Ein Konvolut aus bislang unveröffentlichten Fotos, Skizzen und Zeichnungen zeigt neue Facetten in der Vita Alberto Giacomettis
"Je mehr man scheitert, desto mehr erreicht man", konstatierte Alberto
Giacometti (1901-1966), trotz großer Erfolge stets kritisch gegenüber der
eigenen Kreativität, pointiert. Der im Schweizer Borgonovo Geborene galt als
Personifizierung der "terribilità", des von göttlichem Wahnsinn erfüllten, in
körperlicher und geistiger Anspannung schaffenden "divino artista". "Wieso malt
oder modelliert man? Niemand kennt den Antrieb dazu. Niemand beschließt: Jetzt
werde ich Skulpturen machen, oder jetzt werde ich malen. Man tut es einfach. Man
tut es, um eines Wahnes willen, aus Besessenheit."
Diese intensive, alles andere im Leben unterordnende Passion des als "Magier"
bezeichneten Künstlers wird zahlreich in Anekdoten beschrieben und ist auch auf
Fotos begreif- und spürbar. Schon zeit seines Lebens war seine Arbeit von
namhaften Fotografen wie Man Ray, Doisneau oder Cartier-Bresson dokumentiert und
publiziert worden. So entstand das Topos des Künstlers als Bohemian, stets in
Anzug und Krawatte, mit wildem, ungekämmtem Haar, eingehüllt in den Rauch einer
im Mundwinkel steckenden Zigarette, inmitten des Chaos seines Ateliers,
unablässig um sein künstlerisches Ideal ringend, in seine Arbeit versunken. Ende
2008 tauchten aus dem Vorlass eines Privatiers zwei Mappen mit mehr als 100
unveröffentlichten Fotografien und Zeichnungen Giacomettis auf. Unterstützt von
einem privaten Mäzen, erhielt das Bündner Kunstmuseum Chur das Konvolut als
Depositum.
Das nun unter Kunsthistoriker Beat Stutzer edierte, eloquent kommentierte,
unter dem Titel Alberto Giacometti - neu gesehen publizierte Konvolut
dekuvriert neue Facetten seiner Vita. Es zeigt den introvertierten, in seinem
Innersten Suchenden, den Fragenden, den Zweifelnden. Neben Aufnahmen mit
Freunden - unter ihnen Sartre, de Beauvoir, Bataille, Cocteau, Prévert, Genet,
Beckett, Picasso - sowie Frau und Muse Annette bestechen vor allem die Porträts,
die ihn bei der Arbeit zeigen. Als Kulisse dienen Refugien im ländlichen Bergell
- in Stampa oder Maloja -, Cafés in Paris und das Atelier in der Rue
Hippolyte-Maindron 46. Luzid vor allem die Aufnahmen, auf denen er modelliert.
En Detail sehen wir seine gipsverklebten Hände, seine suchenden Augen. "Wichtig
ist nun, ein Objekt neu zu schaffen, das möglichst ein ähnliches Gefühl
vermittelt wie beim Anblick des Subjekts. " Der Band dokumentiert einprägsam den
"Schöpfungsprozess" früher Skulpturen, der Miniaturen, der charakteristischen
Köpfe und schreitenden, schlanken Bronzen, geprägt von Kubismus, Surrealismus,
Phänomenologie und, aufgrund intensiver philosophischer Beschäftigung mit der
"conditio humana", dem Existenzialismus.
Giacometti war sich der Bedeutung fotografischer Dokumentation in Bezug auf
sein OEuvre bewusst. "Jedes Kunstwerk ist vollkommen umsonst gezeugt - es sei
denn um des direkten, gegenwärtigen Gefühls willen, das der Künstler empfindet,
wenn er der Wirklichkeit ins Auge blickt." (Gregor Auenhammer, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 28./29. Jänner 2012)