Hilfsorganisation: Häftlinge werden gefoltert und erhalten keine medizinische Hilfe
Tripolis/Wien - Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen
beendet die Arbeit in den Internierungszentren der libyschen Stadt
Misrata. Mitarbeiter hätten festgestellt, dass Gefangene gefoltert
werden und ihnen medizinische Hilfe vorenthalten wird, teilte die
Organisation am Donnerstag in einer Aussendung mit.
Teams von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF)
arbeiten seit August 2011 in den Internierungszentren in Misrata, um
kriegsverletzte Gefangene zu behandeln. Die Mitarbeiter seien immer
öfter mit Patienten konfrontiert gewesen, die Verletzungen infolge
von Folter während Verhören aufwiesen. Ärzte ohne Grenzen habe
insgesamt 115 Patienten behandelt, die Verletzungen durch Folter
aufwiesen, und alle Fälle den zuständigen Behörden in Misrata
gemeldet.
Seit Jänner seien Patienten, die in die Verhörzentren
zurückgebracht wurden, sogar erneut gefoltert worden, erklärte die
Organisation. "Das ist vollkommen inakzeptabel. Wir sind in Misrata,
um Kriegsverletzte und kranke Gefangene medizinisch zu versorgen -
aber sicher nicht, um wiederholt dieselben Patienten zwischen
Verhörsitzungen zu behandeln", erklärte Christopher Stokes,
Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Belgien.
Verletzte Gefangene weiter gefoltert
Auslöser für den Rückzug aus Misrata war ein Vorfall im Jänner.
Ärzte ohne Grenzen beobachtete, dass Patienten dringend notwendige
medizinische Hilfe verwehrt wurde. Trotz der Meldung der Notlage der
Häftlinge und der Bitte an die Behörden, Misshandlungen von Gefangenen zu
verhindern, wurden verletzte Gefangene weiter verhört und gefoltert.
Ärzte ohne Grenzen wird seine psychosozialen Aktivitäten in
Schulen und Gesundheitseinrichtungen in Misrata weiterführen, ebenso
die Hilfe für 3.000 afrikanische Migranten und Vertriebene in
Tripolis und Umgebung.
Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit dem 25. Februar 2011 in Libyen.
Um die Unabhängigkeit der medizinischen Arbeit zu garantieren,
verwendet Ärzte ohne Grenzen zur Finanzierung der Projekte in Libyen
ausschließlich private Spenden. Die Organisation akzeptiert für die
Arbeit dort keinerlei Gelder von Regierungen, Organisationen,
militärischen oder politischen Gruppen. (APA)