Steirische Demokratie am Prüfstand

Fast wie im Märchen

Leser-Kommentar | 27. Jänner 2012, 09:52

In der Steiermark werden Reformen derzeit "rucki, zucki" umgesetzt. Bleibt die Frage, ob derart arbeitende Regierungen auch Schattenseiten haben

Die Steiermärkische Landesregierung, besser bekannt als "Reformduo Voves-Schützenhöfer", ist derzeit in aller Munde. Probleme werden inhaltlich angegangen, Maßnahmen vereinbart und - auch gegen Widerstand - umgesetzt. Kurz und bündig: Die Regierung tut, was von ihr erwartet wird. Sie regiert. Ungeachtet dessen, ob man inhaltlich mit ihren Handlungen einverstanden ist oder nicht.

Diktatur auf demokratischer Basis

Doch schon regt sich Widerstand, und zwar nicht nur aus den Reihen der Betroffenen, sondern viel allgemeinerer Natur. Es zeigt sich generelles Unbehagen gegenüber den "Machern", welches nicht zuletzt auch im STANDARD vom 23.1.2012 formuliert wurde. Begründet wird dieses Unbehagen damit, dass alle Entscheidungen im engsten Kreis getroffen werden und die demokratisch gewählten Gremien diese anschließend (unkommentiert) abnicken. Sozusagen "Diktatur auf demokratischer Basis".

Vox populi, "vox Rindvieh"

Dieser Befund ist zumindest nicht ganz unrichtig, wenn auch etwas überzogen formuliert. Stellt sich die Frage nach den Alternativen. Die eine ist sicherlich der - parlamentarisch legitimierte - Stillstand, wie wir ihn aus den letzten Jahrzehnten gewohnt sind bzw. jetzt auch auf Bundesebene gut beobachten können. Unzählige Debatten, geführt von Klub- und anderen Zwängen unterworfenen Abgeordneten, denen oftmals das notwendige inhaltliche Rüstzeug fehlt. Faktum ist, dass Mandatarinnen und Mandatare ihre Aufgaben nicht mit der für eine gut funktionierende Demokratie notwendigen Professionalität wahrnehmen (können).

Repräsentativ funktioniert die Demokratie anscheinend nicht, also her mit der direkten Demokratie. Bürgerinnen und Bürger, die ihren Alltag bewältigen müssen, sollen über hochkomplexe Sachverhalte abstimmen, über deren Tragweite sich selbst Expertinnen und Experten oftmals nicht im Klaren sind. Das eröffnet Demagogen, die einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten (z. B. keine Ausländer = keine Arbeitslosen), ungeahnte Möglichkeiten. Aufgehetzte Wahlberechtigte erzwingen per Mehrheit der abgegebenen Stimmen (!) die Abschaffung von Grund- und Menschenrechten (Wiedereinführung der Todesstrafe, Zensur etc.) bis hin zur letzten Konsequenz, der Wahl eines Diktators per Volksentscheid. Unrealistisch? Nein, ein kurzer Blick zurück genügt. Hitler kam nach einer Wahl und dem anschließenden Versagen der demokratischen Institutionen an die Macht. Was die vox populi (vox Rindvieh) anrichten kann, ist in Italien und Ungarn aktuell sehr gut zu sehen.

Rückgrat als Lösung

Eine stabile Repräsentative kann nur funktionieren, wenn sich alle Akteurinnen und Akteure ihrer Aufgabe bewusst sind und diese auch wahrnehmen. Die Regierung schlägt Maßnahmen auf Basis eines gut durchdachten Regierungsprogramms vor. Die Beamtenschaft steuert das Umsetzungs-Know-how bei und reflektiert die Maßnahmen der Politik kritisch im Sinne der Grundsätze Rechtmäßigkeit, Sparsamkeit und Angemessenheit. Im Parlament werden die Regierungsvorlagen kritisch und fundiert diskutiert, und das Parlament bringt auch eigene Vorschläge zu den Themen ein. Zuletzt machen die Bürgerinnen und Bürger von ihrem Wahlrecht Gebrauch und bewerten nach reiflicher Überlegung die Arbeit der Volksvertretung. Klingt wie im Märchen, ist aber durch den Einsatz jeder und jedes Einzelnen zumindest Ansatzweise zu erreichen. (Leserkommentar, Thomas Karasek, derStandard.at, 27.1.2012)

Autor

Mag. Thomas Karasek ist Leiter der zentralen Qualitätsstelle und Mitarbeiter in der Abteilung Strategische Planung der Joanneum Research. Er ist Lektor an der Karl-Franzens-Uni Graz, an der Medizinischen Universität Graz und an der FH Campus 02.

Warentester
00
31.1.2012, 17:34

"Aufgehetzte Wahlberechtigte erzwingen per Mehrheit der abgegebenen Stimmen (!) die Abschaffung von Grund- und Menschenrechten (Wiedereinführung der Todesstrafe, Zensur etc.) bis hin zur letzten Konsequenz, der Wahl eines Diktators per Volksentscheid. Unrealistisch? Nein, ein kurzer Blick zurück genügt."

So wie in der Schweiz, gell.

"Hitler kam nach einer Wahl und dem anschließenden Versagen der demokratischen Institutionen an die Macht."

Glatte Unwahrheit. Hitler Machtergreifung war ein Kind der INDIREKTEN Demokratie, und in einer direkten wohl kaum möglich gewesen.

"Was die vox populi (vox Rindvieh) anrichten kann, ist in Italien und Ungarn aktuell sehr gut zu sehen."

Beides indirekte Demokratien.

Soviel zur Märchenstunde.

Franz_Josef
00
31.1.2012, 10:58
"Die Regierung schlägt Maßnahmen auf Basis eines gut durchdachten Regierungsprogramms vor."

gibts dafür irgendwo irgendwelche Anzeichen?
Würde mich echt interessieren.
Eventuell einen eigenen Artikel wert, oder?

Oder vielleicht soll der Paierl vom Stronach und Klima von VW Argentinia wieder zurückkommen, um Wirtschaftspolitik zu machen. Und die Gitti Ederer vom Siemens-Vorstandssessel aus die Republik führen. Wär doch was.

Johannes99
00
27.1.2012, 18:46
"Abnicken" ist halt kein freundlicher Ausdruck

Ich halte die (Ideal-)Vorstellung für naiv, dass in einem Parlament eine Regierung freien Abgeordneten gegenübersitzt, die reiflich überlegt abstimmen.
Wer sitzt in der Regierung? Die Vertreter der Parlamentsmehrheit, sie sind damit Teil ihrer Fraktionen. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir zweimal wählen: Einmal den Regierungschef, einmal die Abgeordneten. Funktioniert in Gemeinden mit Bürgermeister-Direktwahl. Die sind aber wieder politisch arme Hunde, wenn die andere Partei die Mehrheit stellt.

der schwitzbär der schwitzt sehr
02
27.1.2012, 12:13
In anderen Worten:

Demokratie ist nur ok, solange das Ergebnis paßt

Tja. Wie konnten wir Idioten vulgo "Bevölkerung" auch nur etwas anderes annehmen :-)

Archi
00
27.1.2012, 16:49
wie kommen sie zu diesem schluss?

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