Wenn die Samenbank geschlossen wird: Benedict Wells' Roman "Fast genial" über ein Superhirn in spe, das seinen Vater sucht
Manche Bücher machen es nahezu unmöglich, ihren Autor außer Acht zu lassen.
Der aktuelle Roman von Benedict Wells gehört in diese Kategorie.
Wells ist Jahrgang 1984, sein Debüt Becks letzter Sommer machte ihn
2008 zum jüngsten Autor bei Diogenes, mit Fast genial legt er nun
innerhalb weniger Jahre seinen dritten Roman vor. Der Wunderkindstempel ist da
schnell gezückt, entsprechen- de Aufmerksamkeit gesichert. Francis Dean, der
jugendliche Protagonist von Fast genial, steht indessen zunächst
keineswegs unter Genieverdacht. In einem Trailerpark in New Jersey harrt er, der
Vater unbekannt, die Mutter ein psychisches Wrack, einer unvermeidbar
scheinenden Zukunft mit schlechten Jobs und erhöhtem Cholesterinspiegel. Die
Enthüllung aus einem verfrüht geschriebenen Abschiedsbrief seiner Mutter erfüllt
ihn jedoch mit neuem Optimismus. Francis ist das Produkt einer mittlerweile
geschlossenen Samenbank der Genies und damit potenziell höchstbegabt.
Kurzerhand macht sich das Superhirn in spe auf den Weg nach Kalifornien, um
seinen Vater zu suchen und seine Lebensperspektive besser einordnen zu können.
Begleitet wird er von dem Nerd Grover, der auch das Auto für die Reise
beisteuert, sowie der labilen Anne-May. Diese hat Francis zwar eben erst
kennengelernt, ihre sexuelle Ausstrahlung reicht aber für ein Rückbankticket. Es
ist eine spannende Geschichte, die Wells präsentiert, noch dazu eine, die auf
wahren Begebenheiten beruht. Die besagte Samenbank hat es tatsächlich geben, die
Vitae einiger aus ihr hervorgegangen Kinder sind gut dokumentiert.
Für Wells sind diese Episode aus der Historie wissenschaftlicher Misserfolge
und der damit verbundene Themenkomplex um Herkunft und Determination zudem wohl
auch von persönlichem Interesse. Nicht nur als sich schon in jüngsten Jahren
explizit zum Schreiben berufen Fühlender, sondern ebenso als Enkel des
Reichsjugendführers Baldur von Schirach und somit als Spross einer in letzten
Jahren literarisch sehr erfolgreichen Familie mit dunkler Vergangenheit.
Leider bleibt in Fast genial jedoch nicht nur die Möglichkeit einer
tiefer gehenden Auseinandersetzung mit Fragen der genetischen Bestimmung oder
der wissenschaftlichen Ethik auf der Strecke. Dem ganzen Roman mangelt es an
einer Tiefe.
Wenn Francis in seinen leeren Spind starrt oder einen Ball in stiller
Verzweiflung immer wieder gegen die Wohnwagenwand wirft, ruft Wells Szenen in
Erinnerung, die man bereits in unzähligen High-School-Filmen gesehen hat, die
das im Roman gezeigte Amerika jedoch nur noch stärker als eine papierne Kulisse
für wandelnde Klischees erscheinen lassen. Das ist umso ärgerlicher, als Wells
zu den realen Hintergründen auch einen Plot ersonnen hat, der durchaus
mitzureißen vermag. Es steht damit außer Zweifel, dass der junge Autor flott
schreiben kann. Für den nächsten Roman sollte er sich aber vielleicht ein wenig
mehr Zeit gönnen. (Dorian Waller, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28. Jänner 2012)