Sein Debütroman erhielt den Deutschen Buchpreis - Jetzt legt Eugen Ruge die Erinnerungen seines Vaters an dessen Zeit im Gulag vor
Ein Gespräch. Von Josef
Bichler.
STANDARD: Dieses Café hier liegt in der Gleimstraße, die ja auch in Ihrem
Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" kurz erwähnt wird. Hat es mit der
Gleimstraße eine besondere Bewandtnis?
Ruge: Das ist mir jetzt fast peinlich, aber Ihre Beobachtung stimmt. Ich habe
in einer Wohnung in dieser Straße einmal ein sehr schwieriges Jahr zugebracht;
zwar nicht zu der Zeit, wie es im Buch beschrieben ist, aber es hat schon damit
zu tun.
STANDARD: Ich nehme an, dass dieses So-ähnlich-aber-anders auch für die
Charakterisierung Ihres Vaters gilt. Würde sich denn Ihr Vater Wolfgang in Kurt
aus Ihrem Roman wiedererkennen?
Ruge: Wiedererkennen bestimmt, auch wenn aus der Sicht Alexanders (Kurts
Sohn im Roman, Anm.) vieles bösartiger ist, als das aus meiner Sicht wäre.
Das hat Freunde meines Vaters sehr erbost, und ich muss denen dann erklären,
dass es zwischen den fiktiven und realen Personen einen erheblichen Unterschied
gibt.
STANDARD: Bleiben wir bei den realen Personen. Wie würden Sie Ihren Vater
beschreiben?
Ruge: Mein Vater wurde streng kommunistisch erzogen, das war eine starke
Prägung. Nachdem er diese schweren Erfahrungen in der Sowjetunion machen musste,
hat sich sein Leben im Grunde zwischen diesen beiden Polen abgespielt, auf der
einen Seite sein Traum von einer besseren Welt, auf der anderen Seite seine
Erfahrungen mit dem realen Sozialismus in Stalins Sowjetunion.
STANDARD: Erfahrungen, über die er zu DDR-Zeiten geschwiegen hat ...
Ruge: Zumindest öffentlich. Man muss sagen, dass die Geschichte des
Sozialismus in der DDR ein Tabuthema war, was im Grunde noch einmal ein Vergehen
an denen ist, die durch die Verbrechen Stalins umgekommen sind. Das sind Opfer,
die nicht erinnert wurden, derer nicht gedacht wurde.
STANDARD: Aber wäre nicht gerade Ihr Vater als einflussreicher Historiker
in der Pflicht gewesen, diese Erinnerungsarbeit einzufordern?
Ruge: Er war offenbar erst sehr spät in der Lage, über diese Erfahrungen zu
schreiben. Überdies hat mein Vater vor allem zur Weimarer Republik gearbeitet.
STANDARD: Was einen Akademieprofessor nicht daran hätte hindern müssen,
sich zu Themen außerhalb seines Forschungsschwerpunktes zu äußern.
Ruge: Ich würde sagen, er hat im Rahmen dessen, was möglich war, versucht,
seine Meinung zu äußern. Aber abgesehen davon, dass er bestimmt in manchem auch
angepasst war, kommt noch dazu, dass er auch Marxist war und Thesen vertreten
hat, mit denen die bürgerliche Geschichtsschreibung damals wie heute nicht
einverstanden wäre.
STANDARD: Sind Sie auch Marxist?
Ruge: Ich finde, das Wort Marxist ist eigentlich schon von Übel, weil
derjenige, der sich als Marxist bezeichnet, Gefahr läuft, Marx falsch verstanden
zu haben. Ich halte Marx für einen wichtigen Denker und finde, dass man mit Marx
nach wie vor viel anfangen kann.
STANDARD: Kommen wir von Marx zurück zu Stalin. Ihr Vater emigrierte 1933
nach Moskau und kehrte erst 1956 nach Deutschland, in die DDR, zurück. Sein
"Bericht" in der nun vorliegenden Form umfasst diese Zeitspanne und ist ein
Konglomerat aus Manuskripten, die in verschiedenen Fassungen vorhanden und in
ihrer Entstehung zum Teil Jahrzehnte auseinanderliegend sind. Wie haben Sie
diese komplexe Quellenlage bewältigt?
Ruge: Ich habe Bearbeitungsschichten wieder aufgelöst, das heißt, ich bin auf
ursprünglichere Manuskripte zurückgegangen und denke, dass dies dem Buch
gutgetan hat. Wenn ich gemerkt habe, dass er aus gutem Grund in späteren
Fassungen etwas geändert hat, dann habe ich diese Änderung natürlich übernommen.
STANDARD: Sind Sie da als Sohn nicht Gefahr gelaufen, tendenziös zu
werden?
Ruge: Diese Gefahr gab es bestimmt. Was man mir vielleicht am meisten
vorwerfen kann, ist, dass ich doch eine Menge an Adjektiven rausgestrichen und
den Text etwas ernüchtert habe. Allerdings ist es so, dass die Tendenz zur -
mitunter missglückten - Lyrik bei ihm im hohen Alter zunimmt, man muss sagen:
mit der einsetzenden Demenz. Ich habe da zum Teil radikale Streichungen
vorgenommen und versucht, die Sätze auf ihren Kern zu reduzieren. Für mich ging
es darum, die Geschichte in ihrer Substanz zu retten und so originär wie möglich
zu machen, also die plausibelste und ursprünglichste Variante herzustellen
beziehungsweise wiederherzustellen.
STANDARD: Beim Ergebnis dieser Bemühungen handelt es sich, ich zitiere aus
dem Pressetext, um ein "persönliches wie politisches Buch, das an die Seite der
literarischen Werke von Alexander Solschenizyn, Wassili Grossman und Warlam
Schalamow gehört". Wird da nicht gar hoch gegriffen?
Ruge: Steht das dort? Daran kann ich mich jetzt nicht erinnern. Literarisch
hält der Vergleich bestimmt nicht Stand. Es ist kein literarisches Buch, es ist
ein Bericht. Was die Ungeheuerlichkeit des Erlebten anlangt, ist die Geschichte
bestimmt mit den Genannten vergleichbar. Natürlich ist Schalamow ein ganz großer
Literat, das ist Wolfgang Ruge nicht. Ich denke aber, dass er die Geschichte des
Gulag aus einer Perspektive erzählt, die so noch nicht in die Literatur
eingeschrieben ist.
STANDARD: Die da wäre?
Ruge: Wäre die einer bestimmten Opfergruppe, nämlich jener sogenannten
Arbeitsarmisten, also von Leuten, die gar nicht verurteilt wurden wegen
irgendeines angeblichen Verbrechens, sondern Deutschstämmiger, die bei
Kriegsanbruch zunächst deportiert und später zur Lagerarbeit interniert wurden.
Und die Geschichten dieser Opfergruppe ist in dieser Form noch nicht erzählt
worden, zumindest ist mir nichts Vergleichbares bekannt.
STANDARD: Sie haben auf die Notwendigkeit einer nüchternen Sprache
hingewiesen. Nun erzählt Herta Müller in "Atemschaukel" nicht die gleiche
Geschichte, aber auch dort geht es um ein Schicksal in einem sowjetischen
Arbeitslager. Dort trifft man aber auf eine hochpoetische Sprache, die so
ziemlich das Gegenteil von dem ist, was Sie einfordern.
Ruge: Ja, dort finden Sie ein deutlich anderes Sprachkonzept. Mein Ideal ist
eine Sprache, die hinter ihrem Gegenstand verschwindet, indem sie präzise zum
Ausdruck bringt, was sie soll. Eine Sprache, die ständig spürbar ist und sich
ständig in ihrer Schönheit zelebriert, entspricht nicht meiner Ästhetik. Ich bin
vorsichtig mit Metaphern. Die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte sind
sprachlich auf eine Weise verbrämt worden, die, sagen wir mal, das Gegenteil von
nüchtern ist.
STANDARD: Also doch keine Gedichte mehr nach Auschwitz?
Ruge: Ich fühle mich, in Abwandlung von Adorno, nach Auschwitz zur
Nüchternheit verpflichtet.
STANDARD: Sie betonen, dass ein Schriftsteller vor allem ein Bewahrer sei.
Haben Sie mit Ihrem Roman und der Herausgabe des "Vaterbuches" diesen Auftrag
erfüllt?
Ruge: Ja, das könnte man so sagen. Wenn Sie so wollen, ist mein Vater bis zur
DDR gekommen, und ich habe dann den Rest erzählt. Ich habe mich ja auch für mein
Buch bei meinem Vater bedient. Nicht nur bei diesem Buch, sondern auch bei
seiner Familienchronik, die er als Familienforscher geschrieben hat, etwa auch
über meine russischen Vorfahren mütterlicherseits. Insofern verdanke ich meinem
Vater sehr viel.
STANDARD: Haben Sie mit der Herausgabe dieses Buches also Ihrem Vater ein
posthumes Geschenk bereitet?
Ruge: Es ist für mich eine gewisse Freude und Befriedigung, ihm auf diese
Weise ein bisschen etwas von dem zurückgeben zu können, was er mir geschenkt
hat.
STANDARD: Manche unken, dass Ihnen als Schriftsteller über Ihre
Familiengeschichte hinaus nichts mehr einfallen werde.
Ruge: Und wenn, wäre das schlimm? Mein einziges Problem wäre, was ich dann
mit meinen Vormittagen anfangen soll. (Josef
Bichler, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)
Eugen Ruge, geb. 1954 in Soswa in der Sowjetunion, ist deutscher
Schriftsteller, Regisseur und Übersetzer. Er ist der Sohn des DDR-Historikers
Wolfgang Ruge. Sein Roman "In Zeiten des abnehmendes Lichts" gewann 2011 den
Deutschen Buchpreis. Jetzt wurden unter seiner Heraus-geberschaft die
Erinnerungen seines Vaters "Gelobtes Land: Meine Jahre in Stalins Sowjetunion"
(Rowohlt, 2012) neu auf- gelegt. Ruge lebt in Berlin und auf Rügen.