machthaber Gaddafi war die russische Führung politisch eigentlich nie besonders eng. Gaddafi war ein ökonomischer Partner, mit dem man in der Rüstungsindustrie zusammengearbeitet hat. Aber es war nie ein enger strategischer Partner, wie das bei Syrien der Fall ist. Russland hat nach dem Zerfall der Sowjetunion den Großteil seiner Verbündeten im Nahen Osten und in Nordafrika verloren. Es ist eigentlich nur Syrien übrig geblieben, das dieser Rolle am nächsten kommt. Syrien unterstützte Russland auch in schwierigen Fragen, zum Beispiel beim Tschetschenien- oder beim Georgien-Krieg. Syrien ist für Russland auch ein geopolitisches Gegengewicht zur amerikanischen Dominanz im Nahen Osten. So eine Position hat Libyen für Russland nie innegehabt.

derStandard.at: Hat die Libyen-Krise Auswirkungen auf das russische Verhalten im Syrien-Konflikt?

Klein: Russland gab sich zu Beginn der Libyen-Krise recht konziliant und hat sich im UN-Sicherheitsrat enthalten. Damit wurde die Militäroperation der westlichen Staaten erst ermöglicht. In der russischen Wahrnehmung ist es aber so, dass man dafür nachher überhaupt nichts bekommen hat und der Verlierer war. Die Vorstellung, dass der Westen eine Resolution, die für eine Flugverbotszone gedacht war, zu einem "Regime Change"-Mandat ausweitet, ist etwas, das aus russischer Sicht nicht mehr wiederholt werden soll. Deshalb ist die Lehre daraus, gar nicht erst den kleinen Finger hinzustrecken, sondern abwartend und zurückhaltend zu sein. Auf der anderen Seite versucht Russland schon längst, Kontakte mit der syrischen Opposition zu knüpfen, um eben nicht wie in Libyen den Fehler zu machen, nach einem Machtwechsel alles zu verlieren.

derStandard.at: Wie verändert sich die geostrategische Position Russlands im Nahen Osten, wenn Assad fallen sollten?

Klein: Für Russland wäre das ein herber Verlust an politischem Einfluss in der Region. Russland könnte genötigt sein, eine stärkere Bindung zum Iran einzugehen. Das würde bedeuten, dass sich das russisch-westliche Verhältnis weiter verschlechtert und russische Versuche, mit den Golfmonarchien ökonomisch und politisch stärker zusammenzuarbeiten, zum Scheitern verurteilt sind. Das ist für Russland sicherlich keine erstrebenswerte Position. Russland wäre im Nahen Osten durch einen Fall des Assad-Regimes stark geschwächt.

derStandard.at: Gibt es eine Art inoffizielle russische Strategie? Syrische Oppositionelle wurden ja in Russland wie vorhin erwähnt bereits empfangen.

Klein: Ich weiß gar nicht, ob Russland so stark einlenken wird. Es wird versuchen, den Druck auf Assad sanft zu erhöhen. Es gibt ja den russischen Vorschlag zu einer UN-Resolution, die aber sehr soft gehalten ist. Da wird der Opposition die gleiche Schuld zugewiesen wie der syrischen Regierung. Es fehlt auch jeder Hinweis auf Sanktionen. Das ist eher eine Art von Verzögerungstaktik und der Versuch, Russland in den Augen der anderen Staaten als konstruktiven Akteur erscheinen zu lassen. Aber ich glaube, das ist noch kein wirkliches Einlenken hin zu einer Genehmigung von Sanktionen. Russland versucht, den Druck auf Assad sanft zu erhöhen. Präsident Medwedews Afrika-Beauftragter Michail Margelow etwa forderte die syrische Regierung erst kürzlich auf, endlich die versprochenen Reformen durchführen. Da macht sich eine gewisse Frustration Russlands über das Verhalten der syrischen Führung bemerkbar.

derStandard.at: Russland hat angekündigt, die Resolution der Arabischen Liga im UNO-Sicherheitsrat abzulehnen, in der Assad zum Rücktritt aufgefordert wird. Kommt das für Sie überraschend?

Klein: Das kommt nicht überraschend. Es war klar, dass die russische Seite einer harschen Verurteilung oder Sanktionen des Regimes nicht zustimmen wird. Der eigene Vorschlag war auf eine softere Variante ausgerichtet.

derStandard.at: Russland wählt im März einen neuen alten Präsidenten. Wirkt sich dieser innenpolitische Aspekt auch auf die Außenpolitik aus?

Klein: Das ist ein verschärfender Faktor. In der Libyen-Frage hat sich Präsident Medwedew zur Resolution 1973 enthalten. Das ist innenpolitisch sehr stark umstritten gewesen, unter anderem von Premier Putin. Jetzt, wo Putins Ratings ja eher fallen, fährt er eine antiwestliche Rhetorik und plädiert für eine selbstbewusste Außenpolitik. Das macht er, um das klassische Wählerpotenzial an sich zu binden. Ich glaube, dass man zumindest bis März auch aus innenpolitischen Gründen nicht unbedingt eine weiche russische Haltung erwarten kann.

derStandard.at: Welche Rolle spielt in diesem Konflikt das russische Militär? Die Marine unterhält ja eine Basis im syrischen Tartus.

Klein: Die russische Militärbasis in Tartus ist für Russland extrem wichtig, wenn Russland im Mittelmeer und am Horn von Afrika weiterhin längerfristig präsent sein will. Das wiederum ist wichtig, damit Russland nach außen seinen Großmachtanspruch wahren kann. Das ist die einzige Basis, die Russland außerhalb des postsowjetischen Raumes hat. Sie wird seit 2008 ausgebaut und soll bis 2012 auch für schwere Schiffe befahrbar sein. Was ich nicht glaube, ist, dass Russland sich militärisch direkt aufseiten Syriens engagieren würde. Man hatte in der Vergangenheit eine enge Kooperation in puncto Ausbildung und Waffenlieferungen, und Russland hat in der letzten Woche ja auch deutlich gemacht, dass es neue Waffen liefern wird - die angesprochenen Jak-Militärjets. Offiziell sind sie zu Trainingszwecken, aber man kann die natürlich auch ausstatten und dann einsatzbereit machen.

derStandard.at: Wie, glauben Sie, wird es in Syrien in den nächsten Monaten weitergehen?

Klein: Das ist schwer zu sagen. Es sind verschiedene Szenarien denkbar: dass Assad die Lage wieder unter Kontrolle bekommt, dass er gestürzt wird oder dass es zu einem langen Bürgerkrieg kommt. (flog, derStandard.at, 27.1.2012)


Zur Person: Dr. phil. Margarete Klein forscht bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik in der Forschungsgruppe Russland/GUS. Kürzlich veröffentlichte sie das Paper "Russland und der arabische Frühling".

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 107
1 2 3
rari
02
28.1.2012, 21:31
der gut manipulierte Bürger:

"die Weltgemeinschaft, das sind wir und wir haben immer Recht und unsere Werte sind die einzigen richtigen. Deshalb müssen wir allen anderen diese Werte vermitteln, selbst wenn es die Mehrheit von ihnen nicht will, selbst wenn von denen (aber nicht von unseren !) tausende ins Gras beissen. Daß solche Diktaturen, wie wir sie mit dem Blut der anderen vernichten werden, wie ein Naturgesetz verschwinden ist genauso gewiss," wie, daß wieder neue (westliche ?) Oligarchen diese Länder ausplündern werden. Ich habe im Ostblock jahrelang Wortstereotypien erdulden müssen - es erschreckt mich, daß auf der westlichen Seite manipulierte Bürger mit ähnlichen Worthülsen die Unfähigkeit intelligente Lösungen zu finden kaschieren. "Wir kennen die Russen !"

x aeins
10
28.1.2012, 22:46

Ostblock?
na dann versteh ich deinen satten Vorrat an Worthülsen, Vorurteilen und Politsprech
oder? wie sieht deine intelligente Lösung für Syrien aus?

rari
03
28.1.2012, 23:47
wie wärs zum Beispiel...

mit einer Schlichtungskonferenz unter UNO-Aufsicht ? Aber das will ja die vom Westen ernannte sogenannte Opposition nicht.

"satten Vorrat an Worthülsen, Vorurteilen und Politsprech " und ab ins Schubladenkastl, damit man nicht denken muss - ich hab was gelernt, andere wie man sieht nicht: "Weltgemeinschaft","der Westen","Freiheit","Demokratie","Werte","Wir", "die Zeit ist abgelaufen", "das ist ein Naturgesetz" usw. usw. aber wer einmal fixverdrahtet ist, der merkt das gar nicht mehr. Der reagiert, wie es das System will. Sehr brav !

x aeins
21
29.1.2012, 08:39

Schlichtungskonferenz? Unoaufsicht? Salzamt? Wunderheiler gegen Tsunami? Gesundbeten? Wieso gibts denn den Ostblock oder Yugoslawien nicht mehr, warum hat nicht damals eine Unokommission den Streit einfach beschwichtigt, und warum tut sie das nicht endlich im Nahostkonflikt? Und was haben elementare Ausbrüche von Interessenskonflikten mit flachen Schlagworten, wie von dir verwendet, zu tun?

rari
03
29.1.2012, 16:41
richtig !

NATO-Bombenangriffe - mit tausenden Toten - die einzige intelligente und schlagwortfreie Lösung ! Bravo ! Gewonnen !

x aeins
30
29.1.2012, 17:17

Ich denk du bist im Ostblock aufgewachsen, wo man in der genau richtigen und friedlichen Welt lebte - und wer den Frieden stört, ist ein Konterrevolutionär oder ein westlicher Agent den man unschädlich machen muss. Interessenskonflikte werden innerhalb der Partei ausdiskutiert und gelöst. Wenn sich dein Weltbild in den 20 darauffolgenden Jahren nicht erweitert hat, kann auch ich es mit ein paar Zeilen nicht schaffen.

rari
00
29.1.2012, 22:18
er wird es nie verstehn....

er wird es nie verstehn....

x aeins
10
29.1.2012, 23:41

Echo klappt schon. Am Inhalt musst noch arbeiten.

Perkun
10
28.1.2012, 16:53
Gut sortiert

Sorte sucht Sorte und Diktator sucht Diktator.
Was ist da der Unterschied ?

ted1106
20
28.1.2012, 16:48
Why Washington Wants ‘Finito’ with Putin

http://www.engdahl.oilgeopolitics.net/print/Put... Finito.pdf

x aeins
00
28.1.2012, 17:15

tut dir das net weh, diese wiederaufgetauten Versatzstücke aus dem Kalten Krieg?
Unlängst war eh Putins Redenschreiber hier am Wort, der sagte unverblümt, was er vom russ. "Volk" hält...

Das scheue Reh
11
28.1.2012, 16:23

In Libyen ist die Lage nicht gerade super. Einen offenen Bürgerkrieg gibt es aber nicht. Ohne Eingreifen der Nato hätte es dort wohl einen jahrelangen Konflikt gegeben.

In Syrien ist die Lage aber eine ganz andere. Wenn die Staatsmacht weggebombt wird, dann ist ein offener Bürgerkrieg wohl nicht zu vermeiden. Alewiten und Christen würden zu den Verlierern gehören.

Frorey Fire
00
30.1.2012, 09:37

Selbst in Libyen ist lange nicht klar, ob sich die NATO auf die "richtige" Seite (so es so eine gibt) gestellt hat, oder ob Gaddhafis Nachfolger nicht schlimmer sind als er selbst. Und selbst wenn es sich zufällig als richtig herausstellen sollte, konnte man das doch zu dem Zeitpunkt unmöglich wissen.

Träume sind Schäume.....
00
28.1.2012, 13:28
Alle Verbündeten?

Ich dachte Kuba verteidigt Syrien noch vehement in den UN Gremien.

diamant
12
28.1.2012, 13:25
Es sollte auch den Russen klar sein das Syrien nur ein Zukunft OHNE Assad hat.

Je laenger dies dauert, desto laenger wird das Blutvergiessen dort dauern!

salman
 
11
28.1.2012, 13:19
Die letzten Tage dürfte sich das Regime es sich wieder mit tausenden noch unentschlossenen Bürgern verscherzt haben.

In den Brennpunktvierteln ist ohnehin für das Regime Hopfen und Malz verloren. Dort kontrolliert zwar formal in Wahrheit weiterhin das Regime die meisten Straßen, aber es hat dort jede Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Die hässlichen Racheakte und Gewalttaten (Geschäftsleute die ihre Läden öffnen wollen, werden bedroht bzw. ihre Geschäfte verwüstet etc) sowie der zweifelhafte Schutz durch die "freie Armee" (tatsächlich steigt der Blutzoll natürlich, wenn die Demonstranten von Rebellen flankiert werden und wenn diese ganze Viertel zu befreiten Zonen erklären) dürfen nicht unerwähnt bleiben, aber ...

für das Regime wird es eng ...

egal9
42
28.1.2012, 12:35

"In Aleppo, Free Syrian Army officers were behind the recent assassination of a prominent businessman who was widely believed to be one of the main financiers of the shabiha, or plainclothes security officers, said Col. Ammar Alwawi, a Free Syrian Army officer in Turkey, who said the militia had been warning the government’s supporters for months to “return to the people.” "

http://www.nytimes.com/2012/01/2... ted=2&_r=1

Peace 4 Libya
52
28.1.2012, 12:21
Informationen zum obersten Wächter der Nationen:

Den Herrn Ban ki Moon würde ich gerne fragen wo denn die Filme geblieben sind die er "gesehen" hat als angeblich libysche Flugzeuge Demonstranten bombardiert haben. Oberster UN Mann als Kriegsbereiter.

Unten ein offener Brief an den Herrn, wie war das mit dem Fisch, dem Kopf und dem stinken.

An Open Letter to the dishonorable Ban Ki-moon:
http://www.voltairenet.org/An-Open-L... shonorable

Amin Lamin
 
05
28.1.2012, 09:33
Falshe Informationen in diesem Artikel

In diesem Artikel steht geschrieben: "Lediglich Russland steht noch hinter dem Diktator und versorgt ihn sowohl mit Munition als auch mit neuen Kampfjets"

Was ist mit Iran, China und Iraq

naval
11
28.1.2012, 13:40

Die "amerikanische Marionetten-Regierung" im Irak (hier hundertfach von Diktatorenfans kundgetan) unterstützt Syrien ? LOL.

Amin Lamin
 
11
28.1.2012, 15:02
falls Sie es nicht Wissen...

Irak war das einzige Land in der Arabischen Liga dass Sanktionen gegen den Syrischen Regim nicht unterstuetst hat.

Die Irakische Regierung ist keine Amerikanische Marionette

Jimmy Neutron
00
28.1.2012, 12:58

Sie haben Recht: Nicht nur Russland, auch China muss überzeugt werden. Iran und Irak sind dagegen nicht im UN Sicherheitrat und können kein Veto einlegen. Letztere können überhaupt froh sein, wenn sie nicht selbst unter Beschuss kommen. (Genauer: Der Irak wurde bereits handlungsunfähig gemacht, dem Iran könnte ähnliches blühen.)

x aeins
20
28.1.2012, 11:03

ja, eh. Alles Teildiktaturen, die Präzedenzfälle nicht brauchen können.

readymate
00
28.1.2012, 12:48
Was heißt "Teil"...?!

.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 107
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.