Kreditvergabe im Dezember gesunken - Portugals Banken besonders knausrig - Rufe nach EZB-Zinssenkung werden laut
Frankfurt - Die Gefahr einer Kreditklemme in der Eurozone nimmt
zu. Wie aus Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) hervorgeht, fiel die
Kreditvergabe der Banken an Unternehmen im Dezember gegenüber dem Vormonat um
insgesamt 37 Mrd. Euro. Das ist der größte Rückgang binnen vier Wochen. Auch
Haushalte bekamen weniger Geld von den Instituten - hier sank die Kreditsumme um
10 Mrd. Euro. Im von der Schuldenkrise stark betroffenen Portugal waren die
Geldhäuser besonders knauserig: Sie reichten im Dezember für fast 5 Mrd. Euro
weniger Kredite aus als noch einen Monat zuvor.
Einige Volkswirte werteten die am Freitag veröffentlichen Zahlen als Hinweis
auf eine bevorstehende Kreditklemme und forderten von der EZB zur Vorbeugung
eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik. "Der starke Rückgang der Kreditvergabe
ist ein erstes Zeichen dafür, dass es zu einer breiteren Kreditklemme kommen
könnte", sagte James Nixon von der französischen Großbank Societe Generale. Der
Chefökonom der Hamburger Berenberg Bank, Holger Schmieding, rechnet wegen der
Kreditverknappung mit Bremsspuren in der Konjunktur und sagt eine Reaktion der
Zentralbank voraus. "Die Zahlen alleine sind schon ein Grund für weitere
geldpolitische Lockerungen. Die EZB wird wahrscheinlich im März abermals ihre
Leitzinsen senken und sie werden zusätzlich auch ihre Wachstumsprognose
reduzieren müssen."
Leitzins bei 1,0 Prozent
Der Leitzins steht seit Dezember wieder bei 1,0 Prozent.
EZB-Direktoriumsmitglied Jose Manuel Gonzalez Paramo sagte am Freitag im
spanischen Fernsehen, die EZB habe niemals erklärt, dass das so bleiben müsse:
"Die Zinsen werden so hoch oder so niedrig sein in Europa, wie es nötig ist um
Preisstabilität zu gewährleisten. Wir haben uns niemals auf eine Untergrenze
festgelegt." Der EZB-Rat entscheidet das nächste Mal am 9. Februar über seinen
geldpolitischen Kurs. Die Kreditdaten sind dabei eine wichtige, wenn auch
natürlich beileibe nicht die einzige Entscheidungsgrundlage.
Nicht wenige Fachleute halten die Angst vor einer baldigen Kreditklemme
nämlich für überzogen. "Es ist zu früh das eine Kreditklemme zu nennen. Die
Zahlen reflektieren ein schwaches viertes Quartal", kommentierte etwa Carsten
Brzeski von der niederländischen ING-Bank. Ob der Rückgang der Kreditvergabe
dabei auf restriktivere Bedingungen seitens der Banken oder aber auf eine
geringere Nachfrage nach Krediten zurückzuführen ist, sei unklar, sagte
Commerzbank-Analyst Michael Schubert. Darüber könnte der vierteljährliche
Kreditbericht der EZB Aufschluss geben, der kommenden Mittwoch veröffentlicht
werden soll. In Deutschland sei von einer Kreditklemme nichts zu spüren.
Jens Sondergaard von der japanischen Nomura-Bank verwies darauf, dass sich in
den Daten das vor Weihnachten aufgelegte drei Jahre laufende Repo-Geschäfts der
EZB mit den Banken nicht finde. Damals hatten sich die Institute fast eine halbe
Billion Euro bei der Notenbank besorgt. Diese hofft, dass ein Großteil des
Geldes über Kredite in der Wirtschaft ankommt und sich so eine Kreditklemme
verhindern lässt. Die Geldschwemme der EZB, der eine weitere Ende Februar folgen
wird, lässt sich erst ab kommendem Monat in der Statistik ablesen.
Im Jahresvergleich stiegen die Bankenkredite an Firmen und Privathaushalte
der Euro-Zone im Dezember noch leicht. Die Summe erhöhte sich im Vergleich zum
Vorjahresmonat allerdings nur noch um ein Prozent. Im November hatte es noch ein
Plus von 1,7 Prozent gegeben. Analysten hatten mit einer Zunahme um 1,9 Prozent
gerechnet. Das Wachstum der für die Zinspolitik der EZB wichtigen Geldmenge M3
lag im Schlussmonat 2011 lediglich bei 1,6 (November: 2,0) Prozent. M3 umfasst
unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere
sowie Schuldverschreibungen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit. (APA/Reuters)